Warum man auf einer Inklusionsschule nichts lernen kann – ein Erlebnisbericht

Von Selma Green | Es ist ja spätestens seit PISA nichts Neues, dass die Schulbildung in Berlin heutzutage nicht die beste ist. Ein Beispiel dafür ist meine ehemalige Grundschule, an der die Lehrkräfte die Idee eines sozialen Miteinanders fast schon gewaltsam durchgesetzt haben. Auf einer Inklusionsschule mit jüL (jahrgangsübergreifendes Lernen) werden lernbehinderte und gesunde Schüler jeweils von der 1. – 3. und 4. -6. Jahrgangsstufe  gemeinsam in einer Klasse unterrichtet. Was ich dort lernen sollte, erschließt sich mir bis heute nicht.


Die Lehrer der Inklusionsschule bezeichneten die Handicap-Kinder als „besonders begabt“ oder Kinder „mit besonderen Fähigkeiten”. Diese ausgedachten Synonyme für die eigentliche Erkrankung sollten die I-Kinder vor Gefühlen, welche durch eine Bezeichnung wie „Behinderter“ ausgelöst werden könnten, bewahren. Warum auch immer… Es führte jedoch dazu, dass ich anfangs neidisch auf ihre „Gabe“ war. Ich dachte, sie hätten eine ähnliche Fähigkeit wie „Rapunzel“, eine meiner Lieblingsprinzessinnen. Später bemerkte ich, dass diese „Begabung“ nichts mit Zauberhaaren o.ä. zu tun hatte.

Im Weiteren werde ich zwischen mehrere Bezeichnungen für die Behinderten bzw. Inklusionskinder (I-Kinder) wechseln, da es mir bis heute schwerfällt, einen angemessenen Ausdruck dafür zu finden.


Sondereinrichtungen wie Inklusionsschulen sollen verhindern, dass Behinderte von der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Sie sollen sich vielmehr beteiligen dürfen.

Ein Beispiel für die Absurdität dieses Argumentes bietet ein behinderter Klassenkamerad, welchen ich hier F. nenne.
F. war während der Unterrichtsstunden oft unruhig. Er hatte keine Freunde in der Klasse, und es war auch nicht gerade angenehm, mit ihm Unterricht zu haben. Er nervte  mich und auch meine Klassenkameraden oft nur und hielt uns vom Lernen ab. Ich denke, F. verstand nichts von dem Unterrichtsstoff und war deshalb nervös und oft wütend. In den Pausen traf er sich meist mit einem anderen I-Kind seines Alters aus der Nebenklasse. Sie verstanden sich untereinander sehr gut.
Man hatte den Eindruck, ihm ging es deutlich besser in Anwesenheit des ebenfalls behinderten Freundes. Deshalb hatten die Lehrer oft Schwierigkeiten, die beiden nach den Pausen zu trennen und in den jeweiligen Klassen normal weiter zu unterrichten.

Meiner Meinung nach ging es weder den Behinderten noch den normalen Schülern in den gemischten Klassen gut. Ich denke, dass viele I-Kinder an der Inklusionsschule Spott, Ausgrenzung und Versagen erleben, weil sie fast täglich daran erinnert werden, dass sie anders, bzw. in vielen Bereichen beschränkter als die anderen Kinder sind. Untereinander geht es ihnen meines Erachtens besser, und daher sind Sonderschulen wichtig. Es wird immer ein Unterschied zwischen behinderten und normalen Kindern geben, man kann sie nicht gleichsetzen, wie es eine Inklusionsschule erzwingt.



Kinder ohne Behinderung sollen laut den Befürwortern von Inklusionsschulen durch Integrationsunterricht früh einen Umgang mit Behinderten lernen. Dies soll ihre soziale Kompetenz fördern.

