Verhasste Schönheit. Das Leben der deutschen Sängerin Nico

Von Jonas Kürsch | Supermodel, Pop-Art-Muse und Vorreiterin des Punks: der Lebensweg der deutschen Sängerin Nico ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich. Mit ihrer markanten Schönheit, der charakteristisch tiefen Stimme und ihren sehnsuchtsvollen Liedtexten gilt sie weithin als eine der einflussreichsten Kultikonen des 20. Jahrhunderts. Doch während sie in großen Teilen der Welt auch heute noch für ihr stilprägendes Werk gefeiert wird, scheint das Lebenswerk der Sängerin hierzulande fast vollständig vergessen zu sein. Wer also war Nico? 

Das Supermodel

Nico wurde 1938 als Christa Päffgen in Köln geboren, zog im Alter von zwei Jahren mit ihrer Familie allerdings nach Berlin um den frühen Weltkriegsbombardements in Nordrhein-Westfalen zu entgehen. Ihr Vater wurde im weiteren Kriegsverlauf von der Wehrmacht eingezogen und galt nach Kriegsende als verschollen. Sie brach die verhasste Schulausbildung, die sie selbst als „gleichgeschaltete Wissensvermittlung“ ablehnte, vorzeitig ab und unterstütze ihre Mutter stattdessen im familieneigenen Kleiderfachgeschäft. 

Im Alter von 16 Jahren arbeitete Päffgen dann als Verkäuferin im prestigeträchtigen Kaufhaus des Westens, wo sie vom Fotografen Herbert Tobias während einer KaDeWe-Modenschau entdeckt wurde. Von ihrer außergewöhnlichen Erscheinung fasziniert, verhalf Tobias ihr zur Übersiedlung nach Paris und überzeugte sie, fortan unter dem Künstlernamen „Nico“ zu arbeiten. Noch im selben Jahr würde sie von führenden Modezeitschriften wie Vogue, Elle und Vie Nuove engagiert werden. Selbst Coco Chanel soll das deutsche Model unter Vertrag genommen haben, doch Nico verließ Paris noch im selben Jahr abrupt und ließ die Vereinbarung platzen. 

In den frühen 1960er Jahren zog sie dann nach New York City und besuchte dort gemeinsam mit Marilyn Monroe eine Schauspielklasse. Fortan verfolgte sie eine Karrie als Filmschauspielerin. Durch ihren Ruf als Topmodel noch immer heißbegehrt, wurde sie durch den italienischen Regisseur Federico Fellini an den Set seines Kultfilms La Dolce Vita eingeladen, wo sie sich selbst in einer Nebenrolle spielen durfte. Es folgten weitere Filmrollen, die ihren weltweiten Kultstatus festigten.

Die Pop-Art-Muse

In New York lernte Nico den Maler und Filmemacher Andy Warhol kennen, der sie in sein New Yorker Atelier The Factory einlud. Dort schloss sie sich seiner exzentrischen Entourage aus selbsternannten Superstars an und wurde zu seiner neuen Muse. Sie übernahm zunächst einige Rollen in seinen Undergroundmovies, unter anderem im berüchtigten Film The Chelsea Girls. Schließlich aber erkannte Warhol die musikalischen Ambitionen von Nico und suchte nach einer passenden Band für sie. Zusammen mit der damals noch völlig unbekannten Gruppe The Velvet Underground sollte sie ihr erstes Studioalbum aufnehmen. Hauptsongschreiber Lou Reed bestand allerdings darauf, dass sie ausschließlich vier ausgewählte Lieder singen und das Tamburin spielen dürfe, denn ihre Hauptaufgabe müsse weiterhin darin bestehen, einen optischen Blickfang für die kommenden Bühnenshows zu liefern. Er wollte The Velvet Underground nicht als Begleitband verstanden wissen. 

