So grün wie meine Brotbüchse

Von Pauline Schwarz | Egal ob man gemütlich durch die Berliner Straßen läuft oder ob man einen Blick in die Nachrichten wirft, man sieht sie einfach überall: kleine, kreischende und hüpfende „Aktivisten“. Mein erster Impuls ist immer der selbe – ich will diese rotzfrechen Gören am liebsten anschreien und ihnen um die Ohren hauen, was für einen grandiosen Mist sie den ganzen Tag von sich geben. Doch dann überkommt mich schnell eine viel tiefere Wut, die sich nicht gegen die Kinder richtet. Im Gegenteil. 

Die können für diesen ganzen Mist nämlich überhaupt nichts. Die Kinder kommen doch nicht von sich aus auf die Idee, für die Rettung der Welt vor der Klimaapokalypse zu demonstrieren. Normale Kinder wollen spielen, lernen und die Welt entdecken. Nicht auf der Straße stehen, um Phrasen zu brüllen, die sie überhaupt nicht verstehen. Die Erwachsenen missbrauchen ihre Kinder, um ihren eigenen verrückten Idealen Ausdruck zu verleihen und machen sie so zu einer neuen Generation heranwachsender Gutmenschen.

Als ich in Berlin-Kreuzberg aufwuchs, musste ich diese Indoktrination am eigenen Leib erfahren. Das fing natürlich schon bei meinen Eltern an, die die links-grüne Kreuzberger Lebensart voll verinnerlicht hatten. So richtig überzeugt und geformt wurde ich aber vor allem in der Grundschule. 

Der bessere Mensch

Ich besuchte eine inklusive Schule, die für nichts mehr stand als Toleranz und Gleichheit – die wichtigsten Eigenschaften eines guten Menschen. Das bedeutete für mich zunächst, in eine Klasse zu kommen, die zur Hälfte aus ausländischen Kindern bestand. Das allein war nichts Neues, es entsprach einfach nur den Verhältnissen der Menschen, die – wie ich – rund um die Schule wohnten. Neu war aber, dass man sich von verhaltensauffälligen und behinderten Kindern in keinster Weise unterscheiden durfte. Anfangs fiel mir das sehr schwer, weil ich vorher noch nie Kontakt zu schwerbehinderten Menschen hatte. Das geistig und körperlich behinderte Mädchen in meiner Klasse, das weder sprechen noch laufen konnte, machte mir Angst, und, um ehrlich zu sein, ekelte ich mich auch vor ihr. Mit der Zeit gewöhnte ich mich an sie und war später genau wie alle anderen absolut scharf auf den „Selin-Dienst“. Paarweise durften sich nämlich alle Kinder mal um Selin kümmern, und das bedeute Fahrstuhl fahren und Mittag essen in der Kantine! Mir ging es dabei keine Sekunde darum, dem behinderten Mädchen wirklich zu helfen, auch wenn ich es niemals zugegeben hätte und mich insgeheim dafür schämte. Ich wollte einfach auch mal Fahrstuhl fahren, das durften normale Kinder nämlich nicht mal in Ausnahmefällen. Als meine Schwester sich im Sportunterricht den Fuß brach, ließ man sie sogar unter großen Schmerzen erst in den dritten Stock und dann wieder runter humpeln.

Ob ich in meiner Klasse auch verhaltensauffällige Kinder hatte, wurde offiziell nie bestätigt. Rückblickend bin ich mir bei drei Mitschülern, aber ziemlich sicher. Genauso sicher, wie das Integrationsprogramm zumindest in der Hinsicht funktionierte, dass sich das Klassenklima und das ganze Niveau den vorlauten und asozialen Kindern unterordnete. Als ich eingeschult wurde, war ich ziemlich ängstlich und traute mich kaum anderen Leuten meine Meinung zu sagen – als ich die Grundschule verließ, hatte ich ein ausgewachsenes Autoritätsproblem und eine ziemlich große Klappe. 

