Old Hollywood: Filme zwischen Libertarismus und Sittenstrenge

Von Anna Graalfs | Heutzutage wird die fortschrittlichste Zeit Hollywoods meist ab den 1960er Jahren bis heute eingeschätzt. Dabei gibt es eine Zeit in Hollywood, deren progressive Filme leider schon längst vergessen sind und erst einmal aus den Tiefen des Internets herausgefiltert werden müssen. Ich rede von der Zeit vom Beginn der Tonfilme ca. 1929 bis zur Einführung des „Motion Picture Production Codes“ im Juli 1934. Diese kurze Zeitspanne des amerikanischen Kinos bezeichnet man deswegen als „Pre-Code Cinema“. Viele der Pre-Code Filmen angesprochenen Themen, kehren erst in den 60ern zurück in das amerikanische Kino, weswegen es sich lohnt, einen Blick auf einige der Filme vom Anfang der 30er zu werfen.

Die Pre-Code-Ära

Die „roaring 20s“ und das Ende der Stummfilm-Ära haben radikale Veränderungen in die Filmwelt gebracht. So wird in Filmen offen über Sexualität gesprochen, Beziehungen realistisch (schmerzhaft) dargestellt, Kirche und Religion kritisiert und generell kein Blatt vor den Mund genommen, wenn es darum geht, gesellschaftsskeptische, freiheitliche Gedanken zu äußern. Das 1920 eingeführte Wahlrecht für Frauen führte auch zur vermehrten Darstellung von selbstbewussten, selbstbestimmten Frauen in Filmen. Das Pre-Code Kino erkundet vor allem viele Blickwinkel auf Liebesbeziehungen, auch wenn diese oft nicht als moralisch korrekt gelten, zumindest in den 1930er Jahren. So ist zum Beispiel zu bedenken, dass Scheidungen zumindest für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts als schändlich galten, vor allem für Frauen, weil diese zusätzlich finanziell abhängig von ihren Ehemännern waren. „The Divorcee“ (1930) ist ein Film, der sich nicht nur mit der Scheidung an sich beschäftigt, sondern auch mit den Gründen, die dahinterstecken, und insbesondere mit den Konsequenzen, die eine Scheidung damals mit sich brachte. Aus heutiger Sicht stellt die Message hinter dem Film nichts Neues dar, doch 1930 spielte der Film eine große Rolle im Vorstoß der Filmemacher, Probleme in Beziehungen realistischer darzustellen und offen zu diskutieren. Ein anderer Pre-Code Film, der die moralischen Grenzen einer Liebesbeziehung auslotet, ist „Design For Living” (1933) von Ernst Lubitsch, einer der bekanntesten Pre-Code-Regisseure. In dem Film wird zuerst ein klassisches Liebesdreieck vorgestellt, welches schlussendlich aber mit einer neuzeitlichen Lösung zum Happy-End geführt wird: Die Frau behält beide Männer als ihre Partner und die Männer sind damit einverstanden. Im Laufe des Films werden leicht durchschaubare Anspielungen auf Sex gemacht, an einer Stelle wird das Wort sogar schamlos in den Mund genommen. Dinge, die zum Beispiel im Kino der 1950er Jahre kaum zu sehen sind, beziehungsweise nur sehr mutigen Regisseuren überlassen waren.

Einer der letzten Filme vor dem Code ist „It Happened One Night” (1934), ein Frank-Capra-Film der 1935 alle Oscars in den fünf wichtigsten Kategorien abräumte, darunter unter anderem „Bester Film” und „Bester Schauspieler”/„Beste Schauspielerin” für Clark Gable und Claudette Colbert. Wenn man die Screwball-Komödie mit Filmen einiger Jahre zuvor vergleicht, merkt man, dass sie schon etwas unter Einfluss des sich anbahnenden Codes stand. Die beiden Hauptcharaktere, die sich im Bus kennenlernen, schlafen in Raststätten zwar im selben Raum, aber mit einem Laken als Trennung zwischen den Betten, das die Hauptfiguren als „Mauern Jerichos” bezeichnen. In der Schlussszene wird das Gebäude nur von außen gezeigt während erwähnt wird, dass nun „endlich die Mauern Jerichos gefallen sind”. Ich kann den Film übrigens generell sehr empfehlen, die Dialoge sind brillant.

Die Einführung und Abschaffung des MPPC-Codes

Versuche, einen Code zu etablieren, gab es schon in den 1920er Jahren – denn natürlich gibt es bei freiheitlichen Revolutionen jeder Art Gegner, die krampfhaft an alten gesellschaftlichen Normen festhalten. Vor allem Präsident Franklin D. Roosevelt und kirchliche Würdenträger, wie William Hays, hatten ihre Probleme mit den in Pre-Code Filmen geförderten Gedanken und Idealen. Hays schaffte es, eine Guidelineliste mit „Don’ts und Be Careful’s” durchsetzen, die jedoch von den meisten Filmstudios nicht sonderlich ernst genommen wurde. Erst 1934 kam es zur endgültigen Durchsetzung eines Codes, welcher es erforderlich machte, für jeden Film eine Zulassungsbescheinigung zu erhalten, bevor er veröffentlicht wurde. Der MPPC-Code wird unter Kennern auch als Hays-Code bezeichnet. Filme jeglicher Art mussten eine Vielzahl von Vorschriften erfüllen. Die bekanntesten sind folgende:

  • keine gezeigte oder auch angedeutete Nacktheit
  • keine Blasphemie
  • keine Gotteslästerung durch Kraftausdrücke (sogar Ausrufe wie “God” und “damn” in einem nicht-religiösen Sinn waren untersagt)
  • keine Einnahme von Drogen/Alkohol
  • keine Sympathie/Glorifizierung für jede Art gesetzwidriger Handlungen
  • keine Liebesbeziehungen zwischen Schwarzen und Weißen

Diese Regeln sind zum Beispiel der Grund dafür, warum man in 40er/50er Jahre-Filmen selten lange, leidenschaftliche Kussszenen sieht. Auf der anderen Seite ist es eben dieser strikte Code, der den Filmen des „Golden Age” ihre Kreativität verleiht. Regisseure waren gezwungen, die Message des Films auf subtilere, raffiniertere Art und Weise zu verpacken. Und diese Raffinesse ist Teil dessen, was den Charm Old Hollywoods ausmacht und Filme Hitchcocks, Capras oder William Wylers unvergesslich macht.

Der Code wurde schließlich durch gewagte, aber geliebte Filme wie „Some Like It Hot” (1959) allmählich mit Füßen getreten, sodass es 1968 mit der „New Hollywood Revolution” zur endgültigen Abschaffung des Hays-Codes kommt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war auch das „Golden Age” vorüber, welches mit der Einführung des Codes begann.