Vom “Ich” zum “Wir”: Ayn Rand und das vergessene Wort

Von Jonas Kürsch | Die vergangenen zwei Jahre waren für freiheitsliebende und demokratisch geprägte Menschen ein regelrechter Albtraum. Viele der von uns als selbstverständlich empfundenen Grundrechte wurden und werden von Tag zu Tag durch immer despotischere und absurdere Schutzmaßnahmen eingeschränkt und teilweise sogar ganz aufgehoben. Wir reden hier nicht von irgendwelchen „Privilegien“, wie sie in der Politik gerne genannt werden, sondern von den Grundpfeilern einer funktionierenden liberalen Gesellschaftsordnung: wir sprechen von der Meinungsfreiheit, dem Recht auf freie Entfaltung und körperlicher Unversehrtheit, dem Verbot von Diskriminierung, dem Versammlungsrecht und vielen anderen essenziellen Bestandteilen unseres Grundgesetztes.

Doch aus welchen Gründen lässt sich der Mensch immer wieder in Knechtschaft zwingen lassen? Und wie können wir zu jenem langvergessenen Ideal des „freien Menschen“ auch in Zeiten der totalen Verwirrung zurückfinden? Genau diese Fragen versuchte auch die amerikanische Philosophin und Schriftstellerin Ayn Rand mit ihrem Lebenswerk zu beantworten. 

Kein “Ich”, kein “Du”

Ayn Rand erlebte als Kind einer jüdischen Geschäftsfamilie den ruinösen Einfluss der leninistischen Ideologie auf das Russland des frühen 20. Jahrhunderts aus erster Hand mit. Sie war dazu gezwungen mit anzusehen, wie rechtschaffenen Menschen der langerarbeitete Besitz enteignet und ihre bürgerlichen Freiheiten im Rahmen des kommunistischen Machtkampfes vom einen auf den anderen Tag fast vollständig abgeschafft wurden. Jene roten Gräueltaten würden ihr Werk bis ins hohe Alter prägen. Später entkam sie der stalinistischen Diktatur, um in New York zu einer der bedeutendsten Schriftstellerinnen der USA zu werden.

In einer ihrer Novellen beschreibt Rand eine dystopische Gesellschaftsordnung, die viele Parallelen zur heutigen Entwicklung der Politik aufweist. Beispielsweise sprechen die Figuren in ihrer Geschichte fast ausschließlich in einem eigenartigen Newspeak, der die Personalpronomen „Ich“ und „Du“ nicht kennt. Zu erklären ist das mit dem vorherrschenden Regime, das seinen revolutionärem Kollektivgedanken mit jener neuen Sprechart aufrechterhalten und die Identifikation der Menschen als einzelnes Individuum zu unterbinden versucht. Mich hat dieses Sprachsystem stark an das Gendern erinnert, welches durch seine Überfeinerung ja auch das Ziel verfolgt, ein radikales Gefühl der kollektivistischen Zusammengehörigkeit und totalen gesellschaftlichen Inklusion zu erzeugen. Im Grunde hat beides das gleiche Ziel, nur ihre Mittel haben unterschiedliche Vorzeichen.


Sind wir eine Stufe vor der Dystopie?

Auch Namen sind in diesem Staatssystem schon lange vergessen, vermutlich weil sie im Rahmen der uneingeschränkten Identifikation mit dem staatlich gelenkten Volkskörper keinen Nutzen mehr innehatten. Als der Protagonist eines Tages auf ein technologisches Artefakt stößt, das ihm und seinen Mitmenschen vollkommen neue Entwicklungsoptionen ermöglichen würde, fällt er bei dem fortschrittsfeindlichen Regime in Ungnade. Zudem verliebt er sich in eine Feldarbeiterin und erträgt den Gedanken nicht länger, ihre Liebe mit dem Rest der Gesellschaft teilen zu müssen. So entscheidet er sich gemeinsam mit dieser Geliebten zur Flucht in die Wildnis, wo er durch Zufall auf die Überbleibsel einer längst vergangenen Zeit stößt. Zum ersten Mal in seinem Leben liest er in einem alten Buch das für ihn vollkommen unverständliche Wort „Ich“.