Kampf an der Gemüsefront

Der bessere Mensch ist aber nicht nur allumfassend tolerant, er ernährt sich auch gesund und achtet auf nachhaltige Landwirtschaft. Um das zu lernen, machten wir gefühlt bei jedem existierenden Bildungsprogramm mit. Statt Mathe lernte ich in „Schulobst- und Gemüseprogrammen“, dass man das Grünzeug fünf mal am Tag in sich reinschaufeln musste, wenn man nicht mit 30 tot umfallen will. Nachdem mir eine Woche lang mit tausend verschiedenen Krankheiten gedroht wurde und ich x Bilder von faulen Zähnen und extrem fettleibigen Leuten gesehen hatte, bekam ich davor wirklich richtig Angst. Zur Belohnung bekam ich dann aber zumindest eine Auszeichnung zum „Fünf-am-Tag-Kid“. 

Dann folgte aber auch schon der nächste Schritt: Als beurkundeter Gemüseaktivist durften meine täglichen Portionen nämlich auf keinen Fall aus genmutierten und chemieverseuchten Mörder-Möhrchen bestehen. Nur das Beste, also ausschließlich Bio, sollte es sein. Meinen Lehrern reichte die Angst-Indoktrination allein nicht aus, ich sollte echten Kampfgeist entwickeln. Dafür setzten sie auf unseren kompetitiven Ehrgeiz, und das hatte auch Erfolg: Für den wissenschaftlich und intellektuell überaus wertvollen Wettbewerb „Bio find ich Kuh-l“ legten wir uns richtig ins Zeug. Wir fuhren extra auf einen Bio-Bauernhof in Dahlem und drehten dort ein Aufklärungsvideo für den dämlichen Otto-Normalbürger. Plötzlich ging es nicht mehr nur um Obst und Gemüse, sondern vor allem um die armen kleinen Tierchen, die in der Massenproduktion gequält wurden. Ich war schon von klein vernarrt in Tiere aller Art und war schockiert, über die grausamen Dinge, die mir auf diesem Bauernhof erzählt wurden. Die kleinen süßen Schweinebabys, die sich vor mir so vergnügt im Dreck suhlten, sollten von ihrer Mutter getrennt und dann zusammengepfercht gemästet werden? Die schönen großen Kühe wund gemolken und die putzigen Küken einfach lebendig geschreddert? Zu jedem Tier gab es eine andere grausige Geschichte, die mir fast das Herz brach. So sehr, dass ich weinen musste. Ich wischte mir die Tränen aber schnell wieder aus dem Gesicht, bevor sie jemand sehen konnte und meldete mich tiefentschlossen für eine führende Rolle in unserem Aufklärungsfilmchen. 

Um zu überprüfen, ob wir unser neu erworbenes Wissen dann aber auch wirklich verinnerlicht hatten und, wenn nötig, auch noch unsere Eltern ausreichend terrorisierten, gab es alle paar Tage eine strenge Brotbüchsenkontrolle. Sobald das Kommando kam, mussten wir uns in Reih und Glied aufstellen und unsere Brotbuchse vor uns halten, sodass unsere Lehrerin rumgehen und jede einzeln mustern konnte. Ich hatte höllische Angst vor diesem Prozedere, weil jedes Mal mindestens ein Kind angebrüllt und vor allen anderen gedemütigt wurde – wegen den kleinsten Leckerbissen wie Weißbrot, Nutella oder gar Süßigkeiten. Ich bekam eh nur olles Graubrot mit Salat, trotzdem zitterten meine Hände vor Angst, wenn ich meine leuchtend grüne Brotbüchse vor mich hielt, die ich als Einschulungsgeschenk von Vertretern der gleichnamigen Partei bekommen hatte. Als meine Lehrerin mit strengem Blick von meiner Buchse aufsah und weiterging, ohne etwas zu sagen, fiel mir ein riesiger Stein vom Herzen. Schon im nächsten Moment zuckte ich aber wieder zusammen, als sie ein anderes Kind erwischte, dass mit seinem Essen die Kollektivmoral der Klasse bedrohte.

