Thai-Markt 5/5 – Fahrraddemo 0/5

Von Laura Werz | Am sonnigen Sonntagmittag des 12. Juni habe ich die geballte Kraft der Fahrradfahrfraktion in Berlin zu spüren bekommen. Ich hatte eigentlich nur vor, mit meiner Mutter, einen kleinen Sonntagsausflug zu machen. Wir wollten mit dem Auto aus dem Norden Berlins nach Wilmersdorf, zum Preußenpark, fahren. Ziel dieser spontanen Unternehmung war der sogenannte „Thai-Markt“, welcher an sonnigen Wochenenden stattfindet. Von dem Markt hatte ich zuvor nie gehört, weswegen ich ihn mir als großer Freund der asiatischen Küche natürlich kurzentschlossen mit eigenen Augen ansehen musste. Doch ich habe die Rechnung leider ohne die jährliche „Sternenfahrt“, eine Demonstration, welche an verschiedenen Orten am Stadtrand beginnt und in Berlin zu einem Meer aus Fahrradfahrern zusammenläuft, gemacht.

40 Minuten habe ich eingeplant, bis ich endlich mein geliebtes Chicken Curry in den Händen halte – mit Parkplatzsuche – wohlbemerkt. Damit konnte die 45-minütige S-Bahnfahrt, auch aus Komfortgründen, nicht mithalten. In unserer guten Bahn verbringe ich unter der Woche sowieso schon mehr als genug Zeit. Wir entschieden uns also für das Auto. So weit, so gut. Mit der Ankunft an der Bismarckstraße, laut Navi 6 Minuten von unserem Ziel entfernt, offenbarte sich jedoch das drohende Unheil. Es gab kein Schild, kein Zeichen oder auch nur einen freundlichen Beamten, der gutgläubige Autofahrer auf die drohende Gefahr hätte aufmerksam machen können. Nichtsahnend fuhren wir, umgeben von unseren ebenfalls ahnungslosen Autofahrgenossen, ins Verderben. Die Ampeln waren aus, der Verkehr lag still und ein Schwarm von Fahrradfahrern raste klingelnd auf der Gegenfahrbahn die Bismarckstraße hinunter. Von jetzt auf gleich ging gar nichts mehr. Kein vor und kein zurück, keine Wendemöglichkeit, nur Schritttempo die Straße entlang.

Schleichend rollten wir also peu à peu die vierspurige Straße hinauf und fügten uns unserem Schicksal. Auf der einen Spur die Autofahrer, auf der anderen Seite die Radler. Ein fast schon lustiges Bild – zumindest von außen betrachtet, wäre man nicht selbst beteiligt. Das Navi versuchte uns verzweifelt jede einzelne Kreuzung als Ausweg zu präsentieren. Aber links abbiegen? Unmöglich. Wir konnten keinem der vielen Vorschläge Folge leisten. Den Autofahrern wurde schlicht keine Möglichkeit gegeben, auf die andere Seite der Stadt zu gelangen. Ein bitterer Moment für mich – ich war meinem Curry so nahe und doch so fern.

Sogar die AUTObahn – welche unsere letzte Hoffnung darstellte, mit dem Auto irgendwie doch noch nach Wilmersdorf zu gelangen – wurde für die Radler gesperrt. Also nix da. Weiter schleichen. Während wir so auf der Straße zwischen unseren Leidensgenossen standen, vertrieben wir uns die Zeit damit, das bunte Völkchen der Zweiradler genauer zu begutachten. Ehrlich gesagt war ich überrascht, welche Menschen sich zwischen mich und mein Essen stellten. Es war weder die Soja-Latte-Charlotte aus dem Prenzelberg, noch der der Phillipp-Sören aus Kreuzberg. Tatsächlich sah ich als erstes ein älteres Ehepaar von ca. 65 Jahren, welches überraschend sportlich in die Pedale trat. Mir fielen außerdem viele Familien auf; so ganz klassische Familien, im Sinne von Mutter, Vater und zwei Kindern. Man hätte denken können, sie wären auf dem Weg zum Freibad falsch abgebogen und hätten sich versehentlich auf einer Demonstration wiedergefunden. Nur punktuell sah ich auch eine Frau mit Batikrock und Bio-Schuhen auf ihrem Lastenrad, die wahrscheinlich gerade vom Filzen kam.

