Skandal: Junge Leute wollen Spaß haben

Von Larissa Fußer | Na, sind Sie auch so ein Ü40er, der noch vor der Wende geboren wurde und uns jungen Leuten das Studium bezahlt? Davon soll es unter den Lesern ja einige geben, habe ich gehört. Jetzt, wo uns allen der Urlaub und überhaupt jedes gesellschaftliche Leben mies gemacht wird, denken Sie doch bestimmt immer mal wieder an Ihre goldenen Jahre zurück, oder? Das waren noch Zeiten damals!

Sicherlich haben Sie schon oft Ihren Kindern oder auch Enkeln davon erzählt, wie Sie sich in Zeiten des Rock’n’Roll oder der Neuen Deutschen Welle oder wippend zu Whigfield herzklopfend die Haare frisiert, stundenlang ihr Outfit zusammengestellt, eine neue Beleuchtung installiert und eine teure Webcam gekauft haben, um bei der Videokonferenz Ihrem Schwarm aufzufallen. Oder? Sonst haben Sie bestimmt von dem Wochenende erzählt, als Sie mit Ihren Freunden zusammen einen stylischen Mundschutz shoppen gegangen sind, den Sie dann abends reizvoll zu ihrer Winterjacke, einem Wollschal und einer Mütze kombiniert haben, weil die Heizstrahler auf der Open-Air-Party ausgefallen waren? Nicht wahr? „Kinder“, haben Sie dann bestimmt gesagt, „ihr könnt euch nicht vorstellen, wie reizvoll die Augenpartie eurer Mutter/eures Vaters war, als sie/er mich vom anderen Ende der Tanzfläche angeguckt hat!“ Lächelnd haben Sie dann an die Nacht gedacht, als Sie um 10 Uhr abends wie von der Biene gestochen von Bar zu Bar gestolpert sind, um vor der Sperrstunde alle Möglichkeiten ausprobiert zu haben. Da haben Sie sich richtig lebendig gefühlt!

Bestimmt vermissen Sie diese Zeiten und werden manchmal ganz wehmütig, wenn Sie abends nach 23 Uhr aus dem Fenster gucken und junge Leute in Fünfergruppen Redbull trinken sehen, weil der „Späti“ ja keinen Alkohol mehr verkaufen darf. Wir jungen Leute haben das Glück, dass wir das alles gerade live und in Farbe erleben dürfen. Da ist es doch wirklich frech, dass sich eine junge Frau nun über ihr quietschlebendiges Leben beschwert, oder? Total unreflektiert hat „Ida“ aus Berlin in den letzten Tagen tatsächlich dem ZDF heute journal erzählt, dass sie es traurig findet, dass sie jetzt seit März nicht mehr feiern war. Vorher sei sie dreimal die Woche aus gewesen und brauche das auch. Darauf zu verzichten, findet sie ziemlich schlimm und das ginge nicht nur ihr so. Laut Ida vermissen viele das Nachtleben und das sei auch der Grund, warum die zweite Welle so schwierig sei und wieder mehr Partys gefeiert würden. 

Zum Glück sind nicht alle jungen Leute solche Jammerlappen wie Ida. Ein Twitter-User, seinem Twitter-Profilbild zufolge vermutlich Ende 20 und laut Eigenangabe wissenschaftlicher Mitarbeiter des CDU-MdBs Andres Jung, teilte Idas Beitrag aus dem ZDF heute journal auf seinem Twitter-Account. Dazu schrieb er den Kommentar: „Definiere First world problems“. Genau! Die Kleine heult da rum, nur weil sie nicht mehr rumknutschen darf – die Kinder in Afrika, die werden nicht mal von ihrer Mutter geknutscht! Das sahen auch viele andere Twitter-Nutzer so – 508 Retweets und 3.965 Likes bekam er. Da kann man gar nicht verstehen, warum er kurze Zeit später den Tweet wieder gelöscht hat. „Steh doch zu dir“, möchte man ihm zurufen, „es braucht mehr junge Leute wie dich!“

Wir jungen Leute müssen echt aufhören, uns zu beschweren. Ich für meinen Teil, fange heute Abend einfach die zehnte Netflix-Serie seit März an und zoome mal wieder mit meinen Freunden. Wer braucht schon unmittelbaren Kontakt, wer braucht schon die Spannung eines Flirts an der Bar oder eines Tanzes in einem vollgedrängten Club. Wer braucht überhaupt Kontakt zum anderen Geschlecht? Oder zu seinen Freunden? Wer braucht schon die nervigen Uni-Veranstaltungen im Hörsaal, wenn man stattdessen einfach das ganze Semester vor seinem Laptop in der Bude hocken und Jogginghose tragen kann? Wer braucht schon Geselligkeit in Restaurants und Cafés? Wer braucht schon den Reiz des Aufbretzelns vor dem Ausgehen? Wer braucht schon Wein nach 23 Uhr? Wer braucht überhaupt andere Menschen außer sich selbst in seiner Umgebung? Man kann sich doch einfach einen Spiegel hinstellen, dann ist man auch nicht mehr allein!

Dieser Artikel von Larissa Fußer erschien zuerst auf TichysEinblick.

1 Antwort

  1. Habauga sagt:

    Wie eigentlich immer von dieser feingeistigen Autorin gewohnt ein ganz wunderbarer, von vielen guten Ideen getragener Artikel, der bei diesem eigentlich recht ausgetretenen Thema nochmals zum nachdenken anregt. Als Ü40, der Dein Studium finanziert, fühle ich mich sehr angesprochen. Ich freue mich auf weitere solche Werke!