Weder Rebellion noch Exzess: laut Studie wollen Jugendliche vor allem Sicherheit

Von Gesche Javelin | Den Jugendlichen wurde schon immer vieles nachgesagt. Wir waren dafür bekannt, mal unvernünftig zu sein und immer nur Spaß haben zu wollen. Schon Platon hat sich über die rebellische Jugend brüskiert. Trotzdem blieb und bleibt der aktive Protest gegen Corona-Maßnahmen von unserer Generation mehrheitlich aus. Wo bleibt die Rebellion nun? Eine Umfrage aus 2020 könnte die Antwort darauf bieten: „Die heutige Jugendgeneration ist stark [von der Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Halt und Orientierung] geprägt.“ Die Sinus-Studie „Wie ticken Jugendliche?“ zeigt uns eine ernste und problembewusste Jugend. Die Jugend wolle nicht mehr so viel „Fun und Action“, sondern Sicherheit. Sie strebe nach Zusammenhalt und wolle „in der Mitte der Gesellschaft ankommen“.

Ein großes Bedürfnis nach Sicherheit – das ist mal was Neues. Auf einmal soll und will die Jugend seriös sein. Früher wehrten sich die Jugendlichen gegen die Wehrpflicht. Ihnen wurde vorgeworfen, dass sie sich der moralischen Verpflichtung, das Land zu verteidigen, entziehen. Auch über den Schutz der Umwelt wurde schon diskutiert. Gegen die Atomkraft sind viele auf die Straße gegangen. Die Jugend hat sich gegen die Regierung gewehrt. Die Jugend war unverantwortlich. Heute sind die Umweltaktivisten in der Regierung und es wird denen, die nicht für die Umwelt auf die Straße gehen, vorgeworfen, sich der moralischen Verpflichtung zu entziehen. Doch heute ist die Jugend verantwortungsbewusst. Was hat sich geändert? Sie fühlen sich immer noch als Teil einer Veränderung, nur rennen sie bei der Regierung offene Türen ein. Jetzt, wo die Regierung links-grün ist, ist sie gut? Die Jugendlichen reden der Regierung nach dem Mund, also sind Jugendliche jetzt pflichtbewusst. Die herrschende Ideologie wird nicht mehr hinterfragt.

Doch bevor man eine ganze Generation verurteilt, sollten wir uns eine Frage stellen: Wie kann es sein, dass sie – obwohl wir keinen Krieg kennen, keinen Hunger, keine Gewalt – so große Angst hat, dass für sie Sicherheit über Spaß, Lebensfreude und Freiheit steht? Und warum stellt niemand diese Frage? Stattdessen wird diese Angst von der Regierung instrumentalisiert, sogar noch gefördert. Schon 2020 wollte die Jugend Sicherheit – seitdem ist viel passiert. Statt ihr zu helfen und dafür zu sorgen, dass sie keine Angst mehr hat, wurden ihr noch neue Ängste eingeredet.

Was ist mit uns Jugendlichen passiert?

Interessant finde ich, was die Studie dazu sagt: „Der Ernst der Lage und die Unübersichtlichkeit der Verhältnisse in der Welt verstärken […] die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Halt und Orientierung.“ Anders gesagt: Löst die andauernde Weltuntergangsstimmung bei der Jugend ein verstärktes Sicherheitsbedürfnis aus? Tatsächlich kann man dieses Phänomen in der gesamten Gesellschaft beobachten.

Die Medien zeigen uns Bilder von Krieg, Not und Leid. Jeden Tag werden wir mit Katastrophen-Meldungen überflutet. Wir müssen Angst vor dem Klimawandel und damit einhergehenden Naturkatastrophen haben, vor Krieg, vor Terrorismus, vor dem Stromausfall, vor der Inflation, jetzt auch vor einem Virus, vor den Menschen um uns herum, aber auch vor uns selbst. Die Gesellschaft sehnt sich nach dem Gefühl von Sicherheit. Sicherheit ist eines der Grundbedürfnisse des Menschen. Wir streben danach, uns sicher zu fühlen und nicht in ständiger Verteidigungs- und Vorsichtshaltung verharren zu müssen. Ein Dach über dem Kopf, einen sicheren Job oder auch eine Krankenversicherung geben uns dieses Gefühl von Sicherheit. Wahrscheinlich war gerade die junge Generation für Impfung und Maske so anfällig: sie verkörpern diesen Wunsch nach Sicherheit – sich vor unsichtbaren Feinden mit handfesten Mitteln zu verteidigen.

Doch je mehr Sicherheit man verlangt, desto weniger Freiheit kann man sich bewahren.
Wenn wir nur noch in unserem Schneckenhaus bleiben, um auch den geringsten Gefahren zu entkommen, können wir uns nicht mehr bewegen. Wir nehmen in Kauf, dass unsere Handys überwacht werden, um vor Terroristen sicher zu sein. Wir lassen uns einsperren, um einem Virus zu entkommen. Wir sollen abbremsen, um das Klima zu schützen. Die Angst ist groß und die Freiheit wird immer kleiner. Wir suchen nach Geborgenheit und wollen endlich der Angst entkommen. Doch der Preis hoch.

2 Antworten

  1. Cookie Monster sagt:

    Ein richtig schöner Text. Schuld an dieser Angstkultur sind jedoch nicht die jungen Leute, sondern die „Erwachsenen“. Dieselben alten Säcke, denen beim Andenken an Che Guevara und Studentenrevolten warm ums Herz wird, wünschen sich eine junge Generation von Ja-Sagern und Mitläufern. Erfreulich, dass es bei Apollo anders zugeht!

  2. clara sagt:

    Der Artikel hat mir sehr gefallen – er ist unaufgeregt und regt doch zum Nachdenken an. Danke dafür!