Öffi-Hölle Berlin: Gewalt, Gestank, Gedränge – es gibt 1.000 gute Gründe, die Öffis zu hassen

Von Pauline Schwarz | Wenn man sich dicht gedrängt und hektisch an fremden Menschen vorbeiquetschen muss, im Hintergrund jemand lauthals durch die Gegend schreit und man im Slalom schlafenden Obdachlosen ausweicht, während einem der süße Geruch von Urin und Erbrochenem um die gerümpfte Nase weht, ist man weder in einem Slum in Indien noch in einem Ghetto in Kambodscha – man ist mitten in der Berliner Innenstadt. Genauer gesagt: In einem der zahlreichen öffentlichen Verkehrsmittel, die uns die grünen Autohasser nur allzu gerne schmackhaft machen möchten. Wir sollen auf das gemütliche und gepflegte Herumtuckern im eigenen Auto verzichten, um uns in der Öffi-Hölle durchzuschlagen. Dabei gibt es neben dem schlichten Komfort, der Zeitersparnis und der Freiheit, die einem das eigene Auto bietet, mehr als tausend gute Gründe, die Öffentlichen Verkehrsmittel schon für sich zu hassen. Ich bin die längste Zeit meines Lebens mit den Öffis gefahren – heute würde ich freiwillig keinen Fuß mehr in eine U- oder S-Bahn setzen.

Achselgeruch und Gegrapsche im Bus zur Schule

Als waschechter, rundum links-grün sozialisierter Kreuzberger Zögling, bin ich schon als Schülerin lieber mit dem Fahrrad zur Schule gefahren, als auf den ollen BVG-Bus zu warten – und das wäre wahrscheinlich auch so geblieben, wenn mir nicht plötzlich die Pubertät dazwischengefunkt hätte. Fahrradfahren zerstört die Frisur und ist anstrengend, Schweißflecken und Körpergeruch konnte ich aber bei Gott nicht riskieren, deswegen stieg ich der Schönheit zuliebe doch lieber in das dicke gelbe Ungetüm – zumindest, wenn ich reingekommen bin. Die Kreuzberger Buslinie, in die ich mich jeden Morgen mit Gewalt und Anlauf quetschte, hielt an den letzten fünf Haltestellen häufig überhaupt nicht mehr an. Denn jedes Mal, wenn sich die Tür öffnete, purzelten Kinder heraus. Zumindest ein Gutes hatte es aber doch: war man erstmal im Bus, musste man sich wenigstens nicht festhalten, die Masse hielt einen statisch an Ort und Stelle – Umfallen einfach unmöglich. Während ich so feststeckte, amüsierte ich mich – fies und klein, wie ich nun mal war – über die Leute, die mit Koffern an der Bushaltestelle Richtung Ostbahnhof standen und mit offenem Mund oder vor Zorn geröteten Gesichtern dem vorbei rasenden Bus hinterher sahen und schimpften.

Leider war ich damals nicht nur ein Grünschnabel, sondern auch körperlich ziemlich klein und mit meinem Gesicht deshalb zielgenau auf Mundgeruch und Achselhöhe der mehrheitlich türkischen, pubertierenden Jungs, die einem mit ihrem jugendlichen Moschus nicht nur halb erstickten, sondern auch ganz gerne schubsten und ab und an zum Beweis ihrer Männlichkeit an den Hintern langten. Als kleiner Kreuzberger Pöbel wollte ich das damals nicht auf mir sitzen lassen und riskierte in meinem jugendlichen Übermut mehr als einmal ein blaues Auge. Ich warf dem Übeltäter und seinen fünf bis sechs Freunden jedes nur erdenkliche Schimpfwort an den Kopf, das ich mal irgendwo aufgeschnappt hatte. Ich habe wirklich Glück gehabt, dass ich mir von den leicht reizbaren (und immer „Stress“ bereiten) Gruppen nie eine eingefangen habe – Freunden von mir erging es da wegen weniger schon ganz anders.