Mitgefühl um jeden Preis 

Bei dieser Moral darf Großherzigkeit und Mitgefühl natürlich auch nicht fehlen – wir waren ja schließlich alle Gutmenschen in Ausbildung. Neben der üblichen Propaganda, von armen hungernden Kindern in Afrika und unserer eigenen Konsumgeilheit und Verschwendungssucht, wurden uns diese Tugenden dann aber mit wirklich brutalen Methoden aufgezwungen. Als 2004 der große Tsunami hunderttausenden Menschen in Südostasien das Leben kostete, mussten wir uns im Unterricht eine kurz danach erschienene Reportage über das Unglück ansehen. Sie zeigte nicht nur die tragischen Geschichten einzelner Menschen, die fast gestorben wären und ihre Angehörigen verloren hatten, sondern auch die zerstörte Umgebung. Ich werde den Moment nie vergessen, als der Sprecher sagte „Es hängen tote Tiere und tote Kinder in den Bäumen“. Diese Bilder haben sich bei mir tief eingebrannt, genau wie die Totenstille in meiner sonst so lauten Klasse. Sie wurde erst durchbrochen, als ein Mädchen anfing zu weinen. Ich war damals 8 Jahre alt und genau wie die meisten anderen vorher noch nie mit dem Tod konfrontiert worden. Ich war erstarrt und schockiert – so sehr, dass ich viele Nächte lang immer wieder von den schrecklichen Bildern träumte. 

Die Absicht hinter dieser „Schocktherapie“ war, uns anschließend zu nötigen, sofort an den Spendenaktionen teilzunehmen. Statt mit uns über die fürchterlichen Bilder und Geschehnisse zu sprechen, gab es nur einen schlichten aber fordernden Appell: Wir sollten entweder unser eigenes Schulmaterial spenden oder neues kaufen, was wir den Kindern in Thailand und Indonesien zuschicken konnten. Ich hatte in diesem Moment keinen Zweifel daran, dass das das einzig Richtige war. Genauso wenig, wie ich bezweifelte, dass sie in dieser fürchterlichen Lage gerade unsere Federmäppchen, Stifte und Blöcke brauchten. Also warf ich beinah alles in die Sammelbox – selbst eines meiner liebsten Plüschtiere. Die anderen taten fast alle das selbe. Wer auch noch sein Taschengeld opferte, wurde dann einzeln vor der Klasse für sein vorbildliches Verhalten gelobt. 

Diese Sammelaktion war unsere erste, aber nicht die letzte. Ich war irgendwann so überzeugt von den Spendenaktionen, dass ich einmal sogar nach der Schule loszog, um Geld für die Rettung des Kinderbauernhofs zu sammeln. Zusammen mit meiner Schwester und zwei Freunden lief ich den ganzen Tag durch Kreuzberg und bat völlig fremde Menschen um eine Spende. Wir ließen nicht locker, obwohl uns viele genervt, teils aggressiv wegschickten oder uns vorwarfen, dass wir nur Zigaretten kaufen wollten. Am Ende des Tages hatten wir so tatsächlich über hundert Euro gesammelt, und ich war stolz wie Bolle. Als wir das Geld am Kinderbauernhof abgaben, stießen wir allerdings auf wenig Begeisterung. Sie nahmen unser Geld, ohne sich auch nur zu bedanken. Ich war tief enttäuscht und verstand die Welt nicht mehr.

Ein blaues Auge hat noch keinem geschadet

Dem künftigen Rebellen schadet es nicht, ihn gegenüber dem Tod und der Gewalt abzustumpfen, das eigene Weltbild muss ja schließlich irgendwie erkämpft werden – so müssen zumindest meine Lehrer gedacht haben. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, als direkt vor unserem Schuleingang ein Mann erschossen wurde. Kaltblütig, von zwei Jugendlichen, denen er kein Feuer für ihre Zigarette geben wollte. Während wir uns ganz aufgeregt zum Ort des Geschehens schlichen, um uns den Sandhaufen über der Blutlache anzuschauen, hielt es keiner der Erwachsenen für nötig, mit uns über den Vorfall zu sprechen. Stattdessen ließen sie uns wie so oft lieber allein mit unseren Hirngespinsten und Ängsten. Und das nahm bei unserer blühenden Phantasie sehr schnell absurde Ausmaße an. Am meisten Angst machte mir das Gerücht, dass aus dem Haufen eine Hand herausgeragt hatte, die sich noch bewegte und ihre langen blutigen Finger in Richtung der Kinder streckte.

