Netflix und Zoom statt wildes Studentenleben – „Wer niest oder hustet fliegt raus“

Von Larissa Fußer | Stricken im Hörsaal, Rauchen im Seminar; abends mit den Kommilitonen in die Studentenkneipe und dann in der Disco die Nacht durchtanzen. Am nächsten morgen Schlaf in der Gruppenarbeit nachholen und sich vor dem Kommilitonen verstecken, mit dem man neulich auf der Party geflirtet hat, jetzt aber doch lieber nicht näher kennenlernen möchte. „Das Studium war die aufregendste Zeit unseres Lebens!“, haben mir meine Eltern schon vorgeschwärmt, als ich noch zur Schule gegangen bin. Als ich 18 Jahre alt war, konnte ich es daher kaum erwarten, endlich in die Uni zu gehen.

Ich war sehr aufgeregt, als ich schließlich meine Immatrikulationsbescheinigung in der Hand hielt und mich an meinem ersten Uni-Tag in einen völlig überfüllten Hörsaal setzte. Neugierig guckte ich mir all die neuen Gesichter an. Alles Leute in meinem Alter, die nervös ihren neu gekauften Schreibblock mit ihrem Namen beschrifteten und Textmarker in verschiedenen Farben aus ihren Federmäppchen kramten. Die Dozenten überfluteten uns mit Informationen – es gab zahlreiche Webseiten, die man kennen musste, und unzählige Fristen, die man nicht verpassen durfte. In den folgenden Wochen wuselten meine Kommilitonen und ich aufgedreht und verloren über den Campus, um versteckte Hörsäle und Seminarräume zu finden. Abends trafen wir uns bei Kabarett-Shows von Studenten aus höheren Semestern oder bei Studentenpartys wieder. In einem vollgedrängten Audimax wurden Bierflaschen herumgereicht. Wir tanzten, sangen, schäkerten, lachten und drängten uns ganz eng aneinander. Überall mischten sich Schweiß und Speichel – das kommt mir ewig her vor.


Vor allem für Studienanfänger waren die Corona-Semester eine herbe Enttäuschung

Seit über anderthalb Jahren sieht Studieren nun schon völlig anders aus. Vorlesungen, Seminare, Praktika – all das findet wegen Corona fast nur noch digital statt. Das Studentenleben bewegt sich für viele seitdem zwischen Zoom und Netflix. Junge Leute, die früher von morgens bis abends in Bewegung und unter Gleichaltrigen waren, hocken nun schon mehrere Semester zuhause alleine vorm Laptop auf dem Sofa.

Vor allem für Studienanfänger waren die Corona-Semester eine herbe Enttäuschung. Eine Bekannte von mir hat vor einem Jahr ihr Medizinstudium angefangen. Sie war damals ganz euphorisch, dass sie einen Platz ergattert hatte, zog nach Berlin, kaufte sich einen Arztkittel und ein Stethoskop und freute sich auf ihr erstes Semester als angehende Ärztin. Vor Corona hätten sie wöchentliche Laborpraktika und Unterrichtsstunden am Patienten erwartet – sie wäre aus dem Pipettieren nicht mehr herausgekommen und hätte geübt, wie man Herz, Lunge und Bauch untersucht. Sie hätte den Campus und ganz viele neue Leute kennengelernt und hätte vor Angst bis zum Abwinken für die erste Prüfung gelernt.

Doch bei ihr war alles anders. Einführungsveranstaltungen gab es für die „Erstis“ nur digital und spätestens mit dem „November-Lockdown“ wurde an ihrer Uni sämtliche Präsenz-Lehre eingestellt. Seitdem sitzt sie zu Hause. Von ihren Kommilitonen kennt sie nur wenige – ein paar hat sie mal auf ein Bier getroffen, aber auch das hat sich verlaufen. Inzwischen ist sie sogar zu ihren Eltern zurück in ihre Heimatstadt gezogen. Wenn doch einmal ein Praktikum in Präsenz stattfindet, reist sie mit dem Zug an. Erst neulich sagte sie mir, dass sie „überhaupt keine Lust“ mehr auf ihr Studium hat. Das geht vielen so. Ich kenne kaum einen Studenten, der mit der Online-Lehre etwas anfangen kann. Früher ist man ja immerhin noch in den Hörsaal gefahren, um dann dort zu schlafen.