Nico war unglücklich über diese Reduzierung auf das eigene Aussehen. Sie wollte sich mit ihrem Gesang von den Fesseln der sie inzwischen schwer belastenden Schönheit befreien, doch das wollte man ihr nicht gestatten. Nach der Fertigstellung des Albums The Velvet Underground & Nico im Jahre 1967 trennten sich die Interpreten voneinander. Nico verfolgte ihre Karriere von nun an als Solokünstlerin weiter. Im gleichen Jahr nahm sie ihr erstes Soloalbum Chelsea Girl auf, welches die Lieder von bekannten Textern wie Bob Dylan, Tim Hardin und John Cale aufgriff. Allerdings stürzte Nico auch durch die fremdgesteuerte Produktion dieser Platte in eine noch tiefere Krise: man hatte ihren Gesang mit kitschig klingenden Flöten und Harfen untermalt, um das fertige Endprodukt gefälliger zu machen und die kommerziellen Erfolgsaussichten ihrer Musik zu steigern. Um ihre Erlaubnis hatte man sie nicht gefragt.

Die Urmutter des Punkrocks

1968 lernte sie dann den The Doors-Sänger Jim Morrison kennen, der sie dazu ermutigte, fortan nur noch ihre eigenen Lieder aufzunehmen. In den Folgejahren unterzog sich Nicos Musik einer beeindruckenden 180-Grad-Wendung und distanzierte sich nun komplett vom für den Zeitgeist typischen Experimental Rock. Mit mehrsprachigen, fast schon lyrischen Texten, dem Gebrauch des indischen Harmoniums als Hauptinstrument und ihrer zerstörerisch anmutenden Stimme kreierte Nico eine Reihe von wegweisenden Alben für die Punk- und Gothkultur der kommenden Dekaden, unter anderem The Marble Index, Desertshore und The End. Der Fokus ihrer Musik lag nicht länger auf den Idealen der Swinging Sixties, wie freier Liebe und exzessiver Rauschsucht. Mit ihren Liedern wollte sie das Gefühl der tiefempfunden Verlorenheit sowie die Verzweiflung über ihr Scheitern an der eigenen Schönheit verarbeiten. Die ungewohnten Klänge wurden von den Kritikern zerrissen, man diffamierte ihre Stimme als „zu deutsch und zu männlich“ klingend. 

Schließlich wollte Nico sich endgültig von ihrem guten Aussehen befreien und stürzte sich daher ganz bewusst in eine verhängnisvolle Heroinabhängigkeit. Im Rahmen der Drogensucht ergraute ihre Haut, die Wangen wurden immer schmaler und eine Reihe von Zähnen fiel ihr aus. Diesen körperlichen Verfall zelebrierte Nico auf ungesunde Weise, denn sie empfand den langersehnten Verlust ihrer Schönheit als großes Geschenk. Auch ihre Musik wurde immer grotesker. Das Repertoire der Sängerin enthielt inzwischen nahezu alles, was man sich vorstellen konnte: von dunkelromantischen Balladen bis hin zu einer hochkontroversen Neuinterpretation der deutschen Nationalhymne. 

Weltschmerz als Leitbild

Leider nahm das Leben der Ausnahmekünstlerin im Jahr 1988 ein jähes Ende: nach einer erfolgreichen Methadon-Therapie zur Bekämpfung ihrer Drogensucht reiste Nico mit ihrem Sohn nach Ibiza, wo sie nach einem unglücklichen Fahrradsturz an einer Hirnblutung überraschend verstarb. 

Nico sollte allerdings nicht in erster Linie für ihr tragisches Leben in Erinnerung gehalten werden. Mit ihrem Werk beweist die Sängerin, entgegen zeitgenössischer Behauptungen, wie einfallsreich und emotional Musik aus Deutschland sein kann. In klassisch romantischer Tradition hat Nico das langvergessene Motiv des Weltschmerzes für sich wiederentdeckt. Sie begeisterte und inspirierte viele international erfolgreiche Musiker und Bands, wie Siouxsie and the Banshees, The Cure, Björk und Marc Almond, um nur einige zu nennen. Nico ist und bleibt, trotz ihrer nicht zu verschweigenden Abstürze, eine der größten Kulturikonen unseres Landes, auf deren Kreativität und Einfluss wir auch heute noch besonders stolz sein können.

„Janitor of lunacy, identify my destiny, revive the living dream, forgive their begging scream.“

– Nico

Bildquelle: Nico, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

1 Antwort

  1. Sofie sagt:

    Vom Supermodel zur Urmutter des Punks – das muss man erstmal hiinkriegen…