Warum die Politik Opportunisten anzieht

Von Gesche Javelin | Wenn ich mir die Politiker von heute anschaue, kann ich gar nicht schnell genug gucken, da wechseln sie schon ihren Standpunkt oder eher Wackelpunkt. Beim Wahlkampf geht es nicht mehr darum, wer das Volk am besten vertreten kann, sondern wer am besten das Chamäleon spielen kann (wenn das überhaupt je anders war). Zuerst passen sie sich der Farbe der Interessen des Volkes an – und nach der Wahl nehmen sie schnell die Farbe des Koalitionspartners an und am besten ist es, wenn die auch noch zu der der Lobbyisten passt. Doch das ist tatsächlich kein neues Phänomen – eine kleine Abhandlung:

obiectum opportunismi (Der Vorwurf des Opportunismus)

Mir scheint, dass in der Politik Anpassungsfähigkeit schon immer sehr beliebt war. Zumindest seitdem die Regierenden wenigstens so tun, als wollten sie die Interessen des Volkes vertreten. Ein gewisser Einklang ist für die Zustimmung des Volkes dann zwingend notwendig. Eine Tarnung oder Verschönerung der eigenen Position ist hierbei teilweise sehr zielfördernd.

Schon der erste Bundeskanzler Deutschlands schwankte gerne zwischen der westeuropäischen Perspektive und seiner national-konservativen Meinung. Immer wieder die Souveränität Deutschlands anpreisend, folgte er dann häufig doch den westlichen Mächten. Dem Satz „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern“, der ihm immer nachgesagt wurde, wird auch heute noch gerne gefolgt. Doch auch er war mit seiner Denkweise in der Politik nicht Pionier.

Der Begriff Opportunismus als Bezeichnung für Gelegenheitspolitik wird seit ungefähr Mitte des 19. Jahrhunderts verwendet. Er stammt von dem französischen Wort „oppotune“, was man mit „passend und zweckdienlich“ übersetzen kann und dem lateinischen Begriff „opportunus“, der „günstig, bequem und gelegen“ bedeutet.

Doch auch wenn man rund 2000 Jahre zurück geht, findet man opportunistische Züge bei der herrschenden Elite. (Tut mir leid, der gern genutzte Spruch „Früher war alles besser!“ lässt sich auch hier nicht anwenden.) Wie so oft, wird über den Senat des antiken Roms gesagt, dass die meisten alles dem Kaiser nachplapperten. Dem Kaiser gefiel nicht mehr, was Seneca gesagt hat, also verurteilte er ihn zum Tode und der Senat stimmte ihm mit Gebrüll zu, obwohl sie dem berühmten Dichter und Denker noch Tage vorher mit leuchtenden Augen zugehört haben. Das erinnert mich doch sehr an heute. Wenigstens kann man hier bei uns heute nicht mehr zum Tode verurteilt werden.

origo opportunismi (Die Ursache des Opportunismus)

Opportunismus entsteht durch die Sehnsucht der Menschen nach Ansehen und Macht. Die Menschen tun alles für ihren Erfolg, selbst wenn es, wie im alten Rom, das Verurteilen eines (unschuldigen) Menschen ist. Doch wie groß muss die Verzweiflung sein, wenn alle Prinzipien und Werte auf dem Weg zum Erfolg vergessen oder ignoriert werden?

Den Weg des geringsten Widerstands zu gehen, ist vielleicht einfach, doch einfach heißt nicht gleich gut. Ein Stück weit kommen wir alle gerne mal in die Versuchung, den einfachen Weg zu gehen. Zum Beispiel in der Schule schwafelt man gerne mal, was der Lehrer von einem hören will, anstatt zu sagen, was man wirklich denkt, damit man die bessere Note bekommt.

Doch sind Erfolg und Ansehen es wert, alle Werte zu vergessen? Sind das Ansehen des Kaisers und Macht im Senat ein Menschenleben wert? Können wir uns erlauben, unsere Prinzipien fallen zu lassen und etwas gegen jede Moralvorstellung zu machen, nur um unsere eigenen Ziele zu erreichen?

Besonders in der Politik scheinen sich Opportunisten so wohl zu fühlen, wie in einem Schlammloch die Schweine. Die Politik bietet ihnen die perfekte Möglichkeit, sich richtig schön im Schlamm zu suhlen, um das beste für sich rauszuholen. So einfach wie in der Politik, wird es einem selten gemacht, andere auszunutzen. Und dann wird das weder groß bemängelt noch verhindert.

oblenimen“ opportunismi („Das Beruhigungsmittel“ des Opportunismus)

Wenn wir wollen, dass die Schweine nicht den Schlamm überall auf unserer Wiese verteilen, müssen wir genau das verhindern: Lautstark darauf aufmerksam machen und ihnen das nicht einfach durchgehen lassen. Wir müssen achtsamer sein, welchen Leuten wir Macht über unser Leben und unser Land geben. Wir müssen Opportunismus entnormalisieren und für unsere Prinzipien, Moral und Werte einstehen.

 

1 Antwort

  1. Helmut sagt:

    Hervorragender Artikel!