Operationen per Videokonferenz

Heute loggt man sich nur noch kurz bei der Videokonferenz ein, macht Kamera und Mikrophon aus und lässt sich berieseln. Manche Studenten machen das von morgens bis abends, fünf Tage die Woche. Eine Freundin von mir studiert Biologie und hat regelmäßig Online-Praktika, die sechs Stunden am Stück gehen. Praktisch geübt wird da nichts – der Dozent redet einfach durch. Andere Dozenten sind da schlauer und lassen einfach die Studenten den Unterricht machen. Freundinnen von mir haben seit Corona fast nur noch Seminare, die von Kommilitonen geleitet werden. Jeder Seminarteilnehmer muss im Semester einmal einen Termin von vorne bis hinten planen und anleiten. Lernen tun sie dabei nichts – außer wie man bei sinnloser Arbeit die Nerven nicht verliert.

Auch mein Unterricht besteht seit Corona hauptsächlich aus Aufzeichnungen von Vorlesungen und interaktiven Online-Lernmodulen – da kann man anderthalb Stunden einer krächzenden Stimme zuhören, die sehr langsam Sätze von einer Folie abliest. Ungefähr einmal die Woche habe ich noch ein „Live“-Online-Seminar, bei dem meist ein gestresster Assistenzarzt bei abgehakter Internetverbindung versucht, uns chirurgische Nahttechniken per Video beizubringen. Oft hängt das Bild, sodass man leider nur den Anfang und das Ende der OP-Aufzeichnung sieht oder man hört plötzlich den Dozenten nicht mehr sprechen. Neulich hat ein frustrierter Chefarzt versucht, uns einen Luftröhrenschnitt per Videokonferenz zu erklären. „Normalerweise üben wir das am Modell, aber das geht jetzt wegen Corona nicht“, hat er gesagt und bedröppelt in die Kamera geguckt. „Wenn wir alle geimpft sind, könnt ihr gerne bei mir in der Klinik vorbeikommen und das nachholen“. Inzwischen hat sich so einiges angehäuft, das wir dann „später lernen“.


„Wer niest oder hustet fliegt raus“

Immerhin darf ich ab und zu mit einem Schnelltest zum Unterricht am Patienten ins Krankenhaus. Das Schöne dabei: nirgendwo vergisst man so sehr, dass es Corona gibt, wie auf der Station. Das ist kein Witz – für die Schnelltests oder die Einhaltung der Abstände hat sich noch nie ein Arzt interessiert. Allein die FFP2-Maske muss unbedingt ordentlich getragen werden – die scheint mit magischen Abwehrkräften belegt zu sein. Sobald wir unser Schutzschild vor den Mund gezogen haben, ist jede Virusgefahr vergessen und wir drängen uns zu zehnt um ein Patientenbett.

Meine Biologie-Freundin hat da nicht so viel Glück. An ihrem Mikroskopie-Praktikum durfte man nur mit einem offiziellen Nachweis über ein negatives Testergebnis teilnehmen. Selbsttests wurden nicht akzeptiert – eine Studentin, die das vergessen hatte und ihren negativen Selbsttest vorzeigte, wurde nach Hause geschickt. Die Dozentin begann das Seminar dann mit der charmanten Ansage: „Wer niest oder hustet fliegt raus“ – woraufhin sich alle anwesenden Studenten verkrampften und versuchten, möglichst wenig zu atmen. Man muss sich erinnern: alle Teilnehmer wurden vorher negativ getestet.

Mich kriegen diese Irren damit jedenfalls nicht.

Nach drei Semestern „Corona-Studium“ ist bei den Studenten inzwischen endgültig die Luft raus. Es gibt bald Viertsemester, die noch nie ihr Unigelände betreten haben – und nach wie vor ist unklar, ob und wann Studieren „wie früher“ möglich sein wird. Zwar haben viele Unis angekündigt, im vor Kurzem begonnenen Semester wieder mehr Präsenzlehre anzubieten. Die Sache hat nur einen entscheidenden Haken: bei den meistem Unis herrscht 3G – Ungeimpfte dürfen also nur mit Testzertifikat zum Unterricht erscheinen. Die Kosten für den Test müssen sie selbst übernehmen, was bei voraussichtlich ca. 20 Euro pro Test ganz schön teuer für ein Studentenportemonnaie ist.

Meine Uni hat sich sogar einen ganz besonderen Clue ausgedacht: Bei uns muss sich jeder, egal welches „G“, testen. Anders könne man die Patientenbesuche im Krankenhaus nicht verantworten, haben sie uns gesagt. Es sei ja wissenschaftlich erwiesen, dass auch Geimpfte das Virus übertragen können. Schön, dass meine Uni zumindest das mal begriffen hat. Doch zum Impfen drängen wollen sie uns trotzdem – ihre Taktik: die Geimpften bekommen die Tests von der Uni gestellt, die Ungeimpften müssen sie selbst bezahlen. Was soll man da noch sagen? Mich kriegen diese Irren damit jedenfalls nicht.