Die fleißigen Strampler fuhren bei allerbestem Wetter fröhlich, laut klingelnd zu Musik die abgesperrte Straße entlang und genossen ihr Sonntagsprogramm sichtlich in vollen Zügen. Ich glaube, dass die wenigsten aus großer Überzeugung an dieser Massenveranstaltung teilnahmen. Für die meisten stellte es vermutlich ein willkommenes Event dar, gemeinsam, mit Freunden und Familie in Gesellschaft etwas Rad zu fahren. Dass sie damit nicht nur ein Zeichen für neue Fahrradwege setzen, sondern den Verkehr behindern und anderen Menschen das Leben unnötig erschweren, war wohl den wenigsten wirklich bewusst. Jene wiederum, die sich in ihrer Rolle als Verkehrsbehinderer scheinbar selbst zu verwirklichen glaubten, erkannte man daran, dass sie den Autofahrern provokant zuwinkten oder sie kollektiv ausbuhten. Und das waren ebendiese Leute, von denen man normalerweise Solidaritätspredigten gewöhnt ist.

Den einzigen Lichtstrahl in dieser dunklen Welt der Zweiradfahrer stellten die Polizisten dar, welche verstörten Autofahrern beschwichtigend zuredeten. Sie standen, in ihren Uniformen der prallen Sonne ausgesetzt, sichtlich leidend, zwischen den Fahrbahnen und trennten Auto- und Radfahrer. Ein Polizist sprach uns mit einem schwachen Lächeln an: „Sie lachen ja wenigstens noch“. Für die Beamten schien es eine willkommene Abwechslung zu sein, mit den wartenden Autofahren Smalltalk zu führen, während sie der Fahrradseite ab und zu einen belustigten Blick zuwarfen. Ein kleiner Trost. Nach einiger Zeit des Wartens und langsamen Rollens konnten wir mit dem Autostrom die Bismarckstraße schließlich wieder verlassen – in die Richtung, aus welcher wir gekommen sind, versteht sich.

Es waren 75.000 Teilnehmer für die Radtour durch Berlin angemeldet, wie ich später in den Nachrichten las. Das Motto lautete: „Rauf aufs Rad – #Verkehrswende jetzt umsetzen“. Die Radfahrer seien glücklich, wieder ein deutliches Zeichen gesetzt zu haben. Es fragt sich nur wofür. Ob diese Zumutung für Autofahrer, Anwohner, Fußgänger und sogar für die Nutzer der öffentlichen Verkehrsmittel, schlicht für alle, die sich gerade nicht auf einem Rad im Fahrradschwarm befanden, ein gelungenes Zeichen für neue Fahrradwege ist, bleibt mehr als fraglich. Es wurden viel eher mal wieder Auto- und Radfahrer gegeneinander ausgespielt. Mit diesem Verkehrslockdown wurde ein politisches Statement, im Sinne der rot-rot-grünen Bewegung, auf Kosten der Allgemeinheit, gesetzt. Man sollte sich zwei Mal überlegen, ob man mit der Teilnahme an diesem „Event“ gedankenlos mit dem politischen Mainstream radeln – und Teil einer ebenso sinnlosen wie dissozialen Behinderung seiner Mitmenschen sein möchte – oder eine Fahrradtour zum See, für einen Sonntagsausflug, nicht doch die bessere Wahl wäre.

PS: Kaum zu glauben, aber: Ich habe mein Thai-Curry am Ende doch noch bekommen. Diese Erfahrung hat uns zwar schlappe 1,5 Stunden des Tages gekostet, aber das Curry war sehr lecker.  Der Thai-Markt kriegt von mir 5 von 5 Sterne – die Fahrraddemo hat keinen Einzigen verdient.  

 

 

1 Antwort

  1. Karina Sch. sagt:

    Diese Moralapostel machen mich wirklich wahnsinnig. Benehmen sich wie das letzte und fühlen sich dann noch als was Besseres..