Schon wieder Weltuntergang? Ein Blick auf den Expressionismus

Von Anna Graalfs | „Das Leben liegt in aller Herzen wie in Särgen” hat die deutsche Dichterin Else Lasker-Schüler in ihrem Gedicht “Weltende” von 1905 geschrieben. Heute meint man fast dieselbe Stimmung in der Gesellschaft vorzufinden. Erst neulich habe ich eine Klassenkameradin sagen hören: “Ich glaube langsam wirklich, die Welt geht unter.” Aber was erwartet man auch – angesichts tödlicher Viren, der Klimakatastrophe und dem vermeintlich bevorstehenden dritten Weltkrieg.

Wenn man recht überlegt, lassen sich erstaunlich viele Parallelen zu der Zeit des Expressionismus ziehen. Die Jahrtausendwende, vor der viele ja panisch Angst hatten, liegt zwar schon zwei Jahrzehnte zurück, aber mit Putin ist sicherlich ein zweiter Lenin an der Macht. Statt einer Revolution des Proletariats, haben wir es heute allerdings mit einem Aufstand der Klimahüpfer zu tun. Und das wissenschaftliche Gegenstück des Sozialdarwinismus ist heute die “Critical Race Theory“, die davon ausgeht, dass “race” ein soziales Konstrukt sei und Schwarze in unserer Gesellschaft systematisch unterdrückt seien.

Es scheint auch überall nur so von Katastrophen und Weltuntergangsszenarien zu wimmeln. Allerdings haben wir den Vorteil von unserem nahen Lebensende genaustens informiert zu werden, während Autoren des Expressionismus wenig vielfältige Informationsquellen hatten.

Was der Bauer in der Zeitung las, war noch lange nicht das, was er erlebte, als er zum ersten Mal in die Großstadt zog. Autos, mit Menschen überflutete Straßen, schnelles, stressiges Leben, waren alles Dinge, die Menschen so vor der Verstädterung nicht kannten. Das ist auch der wesentliche Unterschied zwischen der Panik im Expressionismus und der Panik von heute: Im Grunde genommen kennen wir alles schon, vor dem wir so sehr Angst haben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es das Neuartige, was den Menschen Angst einjagte, während es heute das Alte ist, dass zumindest manchen Linksextremen mit den Knien schlottern lässt.

Nehme man zum Beispiel Autos: Damals hatten viele Menschen panische Angst vor ihnen, ein Metallwagen mit lautem Motor statt Pferden vor dem Gespann, hatte ja auch noch nicht jeder gesehen, geschweige denn gefahren. Andere, vor allem die Erschaffer, betrachteten das Automobil unzweifelhaft als technischen Fortschritt. Heute meint man die Grünen würden am liebsten Städte nur mit Lasten-Fahrrädern sehen. Der technische Fortschritt und die mit Autofahren verbundene Freiheit rücken durch eine Angst vor einer CO2-belasteten Zukunft in den Hintergrund. Während damals die Angst konkret in der Gegenwart begründet war, wird sie es heute durch “mögliche Konsequenzen für das Deutschland in zwanzig Jahren, wenn wir es nicht schaffen den Temperaturanstieg um genau 1,5 Grad zu senken” erklärt.

Um ehrlich zu sein, ist es genau das, was mich eher mit Dichtern aus dem Expressionismus sympathisieren lässt, als mit Instagram-Aktivisten. Erst letztens bin ich auf ein Video im Internet gestoßen, in dem sich eine junge Erwachsene während eines Heulkrampfs filmt. Zwischen den Schluchzern höre ich heraus, dass der Grund für ihr Verhalten der ist, dass ihr Chef sie falsch gegendert hat und sie langsam wirklich nicht mehr an das Gute in der Welt glaubt. Ja, an das Gute in der Welt glaube ich langsam wirklich nicht mehr, wenn ich solche Videos sehe. In Alfred Wolfensteins Versen “Unsre Wände sind so dünn wie Haut, daß ein jeder teilnimmt wenn ich weine” oder in Georg Heyms Worten über den Krieg “In den Abendlärm der Städte fällt es weit, Frost und Schatten einer Dunkelheit”, kommen dieses Leid und diese Angst doch wesentlich authentischer zum Ausdruck.

Im Vergleich scheint es fast so, als würde viel Angst auf Social Media daher rühren, Aufmerksamkeit zu gewinnen oder andere mit dem moralischen Zeigefinger belehren zu wollen.  Ich schätze das ist das, was passiert, wenn man seit so langer Zeit in einer Wohlstandsgesellschaft lebt. Das führt aber nicht nur zu imaginären Problemen, die einem die Todesangst heraufbeschwören, sondern auch dazu, dass die Bürger in panischem Chaos ausbrechen, wenn ein wirkliches Problem auftritt. Am genausten sieht man das meiner Meinung nach am momentanen Ukraine-Krieg. Aber wie gesagt, werden wir heutzutage dafür genaustens informiert und das dazu noch mit höchst “objektiven” Informationsquellen. Wir haben das Glück, nur den Nachrichtensender einschalten zu müssen, und schon werden wir mit den neusten Zahlen im Kampf gegen des Killer-Virus bombardiert, während wir auf dem nächsten Sender beruhigende Bilder von auf der Straße klebenden, klimastreikenden Rentnern sehen können.  

Vielleicht ist es das Beste, diese Apokalypsen-Hysterie mit Humor zu nehmen. Jakob von Hoddis tat das bereits in seinem 1911 erschienenen Gedicht “Weltende”, indem er Ereignisse schildert, die eigentlich nichts Neues sind: “Dem Bürger fliegt der Kopf vom Hut” und “Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen”. Durch seinen ironischen und makabren Unterton (“Dachdecker stürzen ab und gehen entzwei”) wird klar, dass er sich über die Menschen lustig macht, die aus lächerlichen Gründen in Panik geraten. Genau deswegen halte ich das Gedicht für so zeitlos, auch wenn die Menschen heutzutage andere (noch verrücktere) Gründe gefunden haben, den Weltuntergang einzuläuten. Gerade den vorletzten Vers finde ich auf amüsante Weise zutreffend: “Die meisten Menschen haben einen Schnupfen”.

1 Antwort

  1. Chiara sagt:

    Interessante Parallelen, die hier gezogen werden – und alles in eine andere Relation setzen. Und das Gedicht von Hoddis passt perfekt.
    Das ganze mit Humor zu nehmen, ist wohl das beste…
    Schöner Text!