Rund um unsere Schule gab es oft Gewalttaten und Übergriffe, die sich manchmal auch direkt gegen uns Kinder richteten. Nur 10 Meter vor meiner Schule auf dem Spielplatz, wurden drei Jungs aus meiner Klasse von älteren Jugendlichen mit Pfefferspray angegriffen und erlitten starke Augenreizungen, sodass sie mehrere Tage nicht zum Unterricht kommen konnten. Meine Lehrerin sagte uns das in einem Halbsatz, ohne auch nur ein paar warnende Worte fallen zu lassen. Trotzdem mied ich schweren Herzens den Platz, auf dem ich sonst so gerne Seilbahn fuhr, wenn die meist arabischen jungen Männer dort herumlungerten. Doch auch hinter den Mauern unserer Schule war man nicht sicher. Nur kurze Zeit später hörte ich, dass die Jugendlichen sich auf den Schulhof schlichen und meine Mitschüler anpöbelten und bedrohten. Ich glaubte das erst nicht so recht, immerhin wurden viele Geschichten erzählt. Als ich vor meinem Fahrrad stand, wurde ich aber eines Besseren belehrt: Jemand hatte mir meine Reifen mit einem Messer aufgeschnitten, meinen Schlauch rausgeholt und ihn dann kunstvoll um mein Rad geknotet, sodass ich es keinen Zentimeter mehr bewegen konnte. Ich weinte vor Wut und vor Verzweiflung, während ich mein Fahrrad allein nach Hause schleppte. Das war sicher nicht das Werk eines Grundschülers. 

Es gab niemanden, der uns vor der Gefahr von außen schützte, aber auch niemanden der es im Inneren tat. Auf dem Pausenhof gab es ständig Schlägereien, die niemanden besorgten oder störten. Meine Klasse verabredete sich fast jede Pause für die große Schlacht der Geschlechter (zumindest die waren damals noch eindeutig, auch wenn viele Jungs lange Haare hatten). Wir marschierten dann gegeneinander auf, stürmten los und prügelten aufeinander ein. Für mich war das ein riesen Spaß und ein Adrenalin-Kick, bei dem keiner die Absicht hatte, wirklich jemanden zu verletzten – es enthemmte uns aber mehr und mehr. Bald kam es zu den ersten blutigen Nasen und dann zu echten Prügelattacken. Dass darauf keine Konsequenz folgte, merkte ich zum ersten Mal, als ein Junge aus meiner Klasse plötzlich auf meine beste Freundin einschlug und immer wieder auf sie eintrat, obwohl sie schreiend und weinend am Boden lag. Ich rannte verzweifelt los, um eine Lehrerin zu holen, die nur ein paar Meter um die Ecke stand. Als ich sie aufgeregt und hastig bat mitzukommen, guckte sie mich erstmal nur genervt an, bequemte sich dann aber langsam doch noch mit mir mitzukommen. Als wir zurück waren, war der Junge abgehauen, meine Freundin lag noch immer weinend am Boden. Trotzdem sah sie nur einmal verächtlich zu ihr, dann zu mir und sagte: „Ihr habt bestimmt auch was gemacht.“ Danach drehte sie sich einfach um und ging weg, ohne auch nur einmal zu gucken, ob meine Freundin verletzt war – von wegen Mitgefühl, das gab´s nämlich nur für Fremde. 

