Prostitution als normaler Job?

Von Anna Graalfs | Unter Feministinnen steht ein Thema zur ganz großen Debatte: Prostitution, beziehungsweise Sexarbeit. Dabei ist der Begriff nämlich entscheidend: Die einen reden von “Sexarbeit”, ein Beruf der selbstsicher gewählt worden ist, für den sich die Frau weder schämt noch ausbeuten lässt. “Prostitution” hingegen, sagt die andere Seite, ist klarer, struktureller Sexismus der im patriarchalen System verankert sei. Dabei ist beiden Fronten klar, dass der Kern des Metiers ein und derselbe ist: Sex gegen Geld.

Ein Gesetz, das nicht viel bringt

Gerade im linken Feministen-Milieu wird lautstark gefordert die Arbeit im horizontalen Gewerbe nicht als moralisch schlecht zu bewerten. Schließlich sei “sexwork” auch nur “work”. Eine Dienstleistung die ganz neutral gesehen werden sollte, wie beispielsweise der Beruf Frisör. Die rechtliche Grundlage dafür wurde schon 2002 mit dem Prostitutionsgesetz geschaffen. Jeder der sexuelle Dienstleistungen anbietet muss Sozialabgaben zahlen, kann sich versichern und Geld einklagen, wenn Kunden nicht zahlen. Eigentlich wie bei jedem anderen Job auch. Das Problem ist nur, dass die meisten Menschen nicht einmal von dem Gesetz wissen, viele Prostituierte auch nicht. Oder sie wissen davon, aber trauen sich nicht sich als Prostituierte anzumelden. Das Gesetz bringt ihnen nichts. Eine voreilige Stigmatisierung ist vielleicht nicht mehr so flächendeckend wie in den letzten Jahrhunderten, dennoch bleibt sie bestehen. Das Bild der klassischen Prostituierten ändert sich nicht: Eine sittenlose Frau, die ihren Spaß daraus zieht, ohne Hintergedanken mit verschieden, fremden Männern ins Bett zu hüpfen. Es kann sich kaum einer vorstellen, dass eine Prostituierte ihren Job vielleicht aus rein ökonomischen Gründen gewählt hat, ihn selbst als völlig neutral betrachtet und ihre Arbeit von ihrem Privatleben trennen kann. Trotzdem muss gesehen werden: eine Prostituierte verkauft ihren Körper — das ist Fakt. Dabei kann es durchaus schwierig werden diese beiden Seiten – die Selbstbestimmung aber auch die fragwürdige Moralität der Arbeit – zu vereinen.

Prostitution hat nichts mit female empowerment zu tun

Doch wenn Prostitution als “female empowerment”, also als Stärkung der Frauenrolle, beschrieben wird, muss ich gewaltig mit dem Kopf schütteln. Wenn wir “Sexwork” als ganz normalen Job ansehen sollten, ist eine solche Glorifizierung des Jobs auch ein Schritt nach hinten. Mal abgesehen davon, dass female EMpowerment impliziert, Frauen seien davor immer schwach und unterdrückt gewesen, bedeutet es auch, dass die Arbeit als Prostituierte eine Frau stärker, selbstsicherer macht. Auch wenn ich mich damit persönlich nicht identifizieren kann, bin ich sicher einige Frauen fühlen sich in der Rolle als Prostituierte glücklich und selbstverwirklicht. Aber man darf auch nicht vergessen wie viele Frauen noch unter Prostitution leiden, vor allem weil ihre Arbeit tragische Hintergründe hat. Eine Studie von Melissa Farley hat ergeben, dass 57 Prozent aller 130 in den USA befragten Prostituierten sexuelle Gewalt in ihrer Kindheit erlebt haben. 68 Prozent gaben außerdem an, seit Eintritt in die Prostitution vergewaltigt worden zu sein. Viele kommen aus schrecklichen Verhältnissen, betreiben Prostitution um ihre Drogensucht zu finanzieren und leiden folglich unter Depressionen. Geschlechtsverkehr gegen eine Bezahlung – ob man es jetzt Prostitution oder Sexwork nennt – mit dem Schlagwort “femaleempowerment” zu betiteln ist schlicht und ergreifend respektlos gegenüber allen durch Prostitution unterdrückten Frauen.

