Sex, Politik und Sven Lehmann – Bundesregierung auf Abwegen

Von Sven Versteegen | Sven Lehmann ist spätestens mit seiner Berufung zum ersten Queer-Beauftragten im Januar 2022 deutschlandweit bekannt geworden. Als ehemaliges Mitglied der Grünen und Grünen Jugend ist mir Sven Lehmann schon länger bekannt. Lustigerweise teilen wir nicht nur denselben Vornamen und dieselbe Vorliebe für Männer – aber könnten sonst unterschiedlicher nicht sein. Für das Bundesfamilienministerium kämpft der Queer-Beauftragte der Bundesregierung für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt“. Am 13. November war er Gast im Podcast „schwanz & ehrlich“, dort wurde über Sex, Affenpocken und seine Arbeit gesprochen. Wer masochistisch veranlagt ist, dem empfehle ich den Podcast, allen anderen rate ich eher davon ab.

Der Podcast startet, eine weibliche Stimme spricht zu einem angenehmen Beat: „schwanz & ehrlich, der Podcast über Schwulensex, queere Liebe und Beziehungen.“ Einer der Host ist scheinbar OnlyFans- Darsteller – also Porno-Darsteller – und Erzieher. Schon möchte ich ihn wieder ausschalten, tue ich auch, höre aber kurz darauf weiter. Danach begrüßen die drei Männer Sven Lehmann, die „Bundeskanzlerin der Schwulen.“ Zunächst wird die Frage aller Fragen gestellt, was genau ein Queer-Beauftragter den ganzen Tag macht. Darauf antwortet Lehmann platt: „Du meinst außer grindrn?“ Ich pausiere den Podcast zum zweiten Mal.

Als Erklärung für alle unschuldigen Geister: grindrn leitet sich von Grindr ab, der vermutlich größten „Dating-App“ für schwule Männer. Dabei handelt es sich jedoch weniger um Dating als um Penisbilder und Sexanfragen. Auch das gelegentliche Angebot, sich ein Taschengeld (TG) zu verdienen, also zu prostituieren, ist dabei.

Für Sven Lehmann ist Grindr Arbeit. Er wiederholt diese Aussage später noch einmal und scheitert daran, diese zu begründen. Als „Gründe“ führt er die Aufklärung über Affenpocken auf Grindr an, außerdem sei es eine tolle Recherche über andere MdBs. So ganz kann ich dieser Argumentation nicht folgen. Sicher, vor einem Sextreffen oder auf schwul „dick appointment“ also Schwanz Termin bereitet man sich idealerweise vor. Duschen, rasieren und Zähne putzen als Arbeit zu bezeichnen ist allerdings seltsam. Mein Arbeitgeber bezahlt mich nicht fürs Duschen, auch wenn ich mich darüber freuen würde und das Wasser sicherlich länger laufen ließe.

Jedoch zurück zu Sven Lehmanns Aufgabe. Er ist dafür verantwortlich, darauf zu achten, dass die Bundesregierung queere Politik macht. In anderen Worten: sich an den Koalitionsvertrag hält. Hört sich anspruchsvoll an. Die 16 Jahre unter Kanzlerin Merkel beschreibt er als lange Dürre Phase. Über die gleichgeschlechtliche Ehe scheint er nicht zu begeistert, sondern sieht sie als einen von vielen Etappensiegen. Wie radikal die Idee der gleichgeschlechtlichen Ehe in vielen Teilen der Welt, geschweige der Menschheitsgeschichte ist, ignoriert Lehmann.

Berlin ist in Deutschland zusammen mit Köln und Hamburg der heiße Punkt für Affenpocken. Wer hätte es gedacht? Affenpocken ist keine Geschlechtskrankheit, auch wenn es häufig als solche bezeichnet wird. Trotzdem war die Übertragung in 95 Prozent aller Fälle über Geschlechtsverkehr. Die Affenpocken sind auch keine „Schwulenseuche“. In den Punkten hat Sven Lehmann recht. Allerdings ist es eine Krankheit, die vermehrt homosexuelle Männer trifft, wieso? Aufgrund der hohen Frequenz an Sexualpartnern, die besonders Männer in diesen Ballungsgebieten pflegen. Im Gespräch versucht man sich in dem Spagat zwischen „keine Schwulenkrankheit“ und der hohen Ansteckungsquote in dieser kleinen Bevölkerungsgruppe.