Schütze die Aura, ehre die Energie

Um meine Kreuzberger Erziehung abzurunden fehlte nur noch ein einziges Element – meine spirituelle Ausbildung. Sie begann damit, dass wir jeden Morgen zusammen die Sonnenhymne des Pharao Echnaton aufsagen mussten. Und nicht nur einfach aufsagen, wir sollten fühlen, was wir da von uns geben. Das fand ich schon damals komisch, ich wollte keinen Gott anbeten, schon gar nicht einen, von dem ich noch nie zuvor gehört hatte. Schon bald sehnte ich mich aber zurück nach den schlichten Aton-Huldigungen. Plötzlich kam nämlich jeden Tag eine hässliche kleine Frau in merkwürdigen Klamotten in unser Klassenzimmer, die wir nur kurze Zeit später die „Pornononne“ tauften. Warum dieser Name? Sie trug ein langes schwarzes Gewand, hatte lange graue Haare und nötigte uns Atemübungen zu machen, bei denen wir immer wieder in die Hocke gehen und dabei laut stöhnen sollten. Wir fanden das extrem sexuell und damit super peinlich, auch wenn wir mit unseren 9-10 Jahren von echter Sexualität überhaupt noch keine Ahnung hatten. Das Wort Porno kannten wir aber schon lange. Mir selbst waren diese Übungen so unendlich unangenehm, dass ich alles tat, um sie ins Lächerliche zu ziehen und mich damit irgendwie aus der Situation zu winden. Es nützte alles nichts. Ich wurde angeschrien und es drohten Strafarbeiten, mit denen ich leider schon mehrfach Bekanntschaft gemacht hatte, also fügte ich mich widerwillig. 

Die Atemübungen waren letztlich aber nur die Vorbereitung für die eigentliche Lehre. Die Lehre von der Energie, die einem jeden Menschen innewohnt und von seiner Aura, die ihn umgibt. Ich war so verstört, wie ich fasziniert war, wenn die Esoterikerin ihre Augen weit aufriss und wild mit den Armen gestikulierte, während sie voller Inbrunst sprach: „Ihr müsst die Aura des anderen schätzen und respektieren. Keinesfalls darf sie unerlaubt berührt, gar durchbrochen werden. Sonst verletzt ihr euer Gegenüber, seine Seele, sein Inneres, sein Sein.“ Als wäre das nicht schräg genug, sollten wir lernen, unsere Energie zu spüren, zu sammeln und durch unsere Brust zu unseren Händen zu bewegen, um sie mit Erlaubnis des Nachbarn an ihn weiterzugeben. Die Energie war ein herrliches, glückseliges Bündel Lebenskraft und wahrnehmbar als warme wandernde Quelle der Wonne. Ich fand diese Übung das erste Mal bescheuert, genau wie das zweite Mal und auch noch das fünfte Mal. Irgendwann war ich aber so gehirngewaschen, dass ich mir kurz einbildete, tatsächlich eine warme Energieübertragung zu spüren.

Die entscheidende Zutat

Wenn man all diesem Unfug jahrelang ausgesetzt wird, kann man gar nicht anders, als zu einem dieser nervigen Gutmenschen zu mutieren. Aber nur unter einer einzigen Bedingung: Verwahrlosung. Die Kinder glauben diesen Quatsch nur, wenn sie zuhause niemanden haben, der sie aufklärt. Sie machen an den ganzen Aktionen nur mit, wenn sie sich haltlos fühlen und einsam sind. Wenn sie nach Nähe, Geborgenheit und Anschluss suchen, die sie in der Schule und in Aktionsbündnissen zu finden glauben. Die Erwachsenen müssen aufhören, die Verantwortung von sich zu weisen, denn sie machen ihre Kinder genau zu dem, was wir heute auf der Straße und in den Nachrichten sehen. 

Ich selbst hatte den nötigen Halt und die Aufklärung offenbar leider zu wenig. Diese sechs Jahre Grundschule konnten ihre Wirkung entfalten und haben mich geprägt. Als ich an die Oberschule kam, war ich ein vorlauter Öko, ein Hippie und sah überall Rassismus, wo keiner war. Wenn ich nicht irgendwann auf die Schnauze gefallen wäre, würde ich heute auch für Klimagerechtigkeit die Straßen blockieren oder bei der Antifa Steine schmeißen. 

Pauline Schwarz ist Berlinerin und studiert Psychologie.