Obdachlose und Junkies in den U-Bahnhöfen

Trotzdem ist eine Busfahrt in Berlin (meist) vergleichsweise harmlos. Richtig übel wird es erst, wenn man sich dem U- und S-Bahnfahren nicht mehr entziehen kann. Gerade in Kreuzberg sind die Bahnhöfe eine Katastrophe. Am Moritzplatz etwa schliefen im großen Durchgangsbereich jedes Jahr im Winter zwanzig bis dreißig Obdachlose, die es sich mit Matratzen, Schlafsäcken und ihren Einkaufswägen inmitten von tonnenweise Müll und Fäkalien richtig gemütlich gemacht hatten. Man kann sich vielleicht vorstellen, dass es nicht nur bestialisch stank, sondern verdammt bedrohlich war. Ich hatte als junges Mädchen große Angst, mich allein an den häufig sturzbesoffenen, teils völlig psychotischen Männern vorbei zu stehlen. Zumal die Anwohner sich zu dieser Zeit erzählten, dass in kurzer Zeit gleich zwei junge Frauen in dem U-Bahnhof vergewaltigt worden waren.  

Die Alternativen waren aber leider auch nicht besser. Rund um den Bahnhof am Kottbusser Tor sammelte sich schon immer die traurige Resterampe der Gesellschaft. Als ich klein war, gab es direkt am Kotti noch einen Drogenstrich, an dem Tag und Nacht völlig heruntergekommene Prostituierte – die vermutlich selbst süchtig waren und ihren Körper für Drogen anboten – auf ihre Freier warteten. Aber auch nachdem dieser verschwunden war, wurde auf der Straße und im U-Bahnhof kräftig weiter gedealt und offen konsumiert: Haschisch, Speed, Benzos, Kokain und Heroin – alles, was das Junkie-Herz begehrt. An jeder Ecke humpelten oder saßen obdachlose Süchtige mit offenen, suppenden Verletzungen an Armen und Beinen, mit völlig schief geheilten Brüchen, fehlenden Zähnen und blauen Augen. Es gab Tage, an denen ich schwarzfahren musste, weil vor dem BVG-Automat gerade ein Junkie sein Heroin auf einem Löffel kochte oder ein anderer wutentbrannt mit den Stimmen in seinem Kopf diskutierte.

Einmal folgte mir ein Mann bis zur Haustür

Neben den Drogenverkäufern und -konsumenten drückten sich aber noch einige weitere ominöse Gestalten rund um den Bahnhof rum, die es nicht selten auf Handtaschen und Portemonnaies abgesehen hatten. Nachts begegnete man außerdem häufig Gruppen junger arabischer Männer, die einem als junge Frau besonders viel Aufmerksamkeit zu Teil kommen ließen. Eines der letzten Male, dass ich als Jugendliche nachts über den Kotti nachhause gefahren bin, werde ich nie vergessen. Als ich aus dem Bahnhof kam, rannte plötzlich ein völlig aufgebrachter junger arabischer Mann auf mich zu. Er sah aus, als würde er mir gleich ins Gesicht springen, als ihn seine Freunde in letzter Sekunde von mir wegrissen und mit Gewalt festhielten.

Als ich weglief, war ich so verängstigt, dass ich erstmal nicht bemerkte, dass mir ein anderer Mann gefolgt war. Als er mich eine Straße weiter mit ekelhaften Sprüchen beglückte, konnte ich aber zum Glück noch rechtzeitig reißausnehmen. Einen anderen Tag, nur kurze Zeit später, gelang mir das nicht. Ein offenbar psychotischer Mann folgte mir bis zur Haustür, begrapschte mich brutal und versuchte sich mit in den Hauseingang zu drängen. Nach einem wahrscheinlich nur sekundenlangen, aber gefühlt ewig dauerndem Kampf um die Eingangstür, brabbelte er etwas völlig Unverständliches, entschuldigte sich bei mir und verschwand zu meinem großen Glück wieder. Danach war ich völlig fertig, verängstigt und fühlte mich schmutzig. Ich fühlte noch Stunden später seine Hand auf meinem Hintern, traute mich über Wochen nicht mehr allein nachhause und fuhr nie wieder über das Kottbusser Tor.

