ÖPNV auf dem Land: Frust kommt auf, denn der Bus kommt nicht

Von Michael Friese | Wenn man wie ich auf dem Land lebt und (noch) nicht im Besitz eines Führerscheins ist, ist die Fortbewegung ein ziemliches Kreuz. Insbesondere die Busverbindungen lassen zu wünschen übrig, was das Auto für weite Strecken unabdingbar macht. Von der Anti-Auto-Fraktion wird vehement gepredigt, dass man den ÖPNV auch auf dem Land ausbauen müsse und das ist theoretisch auch eine gute Sache. Aber ist das überhaupt möglich?

In der Großstadt ist es vollkommen normal, dass die Bus-, S-Bahn oder U-Bahn-Linie, welche man z. B. auf dem Weg zur Schule nimmt, alle fünf oder zehn Minuten fährt. Das heißt, wenn man mal den Anschluss nicht kriegt, weil man den Wecker mal wieder überhört hat, kommt man noch rechtzeitig (oder vielleicht mit etwas Verspätung) im Unterricht an. Nicht bei mir: Wenn ich meinen Bus am Morgen verpasse, kommt der nächste Bus genau zwei Stunden später. Das bedeutet, dass ich die ersten beiden Schulstunden verpasse, wenn meine Eltern mich morgens nicht fahren können. Es ist mir zum Glück noch nie passiert, wenn ich eine Klausur schreiben sollte, trotzdem besteht die Gefahr und es nervt wirklich.

Aber nicht nur der Morgen gestaltet sich knifflig. Wenn die Schule dann irgendwann auch mal ihr Ende findet, ist der Takt, in welchem die Busse abfahren, auch nicht immer ideal. Ich habe das Glück, dass an den meisten Tagen der Bus etwa 40 Minuten nach Schulschluss abfährt. Glück ist es, weil ich so noch etwas Zeit habe, um in die Stadt zu gehen. Sonst würde ich die Warterei am ZOB vermutlich nicht überleben. Wenn ich aber nun einen langen Schultag und um ca. 16:30 Uhr Schluss habe fährt der nächste Bus etwas mehr als eine Stunde später. Und klar, man könnte die Zeit auch wieder dazu nutzen, um durch die Stadt zu schlendern, aber ich bin ein sehr „kauffauler“ Mensch und die Stadt ist nicht die größte, sodass die wenigen, immer gleichen Schaufenster auf Dauer langweilig werden. Da trifft die Liedzeile von Peter Fox: „Frust kommt auf, denn der Bus kommt nicht“, den Nagel wirklich auf den Kopf. Deshalb holt mich meine Mutter an solchen Tagen mit dem Auto ab.

Es geht jedoch noch viel schlimmer: Ich kann froh sein, dass ich in einem etwas größeren, vom Touristenverkehr geprägten Ort lebe, der dadurch eine zweistündige Busverbindung ermöglicht. Wie sieht es aber nun in einem Dorf aus, welches weder von Touristen besucht (oder zumindest für die Durchreise benötigt) wird noch wirklich viele Einwohner sein Eigen nennen kann? Nun ja, da wären wir dann bei einer Freundin von mir, die mir schilderte, dass in ihrem Ort zwei Buslinien fahren. Und auf beiden dieser Linien fahren jeweils genau zwei Busse – pro Tag! Wenn sie also den Bus am Morgen verpasst, fährt der nächste um ca. 16 Uhr. Ich denke, ich brauche nicht zu erwähnen, dass man da nicht nur die ersten beiden Stunden verpasst. Hinzu kommt, dass ihre Erziehungsberechtigten sehr widerspenstig sind, was das „Herumkutschieren“ angeht. Für sie heißt es also dann: Bus verpasst, Schule verpasst.

Ich hätte gegen einen regelmäßiger fahrenden Busverkehr eigentlich nichts einzuwenden. Er würde mir meine Fahrten zur Schule oder in eine andere Stadt enorm erleichtern. Jedoch werde ich, wenn alles glatt läuft, im nächsten Jahr meinen Führerschein in meinen Händen halten. Brauche ich dann noch den Bus? Das Auto ist doch noch mobiler als der Bus; es ist nicht an Haltestellen und Fahrzeiten gekoppelt. Für meinen Vater beispielsweise wäre die Abschaffung von Verbrennungsmotoren eine große Einschränkung. Er arbeitet in einem Industriebetrieb, welcher sich vor der Stadt befindet und dieser wird nicht von einer geeigneten Buslinie angefahren, das heißt, er müsste mehrere Buslinien benutzen und Umwege fahren. Zudem sind seine Arbeitszeiten so gestaltet, dass er sowohl manchmal früh morgens (ca. 6 Uhr) und spät Abends (ca. 23 Uhr) unterwegs ist. Insbesondere am so späten Abend fährt längst kein Bus mehr.

Um mich davon zu überzeugen, dass der Bus die ideale Transportmöglichkeit ist, müsste ich mit ihm genau so flexibel sein, wie mit dem Auto. Idealerweise würde er dann alle fünf oder zumindest 15 Minuten fahren. Sobald er im Halbe-Stunde-Takt oder nur stündlich fährt, würde es schwieriger werden, meine Fahrten zu planen oder auch etwas spontan zu unternehmen, und ich würde immer mal wieder zu meinem Wagen herüberschielen.

Aber ist so ein Busverkehr überhaupt realistisch? Überhaupt nicht. Wenn wir mal an das Dorf von meiner Freundin zurückdenken: Sie erzählte mir, dass sie über den Zeitraum mehrerer Haltestellen so gut wie die Einzige ist, die in den Bus einsteigt. Der Bus fährt also theoretisch nur für sie allein den Umweg durch den Ort. Und so sind eben auch die Fahrzeiten gestaltet – sie richten sich nach dem Fahrverhalten der Fahrgäste. Man versuche nun bitte, die Autokraft oder irgendeine andere Firma davon zu überzeugen, den Bus doch mal öfter durch den Ort fahren zu lassen. Zu Zeiten, in welchen niemand einsteigt und teurer Treibstoff trotzdem verbrannt wird. So etwas wäre mit einer eklatanten Kostenexplosion verbunden und somit nur möglich, wenn man den Busverkehr verstaatlichen würde. Aber ich möchte, offen gesagt, nicht irgendwann mein Steuergeld für leere Busse ausgeben.