Schon vor Amtsantritt beginnt das Sägen der Medien an Bidens Stuhl zugunsten von Kamala Harris

Von Max Roland | Sollten sich die aktuellen Zahlen bewahrheiten, hat Herausforderer Joe Biden das enge Rennen um die Präsidentschaft entschieden und wird aller Voraussicht nach ins Weiße Haus einziehen. Die Freude in den Medienhäusern wird gewaltig sein – endlich ist Donald Trump weg.

Umso überraschter war ich, als ich heute morgen in mehreren Zeitungen die gleiche Story las: Plötzlich thematisieren verschiedenste deutsche Medien die Senilitäts-Gerüchte um den ehemaligen Vize- und derzeit wahrscheinlich zukünftigen Präsidenten. „Biden sorgt für Fassungslosigkeit: Demokrat verwechselt eigene Enkelin mit seinem toten Sohn“ titelt der Münchner Merkur, beim Funke-Portal Der Westenschaffen es sogar „Demenz-Gerüchte“ in die Überschrift.

Bis dato berichtete kaum ein Journalist über das, was Donald Trump, die Republikaner und viele konservative US-Medien monatelang verbreitet hatten – Biden soll gesundheitlich, mental nicht mehr auf der Höhe für das Amt sein. Ein Patzer vor Unterstützern in Pennsylvania, bei dem er seine Enkeltochter erst mit seinem toten Sohn Beau und dann mit einer weiteren Enkelin verwechselte, hat das Unmögliche möglich gemacht: deutsche Journalisten kritisieren Joe Biden. Das ist insofern bemerkenswert, als man sich im US-Wahlkampf schon sehr viel Mühe geben musste, um die Frage nach der mentalen Gesundheit des Kandidaten angesichts seiner zahlreichen Aussetzer zu ignorieren. Tatsächlich berichteten viele deutsche Medien über Gerüchte, Trump sei geistig nicht mehr fit – Biden bekam jedoch so gut wie keine schlechte Zeile in den deutschen Leitmedien.

Das ändert sich mit dem Tag, an dem sein Sieg festzustehen scheint. Haben also deutsche Journalisten nun so etwas Ähnliches wie ihre journalistische Integrität wiedergefunden? Vielleicht liegt es eher an etwas anderem.

Dass die deutsche Leitpresse Biden nicht länger die Treue halten will, ist nicht wirklich überraschend: Der 78-Jährige ist nämlich eigentlich alles andere als ein Wunschkandidat für viele Linke. In seinen 47 Jahren als Politiker war Biden an vielen Projekten beteiligt, die heute in seiner Partei unpopulär sind: In den 80er-Jahren unterstützte Biden als Senator eine Gesetzesvorlage, welche die Waffenrechte in den USA stärkte und vielerorts Regulierungen und Bundesaufsicht beschnitt. 1994 schob er eine Strafrechtsreform an, die bis heute inofiziell seinen Namen trägt – die sogenannte „Biden Crime Bill“, welche Drogenvergehen deutlich härter bestrafte und vor allem in schwarzen und hispanischen Communities für hohe Zahlen an Verurteilungen sorgte. Als langjähriger Außenpolitiker war er einer der ersten US-Advokaten für einen Militäreinsatz der NATO im Kosovokrieg und bemühte sich nach dem 11. September, demokratische Senatoren hinter Präsident Bush zu versammeln. Biden stimmte auch für beide Irakkriege – vom zweiten distanzierte er sich später öffentlich, wie viele andere Politiker. Waffenrechte, Law and Order, militärischer Interventionismus: Das ist weiß Gott nicht der Bilderbuch-Linke, den die „Progressiven“ gerne im Amt hätten. Mal ganz abgesehen davon, dass er auch noch alt, weiß und männlich ist.

Rolle erfüllt, jetzt möglichst schnell Platz machen

Ganz anders die Vizepräsidentschaftskandidatin der Demokraten, Kamala Harris. Die war zwar auch als Kaliforniens Generalstaatsanwältin durchaus für harte Strafen – aber das ist gar nicht so wichtig, denn sie ist eine „Woman of color“, eine schwarze Frau. Da Geschlecht, Rasse und ähnliche Kriterien mittlerweile fast alles sind, was bei den Demokraten noch zählt, ist sie der heimliche Star der Partei.

Selbst Wolfram Weimer bei N-TV würdigt das, spricht von der „Doppelinnovation Gender und Diversity“ und ergeht sich in einem langen Artikel darüber, bei wie vielen Dingen Kamala Harris die erste schwarze Frau gewesen ist. Erste schwarze Staatsanwältin in San Francisco, erste schwarze Justizministerin und die erste schwarze Senatorin ihres Bundesstaates. Und sogar Merkels Segen soll die Frau haben: Ein „demonstrativer Schulterschluss Harris/Merkel wird bereits erwartet.“ Weimer, der eigentlich eher als konservativer Journalist gilt, formuliert, was möglicherweise die heimliche Hoffnung vieler deutscher Journalisten und linker Politiker ist: „Joe Biden ist alt“, schreibt er. Sollte ihm während seiner Amtszeit etwas „zustoßen“, wäre Harris Präsidentin.

Mit der Liebe deutscher Journalisten für Joe Biden war es nie weit her. In den Augen vieler Linker hatte der moderate Demokrat wohl nur eine Aufgabe: Trump zu besiegen. Das hätte nämlich kein Linksausleger geschafft. Nur ein zentristischer Politiker wie Joe Biden, der auch für Mitte-Rechts-Wähler und Konservative annehmbar erscheint, konnte Donald Trump in wichtigen Staaten wie Wisconsin oder Michigan besiegen. Aber genau das ist eben das Problem mit Joe: Er ist für Mitte-Rechts-Wähler und Konservative annehmbar. Mit der Treue der Medien, auch der amerikanischen, dürfte es also jetzt vorbei sein.

Für die Presse ist Biden offensichtlich das, als was Trump ihn im Wahlkampf immer wieder dargestellt hat: Ein Präsident, der nach Willen des eigenen Lagers lieber früher als später Platz machen soll für den jungen, linken Flügel in seiner Partei. Und in Deutschland muss das Feindbild alter, weißer Amerikaner um jeden Preis aufrecht erhalten werden.

Dieser Artikel von Max Roland erschien zuerst auf TichysEinblick.