Berliner U-Bahntreter? Leider kein Einzelfall

Kreuzberger Bahnhöfe wie der Kotti, der Moritzplatz, der Görlitzer Bahnhof (an dem nicht nur etliche Drogendealer stehen, sondern inzwischen eine ganze Penner-Stadt den Eingang blockiert) und das Schlesische Tor gehören sicher zu den schlimmsten in Berlin. Obdachlose, Heroinbesteck, Dreck, Gestank, Kriminalität und Gewalt sind aber generell fester Bestandteil der Berliner Bahnhofskultur. Etwa in Neukölln: Vielleicht erinnert sich der ein oder andere noch an das viral gegangene Video einer jungen Frau, die von einem Mann völlig willkürlich in den Rücken getreten wurde, die Treppe am U-Bahnhof Herrmannstraße herunterstürzte und sich dabei den Arm brach und den Kopf aufschlug – leider kein Einzelfall. Ich habe bei meiner Arbeit für ein Berliner Betreuungsbüro diverse ähnliche Vorfälle in ganz Berlin mitbekommen und habe einmal selbst miterlebt, wie ein Obdachloser eine junge Frau die Treppe runterstürzte.

Das war in Friedrichshain – ein Bezirk, dessen Gewalts- und Kriminalitäts-Hotspot mit Sicherheit die Warschauer Straße ist. Hier stößt man häufig auf sogenannte Antänzer, die im Team vornehmlich Touristen ausrauben. Einer stellt den Opfern ein Bein oder tanzt sie wortwörtlich an und der andere nutzt die Ablenkung, um sich an seinen Taschen zu bedienen. Ich war am Görlitzer Park selbst mal dabei, als einem Freund direkt neben mir das Portemonnaie aus der Hosentasche „getanzt“ wurde und war so perplex, dass ich nichts davon bemerkte – und dass, obwohl ich als Kreuzberger durchaus sensibilisiert für Taschendiebe bin.

An Orten wie der Warschauer, dem Alexanderplatz und dem Gleisdreieck kommt es neben solchen Tricks immer wieder zu Schlägereien und sogar Messerstechereien. Ein Bekannter von mir war mal in eine Schlägerei verwickelt, bei der einer der Jungs im Gemenge zwischen Bahnsteig und S-Bahn fiel und mit seinem Bein in das Rad geriet – er verlor es. Ein anderer durfte zusehen, wie direkt vor ihm jemand abgestochen wurde und blutüberströmt aus der sich öffnenden Tür fiel. Ich bin in meinem Öffi-Leben selbst Zeuge zahlreicher Schlägereien, Übergriffe und Unfälle geworden. Einmal hätte ich beinah mitansehen müssen, wie ein Obdachloser zwischen Bahn und Tunnel zerquetscht wird. Der Mann war in der Tür eingeklemmt, hing zur Hälfte außerhalb und zur Hälfte in der Bahn und konnte nur in aller letzter Sekunde von einem jungen türkischen Mann befreit werden, bevor die Bahn an einer Engstelle vorbeifuhr. Ich bin in Berliner Bahnhöfen außerdem zahllose Male sexuell belästigt und/oder begrapscht worden und habe mehr als einmal große Blutlachen vor S- und U-Bahnhöfen gesehen, an denen sich Leute tags zuvor die Köpfe eingeschlagen haben.

“Ringbahnsaufen” und S-Bahn-Surfen

Die Gewalt und Kriminalität – also meine Sicherheit – sind für mich der gravierendste Grund, nicht mehr mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Es gibt aber noch zahlreiche mehr – etwa die ständige Belästigung. Alle drei Minuten möchte jemand einem eine Obdachlosenzeitschrift verkaufen, ein anderer erzählt lautstark seine Lebensgeschichte oder lädt einen zu einem rumänischen Blaskapellenkonzert ein – ob man will oder nicht. Mir wurde mitten am Tag vor die Füße gekotzt und ich durfte dran teilhaben, wie sich besoffene Obdachlose bei diversen Stürzen den Kopf aufschlugen. Abends und nachts sind außerdem haufenweise besoffene junge Leute unterwegs, die ihre Absturz-Partys gleich mit in die Bahn bringen. Ich kann (leider) nicht leugnen, dass ich mich früher selbst das ein oder andere Mal am „Ringbahnsaufen“ beteiligt habe, wenn es zu kalt war, um in den Parks herumzulungern. Die Ringbahn fährt nämlich nonstop im Kreis – man muss also nur noch seine eigene Musik mitbringen, sein Schamgefühl zu Hause lassen und schon hat man die perfekte mobile Partylounge. In der zum Leidwesen aller normalen Fahrgäste nicht selten auch noch geraucht und gekifft wird.

