Realitätsschock Krieg – Wie der Ukraine-Konflikt die Weltsicht vieler junger Leute erschüttert

Von Larissa Fußer | In den letzten Tagen sehe ich in den Sozialen Medien immer wieder Posts von jungen Leuten zum Ukraine-Krieg. Da war dieses Mädchen, das mit bedrückter Miene ihren Pulli in die Kamera hält, auf dem „Nie wieder Krieg“ steht und dieser junge Sänger, der mit leeren, abwesenden Augen rappt: „Manchmal ist die Wahrheit zu krass dafür, dass ich mein harmoniesüchtiges Hirn darin vertiefen will. Und deshalb steht mein Instagram in jeder Krise still. Ich halt die ganze Scheiße einfach nicht aus, passier mein Leben oder schneid mich da raus.“ Ich glaube, dieser Junge bringt auf den Punkt, wie sich viele junge Menschen im Moment fühlen: Verängstigt und unfähig, damit umzugehen.

Auch für mich waren die Nachrichten über Putins Angriff auf die Ukraine ein Schock. Ich bin gerade auf dem Weg zum Supermarkt gewesen, da habe ich plötzlich vor einem Kiosk die Schlagzeilen gesehen. Angriff, Bomben, Einmarsch. Mir ist kurz das Herz stehen geblieben. Später zuhause habe ich mir Videos angeschaut – von den Luftangriffen, einschlagenden Bomben, fliehenden Menschen. Natürlich hatte ich solche Videos schon mal gesehen, zuletzt aus Afghanistan. Aber das war weit weg gewesen. Jetzt aber fühlte es sich sehr nah an. Und auch wenn es übertrieben sein mag, natürlich kam auch mir der Gedanke: Was, wenn Putin bei der Ukraine nicht halt macht? Was, wenn seine Truppen irgendwann auch in Deutschland einmarschieren? Meine Sorgen wurden nicht gerade beruhigt, als ich die emotionslose Rede unseres Bundeskanzlers sah. Dieses Fähnchen im Wind soll uns verteidigen? Zum ersten Mal, so muss man es wirklich sagen, hatte ich in meinem Leben ernsthafte Angst vor Krieg.

Ich denke, so ging es vielen jungen Leuten. Fast alle sind wir aufgewachsen in dem Glauben, dass es bei uns nie wieder Krieg geben würde. Ich selbst kann mich noch allzu gut daran erinnern, dass ich in der Schule immer, wenn es um Kriege ging, gedacht habe: Warum haben diese Menschen überhaupt Krieg geführt? Ich verstand es einfach nicht und außerdem kamen mir die Weltkriege damals unvorstellbar lang her vor. Ich fand sie grausam, beängstigend – aber darüber hinaus haben sie mich ehrlich gesagt lange nicht berührt. Weil sie mir eben unfassbar weit entfernt erschienen und weil uns kein Lehrer die Kriege ernsthaft erklärte. Wir haben Eckdaten gepaukt, Bücher über die Judenverfolgung gelesen. Aber wir haben zum Beispiel nie versucht zu verstehen, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass die Deutschen 6 Millionen Juden ermordet haben. Hitler war ein Teufel, die Deutschen waren dumm, grausam und antisemitisch – das war es, was bei mir zum Thema Krieg hängen blieb.

Und aus dieser Sicht heraus, war ich natürlich immer „gegen Krieg“. So wie man als Kind eben gegen Hass und Tod ist – und für Liebe und Freundschaft. Nur: Krieg war in meiner Kindheit eben überhaupt kein aktuelles Thema, mit dem ich mich hätte auseinandersetzen müssen. Ich wurde 2004 eingeschult. Bis zur Krim-Krise 2014 gab es in Europa keine militärischen Konflikte, von denen ich überhaupt etwas mitbekommen habe. Ich musste erst erwachsen werden, um zu merken, welch naive Sicht auf die Welt mir in der Schule beigebracht worden war. Und ich bin immer noch dabei, das „Make Love, Not War“-Geschnurzel meiner Alt-68er-Hippie-Lehrer und Bekannten abzuschütteln.
Weil ich eben irgendwann, vielleicht war es in einer spätnächtlichen Apollo-Diskussionsrunde, verstanden habe: Wenn die USA keinen Krieg gegen das Hitler-Deutschland geführt hätten, gäbe es das Deutschland, in dem ich heute so gut lebe, nicht. Vielleicht hätte es überhaupt kein Deutschland mehr gegeben, vielleicht hätte es sogar kaum noch Deutsche gegeben. Und ich habe begriffen, dass ein Israel, wenn es nicht in dauerhafter Kampfbereitschaft wäre und sich nicht immer wieder mit voller Härte gegen Angriffe seiner Nachbarn verteidigen würde, nicht existieren könnte. Heißt: Ich weiß nun, dass es die Freiheit und Werte der westlichen Welt nur gibt, weil sie erkämpft wurden. Und dass wir sie ganz schnell verlieren können, wenn wir sie nicht verteidigen. Nicht zuletzt deswegen berührt mich auch der Ukraine-Krieg: Auch den Ukrainern geht es um nicht weniger, als ihre Freiheit und Souveränität zu verteidigen. Und das werden sie – anders als mein früheres Hippie-Ich geglaubt hätte – nicht schaffen, indem sie Auge in Auge mit den russischen Panzern „Give Peace a Chance“ singen.

Wer von euch „Matrix“ geguckt hat, kennt sicher die Szene, in der die Hauptfigur Neo vor die Wahl gestellt wird, eine blaue oder eine rote Pille zu schlucken. Die blaue Pille lässt ihn weiter in einer konstruierten Scheinwelt leben, in der alles schön und angenehm ist. Die rote Pille aber holt ihn in die reale Welt, die gefährlich, beängstigend und unangenehm ist. In der er aber – im Gegensatz zur Traumwelt – etwas verändern kann. Ich glaube, dass der Ukraine-Krieg die rote Pille für viele von uns jungen Leuten war. Jetzt ist es an uns, einen Umgang mit der Realität zu finden – und uns nicht, so wie der am Anfang erwähnte Sänger, von der Welt abzuschneiden und weiter zu träumen.

2 Antworten

  1. Katharina sagt:

    Die Westlichen Werte sind auch nur noch eine Erinnerung u wurden ersetzt durch eine Ichhabdasrechtaufversorgtwerden Haltung. Peinlich u entwürdigend. Hoffe, Du hast Recht mit der roten Pille u Deiner Generation….

  2. Cookie Monster sagt:

    Ich kenne den Krieg nur aus Büchern und Filmen. Genauso wie echten Hunger oder Durst. Ich war nie schwer krank und es ist lange her, dass ich echte Schmerzen hatte. Das ist erfreulich, führt aber zu einer gewissen Verblödung – wie man dagegen ankommt, weiß ich nicht so recht. Eines aber weiß ich: Gewalt und Leid sind allgegenwärtig. Und wenn wir keine Polizei, keine Armee und keine Geheimdienste hätten, dann wären wir verloren.