Sterbehilfe, ja oder nein? – Das große Apollo-Battle

Lesen Sie hier: Das große Debattenduell. Roland und Simon stellen sich in dieser Runde einem ernsten Thema: Sollte Sterbehilfe in Deutschland erlaubt werden? Simon ist gegen die Legalisierung, Roland dafür – wer überzeugt Sie mehr?

ACHTUNG: Dieser Beitrag könnte trotz des ernsten Themas Spuren von Humor enthalten. 


Wir brauchen keine geförderte Sterbehilfe, sondern bessere Hilfsangebote

Von Simon Ben Schumann | „Jeder soll nach seiner Façon glücklich werden“ – das ist eigentlich mein politischer Grundsatz. Deswegen bin ich für Freiheit, grundsätzlich. Warum ich dann gegen die Legalisierung von assistierten Suizid bin? Sogenannte Sterbehilfe jetzt für rechtens zu erklären, wäre das genaue Gegenteil dieses Grundsatzes. Als wir das Thema für dieses Battle auswählten, erklärte sich Max voller Siegessicherheit bereit. Schließlich sei Sterbehilfe ja zielgruppenrelevant, die Hälfte der Generation Z denke regelmäßig über ihren Tod nach. 

Ich muss Max zugutehalten, dass er einen richtig tollen Humor besitzt, mit dem er manches Varieté begeistern könnte. Wenn er aber in Zukunft beim Red Nose Day Krankenhäuser besucht, hoffe ich, dass er „selbstbestimmtes Sterben“ als praktische, schnelle Handlungsoption nicht anspricht.

Die lebensmüde Gesellschaft

Denn mal im Ernst: Depressionen sind gerade unter uns jungen Leuten häufig anzutreffen. Eine Metastudie aus dem Jahr 2021 spricht von jedem 4. Jugendlichen weltweit mit Depressionssymptomen. Dazu zählen nicht immer suizidale Tendenzen, aber: Sollten wir jungen Leuten jetzt wirklich erklären, dass es okay ist, sterben zu wollen?

Max wird bestimmt auf absolute Härtefälle hinweisen. Unheilbare Krankheiten im Endstadium, die mit viel Leiden verbunden sind. Das sind tragische Situationen, aber Ausnahmen. In solchen Fällen kann ich nachvollziehen, warum Betroffene den Schritt gehen möchten. Eine weitläufige Akzeptanz der Sterbehilfe bleibt aber ungerechtfertigt.

Gerade Menschen in schweren Lebenssituationen sollten keinen tödlichen „Shot“ aus der Spritze einfordern können, um der Erde Lebewohl zu sagen. Am besten noch bezahlt von der Krankenkasse, unter der Regie von Top-„Gesundheitsökonom“ Lauterbach. Ich kann mir den derzeitigen Gesundheitsminister gut bei Anne Will vorstellen, wie er den neuen „Lebensqualitäts-Booster“ von BioNTech anpreist. Schließlich müsse ja die fortdauernde Überlastung des Gesundheitssystems irgendwie abgefangen werden.

Sterben sollte keine Entscheidung sein

Es ist schwer abzugrenzen, wann ein Einzelner sich unbefangen zum Freitod entscheiden kann. Ein Beispiel ist der schwere Krankheitsfall. Unter manchen Umständen trifft das Individuum wirklich eine harte Entscheidung, weil das Leben nur noch aus Leid besteht. Aber wer garantiert, dass nicht völlig andere Faktoren zum Sterbewunsch führen? So können die Sorge, der Familie zur Last zu fallen oder finanzielle Probleme die Entscheidung zur Sterbehilfe auslösen – es ist schwer möglich, da eine Linie zu ziehen.

Ganz normalen Leuten, die aus irgendeinem Grund sterben möchten, das unter medizinischer Aufsicht zu gestatten, finde ich fragwürdig. Erst einmal wäre unsere Kultur damit dahin. Statt Menschen Perspektiven zu bieten, ein glückliches und erfülltes Leben zu führen, reicht man ihnen lieber die Hand ins Nirwana. Außerdem würde der intrinsische Wert des Lebens an sich mit Füßen getreten.

Am absurdesten finde ich, was in der Schweiz legal ist: Menschen mit schweren Depressionen dürfen sich dort für den medizinisch begleiteten Freitod entscheiden. Das ist ungefähr so, als würde man bei einem Verkehrsunfall statt einem Krankenwagen den Jäger aus dem angrenzenden Waldgebiet rufen.

Wir brauchen keine staatlich geförderte Sterbehilfe – die wäre bei unserem Gesundheitssystem fast unausweichlich – sondern mehr Hilfsangebote für Menschen, die keinen Sinn mehr im Leben sehen. Seien es Aufklärung im Alltag, mehr Möglichkeiten zu einer erfüllenden Lebensgestaltung oder eine bessere Palliativmedizin.

Alles sollte mehr im Fokus stehen, als ein rechtssicheres Ticket in den Himmel – oder in die Hölle, denn dahin führt ein Suizid aus Sicht vieler Religionen. Stattdessen brauchen wir eine Kultur, die das Leben schützt und feiert, trotz aller seiner Härten.