Als Lösung für die Affenpockenpandemie sieht Lehmann vor allem die Impfungen. Diese existierten bereits vor dem kürzlichen Ausbruch, der auf eine schwule Sexparty in Belgien zurückzuführen ist. Schockierend, ich weiß. Allerdings gibt es nicht ausreichend Impfstoff, sachlich erklärt Lehmann, dass es nur einen Hersteller gibt und dieser derzeit einfach überlastet ist. Freut sich aber darüber, dass der Gesundheitsminister Karl Lauterbach überdurchschnittlich viel bestellt hat. So weit, so gut, dann wird es allerdings wirr. Für das fehlende Angebot macht er andere Regierungen verantwortlich, durch ihre ausbleibende Nachfrage würde nicht mehr produziert werden. „Let’s face it wir haben homefeindliche Regierungen auch in Europa.“ Dies, obwohl er zuvor sagte, dass die Produktionskapazitäten schlicht erschöpft sind.

Problematisch sieht Lehmann den Aufruf von verschiedenen Institutionen, sich sexuell zurückzuhalten. Besonders den Kommentar des WHO-Chefs, Schwule sollten ihre Schwänze mal in der Hose halten, kritisiert er auf‘s Schärfste. „Das geht gar nicht.“ Auch Abstinenz hält er für „keine Lösung“. „Und Monogamie ist sowieso keine Lösung“, schiebt er hinterher.

Eine kleine Exkursion, weshalb Monogamie nicht nur eine Lösung, sondern eine gute Lösung ist. Monogamie schafft die Sicherheit, sexuell übertragbare Krankheiten nicht an Dritte weiterzugeben. Somit werden Ausbrüche wie zuletzt Affenpocken eingegrenzt. Außerdem schützt man sich selber. Doch Monogamie greift tiefer, sie macht und mitverantwortlich für eine andere Person. Wir lernen nicht nur für uns selbst zu leben, sondern auch für eine andere Person. Monogam, idealerweise verheiratet zu sein, lässt uns wachsen und Erwachsen werden. Offene Beziehungen hingegen sind schwache Konstrukte, auf denen sich keine stabile und zukunftsfähige Gesellschaft bauen lässt. Ein loses Konstrukt, indem das „Ich“ im Mittelpunkt alles Handelns steht, führt nicht nur in die Einsamkeit, sondern stärkt auch staatliche und kollektivistische Bestrebungen. Sven Lehmann ist in einer offenen Beziehung und hält es für hinterwäldlerisch, offene Beziehungen moralisch zu bewerten.

Auf Vorwürfe der Missgunst möchte ich direkt reagieren. Nein, ich bin nicht neidisch, dass andere ein „befreites Sexualleben“ haben. Nicht jeder hat Freude von belanglosem Sex, ganz im Gegenteil kann es für eine keine Minderheit eine psychische Belastung sein. Trotzdem ist Sex wichtig, wichtig für eine gesunde Beziehung und ein gesundes Leben. In welchem Ausmaß jedoch Sex in diesem Podcast propagiert wird, ist eher besorgniserregend. Einer der Hosts erzählt er habe auch während der drakonischen Corona-Maßnahmen Cruising Spots aufgesucht. Dort soll es zudem nicht gerade leer gewesen sein. Cruising bezeichnet das Treffen, gefolgt von direktem Geschlechtsverkehr entweder im Freien oder der eigenen Wohnung.
Zuletzt adressierte Lehmann das Thema der Sexualaufklärung in Schulen und der generellen Öffentlichkeit. Es müsste mehr getan werden, um darüber zu informieren, wie variantenreich Sexualität und Geschlechtsidentität sein kann. Auch in der Politik soll Sex mehr thematisiert werden. Sex als Privatsache lehnt Lehmann ab. Für ihn ist das Private immer auch politisch. Besonders Sex kann unheteronormativ zu sein, befreiend sein. Mögliche Scham, die besonders queere Menschen nach Jahrhunderterlanger Unterdrückung spüren, müssen abgebaut werden. Nach mehrmaligen hören des Podcasts frage ich mich: Welche Scham?

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