Fortan will er lernen, den Sinn seiner Existenz einzig und allein aus der eigenen, nicht aber aus der Anstrengung anderer Menschen zu schöpfen.

Doch nach einer Weile begreift er letztendlich die Bedeutsamkeit dieses essenziellen Wortes und zieht die zentrale Schlussfolgerung, dass eine Gesellschaft, die den Einzelnen zum ständigen Verzicht zu Gunsten der Bedürfnisse anderer zwingt, im starken Widerspruch zu der natürlichen Beschaffenheit des Menschen als freiem und kreativen Wesen steht. So erkennt er, dass seine neugefundene Fähigkeit zum Empfinden von Liebe nicht etwa ein Resultat des gesellschaftlich angestrebten Gleichheitsideals ist, sondern eine Reaktion auf die individuelle Einzigartigkeit seiner Geliebten. Fortan will er lernen, den Sinn seiner Existenz einzig und allein aus der eigenen, nicht aber aus der Anstrengung anderer Menschen zu schöpfen. Er will frei und unabhängig auf der Grundlage seines eigenen rationalen Verstandes die Welt um sich herum erforschen und das eigene Schicksal ohne äußere Fremdeinflüsse gestalten können.

Rands Gedanken sind so aktuell wie nie zuvor

Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der jede Art des eigennützigen Handelns verteufelt und ein vollkommen falschverstandener Solidaritätsbegriff auf gefährliche Weise überhöht wird. Wer es wagt, sich gegen den Willen der Mehrheit zu äußern, muss mit der Willkür und dem Zorn seiner Mitmenschen rechnen. Wer sich nicht dem Kollektiv beugt und den Versuch unternimmt, für ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit einzustehen, wird für diesen unerwünschten Widerstand mit aller Härte bestraft.

Die letzten zwei Monate haben allerdings gezeigt, dass immer mehr Menschen dazu bereit sind, sich mit demokratischen Mitteln gegen die ungerechtfertigten Freiheitseinschränkungen zu wehren. Es bleibt daher zu hoffen, dass Deutschland und der Rest der Welt aus ihrem ideologischen Schlaf erwachen wird und sich, ganz in der Tradition Ayn Rands, wieder zu einem sehnsuchtsvollen Leben in Freiheit bekennen, fernab vom gegenwärtigen Lebensgefühl der Angst und totalitären Zwangsaufopferung. Es ist Zeit, dass die Deutschen das heiligste aller Wörter wieder in ihrer Lebensphilosophie zu verwenden wissen: Ich.

 


»Ich schwöre bei meinem Leben und der Liebe zu ihm, dass ich niemals für einen anderen Menschen leben werde und von keinem Menschen verlange, dass er für mich lebt.«
– Ayn Rand


 

4 Antworten

  1. TinaTobel sagt:

    Ich interessiere mich für die erwähnte Novelle von Ayn Rand. Gibt es dazu einen Literaturhinweis?

    • Jonas Kürsch sagt:

      Hallo TinaTobel,

      hier sind die gewünschten Literaturhinweise zur Novelle.

      Für die englische Version:
      Rand, Ayn. (1938): Anthem. UK ed. Edition. Penguin Classics. 2008. ISBN-10: 0141189614/ ISBN-13: 978-0141189611

      Für die deutsche Übersetzung:
      Rand, Ayn. (1938): Hymne. Deutsche Neuausgabe Edition. Lichtschlag Medien und Werbung. 2020. ISBN-10: 3939562947/ ISBN-13: 978-3939562948

      Beide Versionen sind meiner Ansicht nach gleichermaßen empfehlenswert.

      Mit freundlichen Grüßen

      Jonas Kürsch

    • Nemo sagt:

      Ayn Rand. Anthem

      Meine Ausgabe hat die ISBN 978-0-451-19113-7

      Keine Ahnung ob es eine deutsche „Ubersetzung gibt

  2. Ursula Singh sagt:

    Ich, bald achtzig, passe nicht in die heutige Gesellschaft, muss ich mir oft sagen lassen. Darum einfach: Danke!