Wehrpflicht? Aus keiner Perspektive tragbar

Von Jerome Wnuk | Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ist auch in Deutschland das Thema Wehrpflicht nach Jahren mal wieder aus der Mottenkiste geholt worden. Besonders bei der AfD und Teilen der Union findet die Idee, die 2011 unter Theodor von Guttenberg abgeschaffte Wehrpflicht für Menschen ab dem 18. Lebensjahr wiedereinzuführen, Anklang. Doch die pazifistisch eingestellte „Generation Z“ zum Dienst an der Waffe verpflichten? Eine schlechte Idee.

Ich bin aktuell im Abiturjahrgang und erlebe die letzten Wochen Schule. Neben dem üblichen Schulkram und den tagesaktuellen Geschehnissen beschäftigen wir uns aktuell also vor allem damit, was wir nach der Schule machen. Vor uns steht eine neue, offene Welt, voller verschiedener Möglichkeiten und Reize. Nach zwei harten Jahren Lockdown und Bevormundung durch die Politik spürt man als junger Mensch endlich mal wieder ein Gefühl der Freiheit. Fragt man unter seinen Mitschülern und Freunden und Freundinnen nach hört man die verschiedensten, verrücktesten Ideen was man nach der Schule macht.

Ein Freund von mir will in Ghana als Sportlehrer arbeiten, eine andere Freundin in einem Frauenhaus in Kolumbien. Viele freuen sich endlich studieren zu können oder erstmal Pause nach der Schule zu machen. Doch in dieses Freiheitsgefühl und diese Ideen stößt jetzt die Idee der Reaktivierung der Wehrpflicht. Jetzt erstmal ein halbes Jahr in irgendeiner Kaserne hocken und Disziplin gepredigt zu bekommen? Für die meisten Jugendlichen völlig absurd.

Bis auf ein paar Mitschüler, die sich ein Beruf als Soldat durchaus vorstellen können, ist die Bundeswehr der Mehrheit bisher nur durch die jährlich im Postfach landenden Werbebriefe aufgefallen. Waffen gelten, bis auf Lichtschwerter, eigentlich als ziemlich uncool und obwohl einige Jugendliche irgendwelche Ballerspiele spielen, könnte sich kaum einer wirklich vorstellen in einem Panzer zu sitzen oder irgendwo in einem Wald Schießübungen durchzuführen. Meine Generation ist also nicht nur genervt von staatlichen Eingriffen in den Lebenslauf, sondern auch mehrheitlich völlig nutzlos für die Bundeswehr. Das liegt nicht nur an der zugegebenen immer dekadenter werdenden Jugend, sondern auch an den modernen Anforderungen der Bundeswehr. Für Cyberangriffe und andere Spezialanforderungen sind unausgebildete, lustlose Jugendliche keine Hilfe. In modernen Armeen geht es nicht mehr darum, möglichst viele Soldaten zu haben, sondern möglichst gut ausgebildete. Mal ganz abgesehen davon, dass es einen gewaltigen logistischen Aufwand bedeuten und Jahre an Zeit kosten würde, um Kasernen und militärische Einheiten wieder für den Einsatz von Tausenden von wehrpflichtigen Jugendlichen zu öffnen. Bei der aktuellen Situation der Bundeswehr unvorstellbar.

Wer Lust auf diesen ehrwürdigen Beruf hat, wird auf anderem Weg dazu finden.

Auch das Argument, man könnte durch die Wehrpflicht mehr Jugendliche für den Soldatenberuf begeistern, zieht nicht. Aktuell ist es noch so, dass wenn ein Mitschüler erwähnt, er wird nach der Schule ins Militär gehen, das meistens positiv aufgenommen wird. Man hat Respekt vor dem Beruf, auch weil man es sich selber nicht vorstellen könnte Soldat zu sein. Das könnte mit einer Pflicht sich ändern. Man könnte nach dem Dienst so abgetan sein vom Militär, dass man andere, die eine Soldatenkarriere womöglich anstreben, eher mit schiefem Blick ansehen als mit einem unterstützenden. Was hingegen wirklich für die Bundeswehr wirbt, sind deren Social-Media-Kanäle. Die durchaus ganz kurzweiligen und interessanten Videos motivieren einige Jugendliche dazu sich auch diesen Beruf vorstellen zu können. Ein Mitschüler von mir möchte sich nach dem Abitur verpflichten, initiiert durch das Auftreten der Bundeswehr in den sozialen Medien.

Wer also Lust auf diesen ehrwürdigen Beruf hat, wird ihn schon auf irgendeinem Weg finden. Aber jetzt Tausende an pazifistischen Jugendlichen, die nach Kolumbien und sonst wo reisen und ihre neu gewonnene Freiheit leben wollen, in die Pflicht zu ziehen, wäre eine falsche Entscheidung. Falls es jedoch doch dazu kommen sollte, dass ich bald meine Wehrpflicht antreten muss, dann hoffe ich, dass ich wie mein Vater irgendein Schlupfloch finde. Mein Vater ist in West-Berlin aufgewachsen und musste daher im Gegensatz zu allen anderen Jugendlichen der Republik keinen Wehrdienst antreten.

Pflichten sind ganz einfach nicht die Lösung. Für die Impfung nicht, für bestimmte Meinungen nicht und für aufgezwungene Arbeit auch nicht. Es sind ja auch nicht nur die linken Jugendlichen, die nicht zur Bundeswehr wollen. Wenn ich mir vorstelle, dass ich unter dem Komando von Olaf Scholz und unserer aktuellen Verteidigungsministerin stehen und für linksideologische Politk mein Leben gefährden müsste, würde ich auch von der Fahne gehen. Es ist ja auch nicht so, als wäre die Bundeswehr ein Scherz. Es ist kein Erziehungslager, die die unorganisierte Jugend wieder auf Zack bringen soll. Die Bundeswehr ist dafür da, um im Ernstfall in den Krieg zu ziehen, zu kämpfen, bereit sein, sein Leben zu lassen. Das ist ernst. Ich sterbe ganz sicher nicht für Claudia Roth, oder wer in der Politik noch so das Sagen hat.