7 Antworten

  1. Jan sagt:

    Wo der Ausgangsbeitrag schon exzellent war, bringt die Ergänzung von “dasLinkeParadox” noch eine – wenngleich sehr ausführliche – erweiternde Erfahrung aus der Praxis mit einer sehr vernünftigen Schlussfolgerung.

    Es ist erschreckend, wie strukturiert unsere Nachfolgegenartionen vorsätzlich verdummt werden solen.

  2. Wolfgang sagt:

    Paulina, ich gratuliere Ihnen zu der Bewußtwerdung. Aber einen Punkt gebe ich zu bedenken: mit der Studienwahl “Psychologie” haben Sie eine berufliche Schiene gewählt, die genau in die Ideenwelt ihrer Lehrer in Kreuzberg passt. Sie scheinen eine gute Menschenkennerin zu sein und brauchen das Studium nicht.

    Vielleicht könnten Sie ja ein Studium in einem MINT-Fach schaffen oder eine sonstige, produktive Berufsqualifikation erwerben. Psychologie wird manchmal abwertend als “Geschwätzwissrnschaft” bezeichnet. Da ist schon was dran. Viel Erfolg!

  3. Max Media sagt:

    Danke für diesen tollen, aufgeklärten Artikel. Das Geschriebene lässt tief blicken.

    “Als beurkundeter Gemüseaktivist[…]”…haben sie mich gerade zum lachen gebracht:-)))

  4. Martin Hahn sagt:

    Das ist ja der blanke Horror und kaum, wenn überhaupt, besser als die früheren berüchtigten kirchlichen Internate. Als Gegentherapie werde ich mir wohl gleich zum Frühstück erstmal ein fettes Wurstbrot reinziehen.

  5. dasLinkeParadox sagt:

    Dankeschön Pauline! Primärbestätigt dieser Efahrungsbericht 2 meiner Grundthesen:
    1. Kinder sind Kinder! Verhaltensauffällige Kinder sind zu 80% das Produkt verhaltensgestörter Erwachsener in ihrem Umfeld.
    2. Man kann auch verkosrkste KInder erziehen! Und zwar am effektivsten, indem sie die Folgen ihrer Wünsche SPÜREN lässt. Wenn bspw. ein Kind einmal versucht die heisse Platte anzufassen, dann warne ich es EINMAL! Versucht es das Kind trotzdem, dann lass es gewähren! In deisem Beispiel wir es INSTANTAN lernen, das manche Handlungen sehr unschöne Konsequenzen haben kann!
    Ich halte in der Erziehung nicht viel von unnötigen Verboten, ich gebe lieber Empfehlungen oder warne einfach, konfrontiere mit seinen eigen Widersprüchen…. Selbst wenn sich das Kind durch Zuwiderhandlung einen Arm brechen könnte, denke ich, ok, es will es so… na dann lernste es eben auch so! Irgendwann lernt das Kind auf der Meta-Ebene, das meine Warnungen, Empfehlungen…. Sinn machen, ich es um seiner selbst willen beschützen möchte, nicht um es zu massregelen! Von diesem Punkt an, kann man auch mit “verhaltensauffälligen Kindern” halbwegs konstruktiv arbeiten. Abstrakte Verbote, und noch viel schlimmer zahnlose Verbote, bei deren Übertritt keine Konsequenz erfolgt, unterminieren das Vertrauensverhältnis unnötig! Kids ab einen bestimmten Alter wollen sich behaupten, ihren Willen rücksichtslos durchsetzen. Das Andere darunter leiden realisieren sie meist noch nicht ,echte Empathie entwickelt sich erst später. Auf der Moralschiene kann man Kindern schlecht kommen, wenn sie sich moralisch verhalten, dann meist aus Angst vor Sanktionen, nicht aus ihrer Moral heraus, denn dazu braucht es Empathie und die haben KInder nunmal noch nicht wirklich! Kinder sind ausgemachte Egositen, wenn sie Trauer oder ähnliches Mitfühlen für andere empfinden, dann primär aus Selbstmitleid. Wenn der beste Kumpel stirbt,trauert ein gesundes Kind zwar, aber vorwiegend aus der Frage heraus: mit wem soll ich jetzt spielen…. ?
    Das muss man alles akzeptieren lernen, die Welt ist, wie si ist. Man kann einer Katze nicht vorwerfen, das sie stundenlang mit der schwerverletzen Maus “spielt”, statt ihr den Ganenstosss zu geben, sie ist so PROGRAMMIERT! Wir sind anders PROGRAMMIERT: Frauen fahren idR auf selbstsichere, durchsetzungsstarke Typen ab und Typen auf 90-60-90 … das ist unser archaisches Erbe an dem wir nicht rütteln können! Und Kinder sind eben nur bedingt empathiefähig!
    Also muss man Kindern ganz anders kommen als mit der Moralkeule, Logik, abstrakten Irgendwann-Belohnungen… KInder brauchen JETZT und HIER eine vertrauensvolle AUTORITÄT, keinen autoritären Vertrauensimulator! Das erreicht man ehesetn in dem man Kindern soviel Freiraum wie möglich lässt, sie auch ihre negativen Erfahrungen machen lässt (Grenze: es könnte echt lebensbedrohlich sein, ein Armbruch aber bspw. noch nicht)….
    sie nicht gängelt, aber sie sukzessive erfahren, hm, was der Typ da sagt, hat Hand und Fuss, ich höre ab jetzt besser auf ihn! Das ist das Gegenteil von “keine Grenzen” von antiautoritärer Verzeihung, es aber auch das Gegenteil von blödsinnigen Verboten und überfordertem, ungerechtem “Schluss jetzt, alle Beide”*…. das heisst ganz KLARE ELEMENTARE REGELN, bis hierhin und nicht weiter! Aber diese ELEMENTAREN Regeln müssen KONSEQEUNT befolgt werden. NIchts ist schlimmer als Konsequenzen anzudrohen und diese nicht umzusetzen, oder seine eigenen Regeln zu brechen.
    * Was bewirkt “Schluss jetzt: ALLE BEIDE?”, also undifferenzierte Gruppenstrafe? Das “Angreifer-Kind” lernt “Die Welt ist ungerecht! Funzt aber zu meinem Gunsten, wenn ich nur laut genug bin”. Das Opfer-oder Verteidiger-KInd lernt “Die Welt ist ungerecht. Ich hab doch aber Recht wenn ich mich wehre? Wem kann ich noch vertrauen?”

    Ewig langer Exkurs, liegt daran das ich zurzeit in nem Jugendclub jobbe, mehr als die Hälfte Syrer dort, aber eben keine vollindokrtinierten, nicht mehr erreichbaren Islam-Kids, sondern, falls überhaupt, NORMALE “VERhaltensuffälige” Kids darunter, die meisten aber aber handzahm. Auf unserem “Dorf ” hatten wir wirklich Glück mit der Zuteilung, bis auf eine “Famillie” mit 3 Onkeln und keiner Mutter und nur JUngs als Nachwuchs! Die Kids sind nicht so schwierig, aber hin un wieder muss ich den ein oder anderen mal “Richtig” sanktionieren. Sofort ist das ganze Rudel da und setzt sich für den Bruder ein! Auch wenn uns das fremd ist, eigentlich ne normale Famillien-Zusammenhalt-Reaktion: Der Stuhl ist mir ERSTMAL näher als der Tisch, wann, warum und wozu haben wir das verlernt? Die Anderen beiden zeigen sich auch einsichtig, selbst der “Täter” irgendwann… aber muss erstmal Ruhe ins Rudel bringen! In den letzten Wochen musste ich jedenfalls niemand mehr sanktionieren…. Nur meiner blöden Chefin gefällt meine lockere Art so garnicht! Es gibt gewisse autoritäre, gängelnde Regeln an die sich zu halten IST! Punkt! Das diese nicht unbedingt förderlich sind, scheint zweitrangig. Hauptsache ich hab Recht! Was hinterlässt das, wenn allenorten durchexerziert bei den Kids? Kann man so ECHTE Moral oder gar Empathie erzeihen? Ich denke das ur-deutsche sture Kleinigkeiten-Regelbefolgen prädestiniert uns zum Duckmäsusertum, zum Faschismus, egal welchem Anstriches, in welcher modischen Zeitgesiterscheinung!
    Heute ist halt “Regel” dem Staat auf der Tasche zu liegen, für “Vielfalt und Toleranz” anderen den Mund zu verbieten, “weltoffen und tolerant” zulassen das Tausende Mädels genitalverstümmelt werden, in Zwangsheirat gedrängt, in erbärmlichen Schläger-Ehen ausharren müssen, ihre Jugendlichkeit, gar ihre Kindheit unter Hijab-Normen, kontrolliert vom “ehrenvollen” Bruder, der selber natürlich mit seinen Kumpels dank KO Tropfen sich mal bei einem ordentlichen Tarrarush die “Hörner abstossen darf”…. Was für eine ejkelhafte Bogotterie!