Auf unserer Schule gab es sogenannte „Betreuer“, welche sich um die „Sternchenkinder“ kümmern sollten. Mir fielen diese Betreuer erst in der dritten Klasse  auf, da sie keine wirkliche Hilfe waren, was die I-Kinder betrifft. Eine der gruseligsten Aufpasserinnen war eine vegane, lesbische und magersüchtige mit Augenringen und einer Glatze ausgestattete Taishikünstlerin, die mich empört korrigierte, einen beigen Stift nicht „hautfarben“ zu nennen, da ich sonst rassistisch wäre. Dazu muss ich sagen, dass mein Aussehen von meinem nigerianischen Großvater geprägt ist…

Während sie oft mit ihren Taishiübungen auf dem Schulhof beschäftigt war, ärgerten uns diese gehandicapten Kinder. Ein Junge musste ins Krankenhaus, weil er einen Stein gegen den Kopf geworfen bekam, und das von einem I-Kind. Die Betreuer waren nicht sehr motiviert, sich um die I-Kinder zu kümmern und deshalb versuchten sie ihre Arbeit auf meine Mitschüler und mich abzuwälzen. Da ich in den Augen der Lehrer und Betreuer sehr fleißig und sozial war, sollte ich den I-Kinder umso öfter helfen.

Zuvor hatte ich noch keine Erfahrung mit diesen sonderbaren Kindern und fühlte mich oft im Stich gelassen, wenn diese Kinder mich ärgerten oder ich mit Ihnen z.B. im Sportunterricht spielen sollte. Mich haben die I-Kinder genervt und überfordert. Diese Hilfe bestand darin, dass sich jeweils wöchentlich zwei Kinder jede Pause um eines der kranken Kinder kümmern sollte: zum einen gab es einen Mangel an Betreuern und zum Anderen hatten die meisten Betreuer keine Lust auf die Handicap-Kinder. Das war oft sehr mühsam, denn die I-Kinder sind weggerannt, haben sich versteckt, getreten oder gebissen. So wurden die Pausen, welche normalerweise als Erholungs- bzw. Spielezeit gedacht waren, noch anstrengender als der Unterricht. Wenn die Behinderten etwas kaputt gemacht oder anderes Verbotenes getan haben, schoben es die Lehrer meistens auf uns (die normalen Schüler), da sie sich anscheinend nicht mit den Handicap-Kindern auseinandersetzen wollten.

Weil ich schon so früh einen Umgang mit Behinderten finden sollte, ging es mir auf die Dauer immer schlechter. Die Zumutung, mich um solche Kinder zu kümmern oder mit ihnen “befreundet” sein zu müssen, hat mich überfordert. Der soziale Druck machte mir oft Angst. Man durfte nichts Falsches sagen, wie zum Beispiel “Behinderter”. Auf dieser Schule lernte ich, dass ich mit solchen Kindern nichts zu tun haben möchte. Wobei genau das Gegenteil Ziel einer Inklusionsschule ist.

Ein weiteres Argument für die Inklusionsschule soll sein, dass durch den gemeinsamen Unterricht Behinderte mehr und gesunde Schüler nicht weniger lernen.


Die Fachkräfte brachten uns bei, sich sozial zu verhalten, sei wichtiger als Lernen. Viele meiner  Klassenkameraden nahmen den „sozialen” Umgang, dies bedeutete die I-Kinder fast schon zu erziehen, sehr ernst, vor allem die Mädchen. Als ich in die 6. Klasse kam, sollte ich den jüngeren und den behinderten Kindern das Lesen und Schreiben beibringen, denn „von Schüler zu Schüler lernt man besser“ (Lehrer Zitat). Das absurde daran war, dass ich selbst noch nicht gut rechtschreiben konnte, da die Lehrer wenig Interesse hatten, es mir beizubringen und das soziale Miteinander ja Priorität hatte. Noch heute habe ich Schwierigkeiten, strukturierte und grammatikalisch korrekte Texte zu schreiben. Dies verdanke ich dieser Grundschule, auf der die Rechtschreibregeln lauteten: „Schreib so, wie du es hörst!“ und „Es gibt kein Richtig und kein Falsch“. Das ist der Grund, weshalb ich vieles zu Hause nacharbeiten durfte und weswegen normale Schüler auf dieser Inklusionsschule weniger lernen. Die I-Kinder haben den Unterricht meist nicht verstanden. Deshalb wurden sie oft unruhig und haben durch Rumkreischen und -rennen den Unterricht behindert. Während die normalen Kinder Bruchrechnung lernten, lernten I-Kinder Zählen und buchstabieren. Meist wurden die I-Kinder aus dem Unterricht geholt und einzeln von ihren Betreuern unterrichtet.

