Pharmakonzern verlost 2 Mio.€ Medikament – Wohltat oder pietätlos?

Von Milan Röttger | Die Spinale Muskelatrophie ist eine Krankheit, bei der bestimmte Nervenzellen im Rückenmark beschädigt sind, sodass die Muskeln sich nicht ausbilden, was später zum Tod führen kann, wenn auch die Atemmuskulatur betroffen ist. Eines von 8000 Kindern wird mit dieser Krankheit geboren. Der Pharmakonzern Novartis aus Basel hat über eine Tochterfirma ein neues Medikament entwickelt, das eine erkrankte Person nur durch eine einzige Dosis heilen soll. Das Medikament wäre die Alternative zu dem Mittel, das bislang viele Patienten gegen das Muskelleiden eingenommen haben, welches alle vier Monate über eine riskante und schmerzhafte Punktion des Rückenmarks verabreicht werden muss. Dieser qualvolle Prozess soll durch das neue Mittel “Zolgensma” verhindert werden. Jetzt verlost Novartis weltweit 100 Gentherapien mit der neuen Arznei für erkrankte Babys. Das Mittel selbst kostet rund zwei Millionen Euro. Kinder aus Deutschland dürfen an dieser Verlosung auch teilnehmen.

Schon als der schweizer Konzern im Dezember letzten Jahres ankündigte, das neu entwickelte Medikament einigen Erkrankten durch ein Losverfahren zur Verfügung zu stellen, war die Empörung darüber riesengroß und Novartis wurde für die geplante Vorgehensweise scharf kritisiert. Dem Konzern wurde vorgeworfen, die Verlosung sei eine reine Marketingkampagne und man würde eiskalt mit Menschenleben spielen. Denn das neue Mittel ist zwar schon in den USA zugelassen, in Europa aber noch nicht. Man vermutet, der Konzern wolle durch das Losverfahren den Zulassungsprozess beschleunigen, da zu erwarten ist, dass die Familien die verloren haben, bei ihren Regierungen Druck machen werden, um das Medikament zuzulassen und zu bezuschussen. Zahlreiche Ethiker sprachen sich ebenfalls gegen dieses Vorgehen aus.

Ich halte diese starke Empörung für ziemlich sinnlos. Das neue Mittel Zolgensma ist das wohl teuerste Medikament der Welt. Kaum einer kann so viel Geld für eine Behandlung eines Erkrankten aufbringen. Dass sich Novartis entschließt, 100 Babys kostenlos zu helfen, ist ein wohltätiger Akt. Leider scheint das niemand sehen zu wollen. Was wäre denn passiert, wenn sich Novartis gegen dieses Losverfahren entschieden und stattdessen gezielt 100 Erkrankte aus aller Welt ausgesucht hätte? Wäre der Aufschrei geringer gewesen? Ich denke nicht. Dann hätte man sich vermutlich noch viel eher auf die 100 glücklichen Kinder gestürzt, die ausgewählt wurden. Hat man sich etwa bewusst nur für Kinder aus ärmeren Familien entschieden? Oder für Einzelkinder? Oder sind die Kinder alle hochintelligent und deren Leben deswegen wertvoller? So oder so hätten viele Menschen das Haar in der Suppe gesucht. Das ist heutzutage oft der Fall, wenn wohltätige Spenden getätigt werden. Warum spendet man für den Krefelder Zoo oder Notre Dame, während in Afrika tausende Kinder verhungern? Um es mit den Worten von Klaus Klages zu sagen: “Wie man’s macht, macht man’s falsch. Und macht man’s falsch, ist’s auch nicht richtig.”

Der materielle Wert der Medikament-Dosierungen beträgt knapp 200 Millionen Euro – durch die Spende des Mittels verzichtet Novartis auf diesen finanziellen Gewinn. Freuen wir uns doch einfach für die 100 kleinen Menschen, die möglicherweise durch das neue Medikament geheilt werden können. Denn eins steht fest: Durch die Aktion von Novartis werden nicht unnötig Menschenleben auf’s Spiel gesetzt, sondern bis zu 100 gerettet …



2 Antworten

  1. max werner sagt:

    Genau meine Meinung.. Triage für gewisse Operationen, Organtransplantationen gutheissen,, ja Flüchtlinge im Ursprungsland ‘auswählen’, Schulen in Entwiklungsländern für wenige, privilegierte Kinder, alles OK aber Novartis verurteilen? Heuchelei kennt keine Grenzen.