    Viel Theorie, hier etwas Praxis: Eltern von FFF_Kids würde ich empfehlen, nicht mit den Kids zu diskutieren, zumindest solange sie komplett auf Blockade sind. Stattdessen: Ok, du willst zu FFF, na sehr schön. Der Urlaubsflug für dich ist jednefalls gestrichen, soviel CO 2 Belastung können wir nicht vertreten. Dein Handy, Computer, etc. wird dir ab morgen nur noch eine Stunde zur Verfügung stehen… Du wolltest n Mofa oder nen Auto zum xten Geburstag? Wir schenken dir ein klimaneutrales neues Fahrad!… Uswusf. Verbietet nix! Lasst einfach folgerichtige Konsequenzen aus direkter Handlung folgen! Das Kind muss lernen das es allein durch seine Handlungen für mögliche Konsequenzen verantwortlich ist!

  6. David sagt:

    Zum einen tun Sie mir leid, einem derartigen Martyrium ausgesetzt gewesen zu sein. Zum anderen gratuliere ich Ihnen, diesem Milieu entkommen zu sein. Es war gewiß ein sehr harter Weg.

    Ihre Beschreibungen sind sehr drastisch. Beim Lesen der Ausführungen zur “Schocktherapie” mußte ich an die Gutmenschen-Versuche denken, Bücher wie den Struwwelpeter zu verbieten. Welcher unendlichen, unvorstellbaren Heuchelei waren Sie ausgesetzt! Und wie sehr nehmen die kindlichen Gemüter dadurch auf Dauer Schaden!

    Für Ihr Studium wünsche ich Ihnen viel Erfolg. Sie werden mit Gewißheit Ihren Weg machen!

  1. 20. Oktober 2019

    […] Bei dieser Moral darf Großherzigkeit und Mitgefühl natürlich auch nicht fehlen – wir waren ja schließlich alle Gutmenschen in Ausbildung. Neben der üblichen Propaganda, von armen hungernden Kindern in Afrika und unserer eigenen Konsumgeilheit und Verschwendungssucht, wurden uns diese Tugenden dann aber mit wirklich brutalen Methoden aufgezwungen. Als 2004 der große Tsunami hunderttausenden Menschen in Südostasien das Leben kostete, mussten wir uns im Unterricht eine kurz danach erschienene Reportage über das Unglück ansehen. Sie zeigte nicht nur die tragischen Geschichten einzelner Menschen, die fast gestorben wären und ihre Angehörigen verloren hatten, sondern auch die zerstörte Umgebung. Ich werde den Moment nie vergessen, als der Sprecher sagte „Es hängen tote Tiere und tote Kinder in den Bäumen“. Diese Bilder haben sich bei mir tief eingebrannt, genau wie die Totenstille in meiner sonst so lauten Klasse. Sie wurde erst durchbrochen, als ein Mädchen anfing zu weinen. Ich war damals 8 Jahre alt und genau wie die meisten anderen vorher noch nie mit dem Tod konfrontiert worden. Ich war erstarrt und schockiert – so sehr, dass ich viele Nächte lang immer wieder von den schrecklichen Bildern träumte. weiter […]