Warum 10 Jahre Teilnahme am Krippenspiel mindestens 11 zu viel sind

Von Jonas Aston | „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser August… – Martin, Felix könnt ihr bitte aufhören in der Kirche Fußball zu spielen!“ Es war mal wieder eine Krippenspielprobe zum Verzweifeln. Niemand konnte seinen Text, die Technik funktionierte nicht und die Weihnachtsdeko war gerade Martins Fußball zum Opfer gefallen. Ich fragte mich, warum ich mir das Ganze schon wieder angetan hatte.

Alles begann Ende November. Ich kam gerade von der Schule nach Hause und machte noch einen kleinen Umweg zum Briefkasten. Ich ahnte nicht, dass dies der Beginn meines ganz persönlichen Gangs nach Canossa sein sollte. Darin fand ich den Text für das Krippenspiel und einen Zettel, in dem Uhrzeit und Datum der Proben angekündigt wurden. Einen Freund von mir, der im selben Ort wohnt, erwartete das gleiche Schicksal. Wir waren inzwischen 18 Jahre alt und hatten uns – wie jedes Jahr – geschworen nie wieder an dem Krippenspiel teilzunehmen. Alleinverantwortlich für den ersten Ausfall des Krippenspiels seit wahrscheinlich mehreren Jahrhunderten wollten wir aber auch nicht sein. Außerdem hatten wir eine nicht ganz unbegründete Angst mit Mistgabeln aus dem Dorf gehetzt zu werden. Also gaben wir uns – wie jedes Jahr – einen Ruck und sagten zu.

Da standen wir nun mal wieder inmitten einer bunt zusammengewürfelten Truppe in der Kirche. Letztlich konnten drei Gruppen ausgemacht werden. Einmal wären da die Kinder. Darunter waren meine zwei Geschwister und die beiden Randalierer. Außerdem ist die Gruppe der Ü50-jährigen zu nennen. Irgendwann in ihrer Kindheit wurden sie von ihren Eltern verdonnert an dem Krippenspiel teilzunehmen. Aus Angst vor gesellschaftlicher Ächtung haben sie den Absprung bis heute nicht geschafft. Und dann wäre da noch mein Freund und ich. Uns steht der Weg der Ü50-jährigen noch bevor.

In meiner über ein Jahrzehnt andauernden Krippenspielkarriere habe ich inzwischen jede erdenkliche Rolle gespielt. Mir wurden unter anderem die Rollen Hirte, König und Wirt zugeteilt. In den letzten Jahren bin ich in der Hierarchie so weit aufgestiegen, dass ich mir meine Rollen zumindest selbst aussuchen kann. Ich bevorzuge Rollen im Sitzen. Erstens ist es bequemer und zweitens muss ich dann keine Texte auswendig lernen, da dieser auf dem Tisch vor mir liegt. Vor drei Jahren war es sogar noch einfacher. Bei diesem Krippenspiel war ich der Enkel. Ich hatte partout keine Lust auf Weihnachten und wollte mich lieber mit meinem Laptop beschäftigen. Meine Großmutter wollte mich vom „Geist der heiligen Weihnacht“ überzeugen und war gleichzeitig die Erzählerin der Geschichte. Unnötig zu erwähnen, dass ich meinen Text vom Laptop abgelesen habe.

Das beste an den Krippenspielproben war immer ihr Ende. Dann gab es nämlich Plätzchen und Glühwein. Die pure Verzweiflung darüber, dass auch nach zahlreichen Proben nichts funktionierte und Heiligabend immer näher rückte, konnte in Alkohol ertränkt werden. Doch jeder wusste: nach der Krippenspielprobe ist vor der Krippenspielprobe.

Dieses und letztes Jahr gab es kein Krippenspiel. Eigentlich wäre das ein Grund zur Freude. Doch Weihnachten ohne Kirche und ohne Krippenspiel ist irgendwie nicht dasselbe. Trotzdem sollte es irgendwann wieder ein Krippenspiel geben, bin ich auf gar keinen Fall mehr dabei! Dieses Mal wirklich…ganz bestimmt nicht…