Das Prinzip der Inklusionsschule folgt der allgemeine Meinung, behinderte und normale Kinder könnten eine gemeinsame Schullaufbahn bestreiten. Doch genau aus meinen Erfahrungen, die ich 6 Jahre lang auf dieser Schule gesammelt habe, kann ich schlussfolgern, dass dies eine reine Gehirnwäsche ist und dies zu Lasten aller Schüler geht. Ich hatte nie wirklich Spaß an der Schule, weil ich nichts gelernt habe. Ich wurde von den I-Kindern eher gebremst. Der Unterricht war zu einfach, was das Lernen anging war ich unterfordert und was das soziale Verhalten bzw. den sozialen Druck anging, war ich überfordert.

Selma Green ist 14 Jahre alt und heute Schülerin an einem Berliner Gymnasium

 

7 Antworten

  1. Christoph Müller sagt:

    Ein sehr beeindruckender, ehrlich und klug geschriebener Artikel über die Realität an Inklusionsschulen, der den Nagel auf den Kopf trifft! Respekt! Bewunderswert, wie die junge Schreiberin mit klarem und strukturiertem Blick den Irrsinn der Inklusion anschaulich beschreibt und analysiert. Aus langjähriger Erfahrung als Lehrer und Vater eines behinderten Kindes kann ich die Aussagen von Selma total nachvollziehen, dass inklusive Beschulung beiden Seiten überhaupt nichts bringt. Das repressive Motto “Keiner darf schneller sein als der Langsamste” behindert alle in ihrer Entwicklung. Ich freue mich sehr, dass es noch junge Menschen gibt, die das erkennen und Mut haben, das auch zu sagen. Weiter so!!!

  2. C. Gohrenz sagt:

    Von mir auch vielen Dank für diesen mutigen und aufrüttelnden Artikel. Was für ein Irrsinn, dem Du ausgesetzt wurdest und leider noch weitere Kinder ausgesetzt werden. Ich wünsche Dir auch, dass Du am Gymnasium endlich ein wirkliches Lernumfeld bekommst, in welchem auch die Erwachsenen/ Lehrer ihre Verantwortung für die Kinder/ Schüler ernsthaft übernehmen. Und genau, weiter so.

  3. Anna Seebär sagt:

    Es ist wirklich schlimm, was die Linken mit ihren absurden “Inklusionsideen” den Kindern antun. Ich wünsche dir eine schöne Zeit auf dem Gymnasium – da kannst Du hoffentlich endlich in Ruhe lernen!

  4. Kara Brandt sagt:

    Liebe Selma,
    Ich war selbst auf einer Inklusionschule und kann deine Erfahrungen nur bestätigen. In den viel zu großen Klassen ist gar keine Kapazität der Lehrer für die Inklusionskinder. Wir waren damals in der Grundschule 27 Kinder in einer Klasse, davon 3 Kinder geistig behindert und 3 Kinder schwer verhaltensauffällig. Öfter flogen Stühle durch das Klassenzimmer und die Lehrer waren mit den um sich schlagenden Kindern komplett überfordert. Das ist kein Umfeld in dem Kindern lernen können.

  5. moneypenny sagt:

    Wow. Was für ein lebensnaher und kluger Erfahrungsbericht von einer 14-Jährigen – die sich das Schreiben ja inzwischen selbst beigebracht zu haben scheint!

  6. Jochen Braun sagt:

    Vielen Dank für diesen Bericht, von dem ich jeden Satz nachvollziehen kann. Ich wünsche Selma, dass sie es schafft, die nachvollziehbaren Defizite auszugleichen. Der mutige Artikel zeigt, dass sie auf dem besten Weg dazu ist.

  7. Frau G sagt:

    Sehr klar und klug bringt die junge Autorin hier auf den Punkt, welche Verbrechen unter dem Pseudonym „Schule“ an unseren Kindern begannen werden. Traurig aber wahr; die Probleme werden so lange nach unten abgeschoben bis die Schwächsten sie ausbaden und lösen sollen. Vielen Dank für einen ehrlichen Bericht. Ich bin selber Lehrerin und froh zu lesen, dass es junge Menschen gibt, die ihren Verstand einsetzten. Weiter so!