Ein Mittelweg zwischen Stigmatisieren und Normalisieren

Man kann Prostitution aber nicht verbieten. Das bekanntlich “älteste Gewerbe der Welt” existiert seit vielen Jahrhunderten. Schon im 13.Jahrhundert wurden in Deutschland die ersten Bordelle eingerichtet, obgleich der Begriff “Prostitution” zum ersten Mal 1567 in einem Dokument erwähnt wurde. In irgendeiner Form wird Prostitution immer existieren, also doch lieber legal als illegal, oder? Die Frage ist aber, ob man eine ständige Stigmatisierung von Prostituierten verhindern kann. Wird man Sexwork irgendwann auch einfach als Job ansehen können? Ich hoffe schon, aber “normalisieren” möchte ich Sexwork nicht. Das Wort “normalisieren” ist gefährlicher als man denkt und wird in so mancher linker Munde für meinen Geschmack zu oft gebraucht. Schließlich ist Sexwork ein außergewöhnlicher Job, die Durchschnittfrau in Deutschland kann sich nicht vorstellen Prostituierte zu werden. Es ist kein “Normalfall” Prostituierte zu sein. Ausbeutung und Missbrauch, die noch im Metier bestehen, sind andere Gründe dafür, warum man Prostitution nicht direkt als “normal” bezeichnen sollte. Was würde eine völlige Normalisierung von Prostitution auch für eine Doppelmoral darstellen: Eltern die ihrer 16-jährigen Tochter erzählen, sie soll erst intim werden, wenn sie wirklich sicher ist, dass ihr Freund “der Richtige” ist und sie sich bereit dafür fühlt. Dieselben Eltern, die ihrer Tochter aber auch versichern, klar, wenn sie Prostituierte werden will, dann soll sie Prostituierte werden. Die Türen stehen ihr alle offen und schließlich ist es ja auch nur ein Job wie jeder andere…                

Schlussendlich bleibt nur eins: Ob Prostitution Selbstbestimmung ist, zu Zufriedenheit (auf beiden Seiten) führt oder ob Prostitution von Ausbeutung und Gewalt geprägt ist und deswegen nicht zu befürworten ist, kann man nur im Einzelfall unterscheiden. Aber ein ganzes Metier einfach nur aufgrund von überholten Moralansichten zu verdammen wäre fatal. Wenn eine Frau unbedingt Prostituierte sein will, ist das letztendlich ihre freie, persönliche Entscheidung. Und wir leben ja nicht mehr im 18.Jahrhundert, oder?

1 Antwort

  1. Lieber nicht sagt:

    „Trotzdem muss gesehen werden: eine Prostituierte verkauft ihren Körper — das ist Fakt.“

    Ein Fußballer verkauft auch die Leistungskraft seines Körpers, der Maurer, der Fliesenleger, … Zusätzlich zu seinem Know-how. Welches allerdings wohl auch ein Sexworker in verschiedenen Abstufungen, Rollen und Thematiken vorzuweisen hat. Wirtschaftliche Abhängigkeiten und ggf. auch Ausbeutung gibt es auch in anderen „Worker“-Berufen (und nicht nur diesen). Wurden die Berichte über Drückerkolonnen schon vergessen?

    Der eigentliche Unterschied liegt doch darin, dass die Dienstleistung in die sexuelle Ecke gedrängt wird und damit den Übergriffen der Moralwächter von welcher Seite auch immer ausgesetzt ist. Und den Mattscheiben Anderer. Wäre die Kategorie „medizinisch“ oder „psychatrisch“, wie z.B. es dem Vernehmen nach in früheren Zeiten bei ärztlichen Behandlungen gewisser „Frauenbeschwerden“ eingeordnet wurde, wäre den Moralisten ein Empörungspotential entzogen.

    Aber welches journalistische oder politische Medium vermag ein solches Empörungspotential schon vergeben. Selbst „jugendliche“, „wilde“ und „neue“ Medien verfangen sich im Labyrinth des Herausarbeitens der besonderen „Spezialität“ einer Arbeitstätigkeit.

    Warum der Kriminalitätsapekt (und andere auch) immer besonders herausgearbeitet wird, erschließt sich logisch auch nicht. Kriminalität kann’s in jeder Partei, jeder NGO, auf jeder Baustelle, jedem Büro und bei jeder Drückerkolonne auch geben. Also auch eine eher moralisierende als auszeichnende Kategorie und Argumentation.

    Vielleicht fällt irgendwann auch jemandem auf, dass gewisse moralische Zuordnungen die Eigenständigkeit, Gleichberechtigung, etc. etc. der unabhängigen Sexworker zu Gunsten des Schutzes des angeblich schwachen Geschlechts konterkariert werden. Die Beliebigkeit der Verschiebung der Argumentationsketten könnte auch hinterfragt werden.