 


Ja zur Selbstbestimmung – „aktive“ Sterbehilfe muss erlaubt sein

Von Max Roland | Selbstbestimmung ist wichtig – und ein Grundstein jeder liberalen Gesellschaft. Selbstbestimmung im Leben zumindest – im Tode sieht das anders aus. Denn sein eigenes Ableben darf man in Deutschland nach wie vor nicht wirklich gestalten. Zwar gibt es seit einigen Jahren die sogenannte „passive Sterbehilfe“ – die „aktive“ steht jedoch nach wie vor unter Strafe. Während bei der passiven Sterbehilfe lediglich Behandlungen, Medikationen oder ähnliches eingestellt werden, ist die aktive Sterbehilfe im Grunde eine Tötung. Für viele ist das ein wichtiger Unterschied – auch für das Gesetz.

Die Zeiten, in denen man Suizid unter Strafe stellte, sind lange vorbei. Noch in den 1940ern wurde man für Selbstmord in Großbritannien sogar zum Tode verurteilt. Absurd, oder? Begründet wurde dies oft aus der Religion heraus. Im Christentum ist Selbstmord eine Sünde – niemand außer Gott darf ein Leben nehmen, heißt es. Nun bin aber ich kein religiöser Mensch – die Vorschriften der Bibel haben für mich in etwa den gleichen Wert wie Erzählungen aus „Herr der Ringe“. Ich glaube nicht an Gott, ich glaube an Freiheit.


Schwer leidende Menschen müssen in Würde sterben können

Deswegen verstehe ich nicht, dass Menschen aktive Sterbehilfe verteufeln oder verbieten wollen. Vorweg: Eine Gesellschaft, in der sich jeder beim Amt seinen Todestermin bestellen kann, möchte ich nicht. Das Ziel ist nicht, dass ein Hausarzt den Tod wie ein Antibiotikum verschreibt. Das wäre schlicht pervers. Nicht minder pervers finde ich es jedoch, Menschen einen Freitod zu verweigern, der für sie die beste Option wäre. Das Leben hat einen intrinsischen Wert und ist schützenswert. Aber verteidigt derjenige, der den leidenden Patienten im Endstadium dazu zwingt, seine restliche Lebenszeit unter Schmerzen quasi „abzusitzen“, wirklich den Wert des Lebens? Das Gegenteil ist richtig: So etwas führt Lebensschutz ad Absurdum.

Das Leben ist mehr als nur Herzschlag, Hirnaktivität oder das bloße Existieren: Der Wert meines Lebens ist die Lebensfreude. Ein Leben, das mit Möglichkeiten und Sinn ausgestattet ist – so habe ich es für mich immer definiert. Auch, weil ich bei vielen Verwandten den Leidensweg von Krebs oder Alzheimer miterlebt habe, ist für mich klar: So will und werde ich nicht enden. Heißt das jetzt, dass man sich bei jeder Depression und jedem Unglück mit kassenfinanzierter Spritze ins Nirvana verabschieden können sollte? Nein, natürlich nicht. Aber ein sterbenskranker Mensch sollte nicht gezwungen werden, einen langen und schweren Todesweg zu gehen, wenn es doch einen würdevolleren gibt.

 

Ich glaube nicht an den „easy Way out“

Schwerer tue ich mich bei der Frage der Depressionen. Aus dem Ausland hört man immer wieder von Fällen, in denen schwer depressiven Menschen die aktive Sterbehilfe gewährt wird. Ist ihr Todeswunsch Ausdruck freien Willens oder Krankheitssymptom? Das ist die schwierige Frage, auf die ich mir ganz gewiss keine Antwort anmaßen möchte. Aber: Dass Menschen die aktive Sterbehilfe leichtfertig als einen „easy Way out“ sehen würden, glaube ich nicht. Selbstmord oder Selbsttötung ist eben alles andere als einfach. Oft geht einem Suizid ein jahrelanger Leidensprozess voraus. Wie krass der Schmerz sein muss, der einen dazu bringt, sich vor einen Zug oder von einem Gebäude zu werfen, kann ich – Gott sei Dank – nicht beurteilen. Verurteilen kann ich diese Menschen schon gar nicht. Aber wäre es nicht besser, den Freitod in Strukturen einzubinden? Anlaufstellen, Beratungen, vielleicht in Fällen wie schweren Depressionen auch andere Möglichkeiten nahelegen und aufzeigen – und im Fall der Fälle eben einen würdevollen Tod ermöglichen. Wer sich sein Leben nehmen will, kann es sich im Endeffekt auch so schon nehmen. Besser, ein solcher Leidensweg endet in einem Krankenhausbett, als in einem Gleisbett.


 

Sollten Sie das Gefühl haben, dass Sie Hilfe benötigen, kontaktieren Sie unbedingt die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Rufnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 bekommen Sie Hilfe von Beratern, die Ihnen Hilfe bei den nächsten Schritten anbieten können. Hilfsangebote gibt es außerdem bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Im Netz gibt es – zum Beispiel bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe – auch ein Forum, in dem sich Betroffene austauschen können.

1 Antwort

  1. Peter H. sagt:

    Einem Todkranken zu gestatten, das eigene Leben zu beenden – auch das gehört zur Würde des Menschen.

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