Negative Ölpreise – wie kann das sein?

Von Marvin Wank | Am 20. April 2020 geschah etwas, das als Sensation in die Wirtschaftsgeschichte eingehen wird: Der Preis für Rohöl der Marke WTI war erstmals negativ. Ölhändler mussten Menschen dafür bezahlen, dass sie ihnen ihr Öl abnehmen. Diese Situation wirkt für uns zunächst höchst ungewöhnlich. Denn sie steht im völligen Gegensatz zum Wirtschaftskreislauf, wie er uns im Alltag begegnet: Der Käufer gibt dem Verkäufer Geld und erhält dafür ein Gut. Hier erhält der Käufer sowohl Gut als auch Geld vom Verkäufer. Wie kann das sein?

Zunächst müssen wir näher ins Detail gehen: Negativ war der Preis für Future-Contracts auf WTI-Rohöl bei Abholung in Oklahoma im Mai. Solche “Future-Contracts”, oder kurz “Future” funktionieren so: Sie zahlen jetzt für ein Gut, dass Sie zu einem festgelegten Zeitraum erhalten. “Kaufen auf Termin” heißt das im Händlerjargon.

Dieser Terminkauf ist für Firmen ein wichtiges Instrument zur Absicherung. Ein Beispiel: Mr. Miller aus den USA hat eine Raffinerie, in der er Rohöl zu Benzin und Kerosin weiterverabeitet. Er hat langlaufende Verträge mit seinen Kunden und weiß ganz genau, wie viel Benzin er jeden Monat produzieren muss und wie viel Geld er dafür bekommt. Nun schwanken die Preise für Rohöl im Allgemeinen ganz ordentlich. Er kann aber auch nicht ganz viel Öl zu einem besonders günstigen Preis kaufen, weil er nicht so viel Lagerraum hat.

Aber er kann mit dem Rohöl-Lieferanten eine Deal vereinbaren: Ich zahle Dir jetzt den aktuellen Ölpreis und einen kleinen Risikoaufschlag und Du lieferst mit das Öl erst in einem halben Jahr. So hat Mr. Miller Sicherheit gewonnen, weil er schon jetzt weiß, was er für Öl, dass er erst in einem halben Jahr braucht, zahlen muss. Auch sein Lieferant hat Sicherheit gewonnen, da er schon jetzt einen Abnehmer für Öl hat, dass er in einem halben Jahr liefern muss und so auch seine Fördermenge anpassen kann.

Nun sind wir aufgrund des Coronavirus in einer sehr besonderen Lage. Der weltweite Verkehr ist stellenweise fast zum Erliegen gekommen und folglich wird auch viel weniger Treibstoff benötigt. Das bekommt auch Mr. Miller zu spüren. Einige seiner Kunden haben Lieferungen storniert oder sind zahlungsunfähig. Sein Lager ist bis zum Bersten mit Rohöl gefüllt.

Gleichzeitig kann das Ölangebot nicht so dynamisch heruntergefahren werden. Förderanlagen können aus technischen Gründen nicht einfach stillstehen und aufgrund der langen Lieferwege ist noch viel Öl auf Tankern. Die Öllieferanten stehen jetzt vor einem Problem: Sie haben viel mehr Rohöl anzubieten als nachgefragt wird. Gleichzeitig können sie ihr Öl nicht einfach auf den Tankern lassen, denn diese müssen ja rechtzeitig wieder bei den Ölquellen sein. Die langen Lieferzeiten sind auch der Grund, warum Öl im Sofortkauf noch etwas kostet. Aktuell gibt es im Lager einiger Raffinerien noch Stauraum. Doch für Mai haben die Ölproduzenten noch nach den alten Quoten produziert – das rächt sich jetzt.

Selbst verschenkt bekommen sie ihr Öl nicht, denn die Raffineriebetreiber wie Mr. Miller haben keinen Platz mehr im Lager. Für jedes Fass Öl, dass Mr. Miller zusätzliche einlagern will, muss er neue Lagerfläche schaffen, was ihn natürlich Geld kostet. Deswegen teilt er seinem Lieferanten mit, dass er im Mai nur noch Öl abnimmt, wenn ihn sein Lieferant dafür bezahlt.

Der negative Ölpreis ist sicher ein Extrembeispiel. Aber auch er lässt sich mit Angebot und Nachfrage leicht erklären. Es ist durchaus faszinierend: Selbst in den außergewöhnlichsten Krisensituationen funktionieren die Gesetze des Marktes weiterhin.

1 Antwort

  1. Friedhelm Blücher sagt:

    Auf dem Strommarkt sind wegen des häufigen überschüssigen Windenergieangebots negative Prese schon länger bekannt.