In meiner Schulzeit gab es außerdem einen weiteren traurigen Trend unter Jugendlichen, der dem ein oder anderen sogar das Leben kostete: Das S-Bahn-Surfen. Bei dieser Mischung aus lebensmüder Mutprobe und Adrenalin-Kick, klettert man auf das Dach der fahrenden S-Bahn oder hängt sich seitlich an den Waggon. Häufig geraten die Surfer dabei unter den Zug, prallen gegen Brücken- und Tunnelteile oder kriegen einen tödlichen Stromschlag. Ich bin froh, dass ich nie Zeuge werden musste, wie so etwas passiert, hatte in meinem Bekanntenkreis aber gleich zwei solcher Todesfälle junger unbedachter Männer im Alter zwischen 13 und 19 Jahren.

Tödliche Unfälle, Suizide und Verrückte auf Gleisen sind in Berlin leider nicht selten der Grund dafür, wenn die Bahn zu spät kommt oder nicht mehr weiterfährt. Ich saß mal eine Dreiviertelstunde wegen eines „Polizeieinsatzes“ mitten auf der Strecke in der Hochbahn fest. Später hörte ich, dass sich ein Stück weiter jemand vor den Zug geworfen hatte. Was meinen Sie, wie froh ich war, als ich das nächste Mal in der Bahn feststeckte, weil die Polizei einen Schwan von den Gleisen retten musste und etwas mehr Zeit benötigte, um mit dem geretteten Tier Selfies zu machen.

Wenn grüne Politiker, wie unsere ehemalige Bezirksbürgermeisterin Monika Hermann, sagen, dass die meisten Menschen ihr Auto nicht brauchen, scheinen sie also schlicht nicht zu wissen, wovon sie eigentlich reden. Jeder, der sich nicht das ganze Elend, die Verwahrlosung und die Belästigung in den Öffentlichen Verkehrsmitteln antun will, ist mehr als nur dringend auf sein Auto angewiesen. Ich würde mich besonders abends ohne mein Auto überhaupt nicht mehr aus dem Haus trauen, weil ich – dank der grün-roten Politik der letzten Jahrzehnte – in der Bahn, auf den Bahnhöfen, an den Haltestellen und auf der Straße Angst um mein Leben habe. Wenn an jeder Ecke Drogendealer, Obdachlose, Junkies, Kriminelle und besoffene Idioten herumrennen, sind die Öffis für mich keine Option. Mal ganz abgesehen davon, dass ich leidenschaftlich Auto fahre und lieber zehnmal im künstlich erzeugten Stau stehe, als mich mit fremden Menschen in die Bahn oder den Bus zu quetschen.

 

 

2 Antworten

  1. Heinz Schmidt sagt:

    Ich kann das zu 100% bestätigen. Als Jugendlicher habe ich die Berliner U- und S-Bahn als rechtsfreien Raum wahrgenommen und entsprechend genutzt. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind einfach Berlins Lieblingstreffpunkt für Asoziale und solche, die es noch werden wollen. Aber auch Bürger mit masochistischen Neigungen sind hier stets willkommen. Passend dazu der BVG-Werbeslogan: “Weil wir dich lieben”. Oh ja, nachts um eins am Bahnhof Kottbusser Tor – da spürt man sie, die wahre Liebe!

  2. Rainer sagt:

    Sehr gelungen, und ein weiterer Grund für mich aus der Provinz, diese Stadt Berlin zu meiden. Meine Freundin lebt in St.Petersburg, wir hatten gerade ein tolles Wochenende in Tallinn. Sie hält uns Deutsche für dumm. Die in Tallinn übrigens auch.
    Eines nur: “aber gleich zwei solcher Todesfälle junger unbedachter Männer im Alter zwischen 13 und 19”
    Es erklärt sich selbst.
    Danke, ich bin ein Fan progressiver Jugend. Ihr macht das suuuuuuuper, würde meine Natalija sagen.