Musikerin wird von Fridays for Future-Demo ausgeladen – wegen ihrer Haare

Von Selma Green | Ich gehöre mit meinen 16 Jahren zu den, wie es die ältere Herrschaft gern bezeichnet, jungen Hüpfern. Doch auch mir fällt es schwer, auf dem Laufenden zu bleiben. Von einer Mitschülerin bekomme ich ab und zu mit, welche neuen Hirngespinster sich die grünen Jugendlichen und jungen Erwachsenen ausdenken. Meine Mitschülerin macht manchmal sarkastisch Bemerkungen und veräppelt Begriffe wie “Men’s spreading” und “cultural appropriation”. (Mens spreading bedeutet, dass es sexistisch sein soll, wenn Männer breitbeinig sitzen. Cultural appropriation ist das Tragen oder Benutzen von kulturellen Objekten einer Minderheit und ist deshalb schlecht.) Mein Kopf rauchte, nachdem mir meine Mitschülerin diese Begriffe erklärte. Wie kommt man auf solchen Quatsch? Naja, ob das irgendjemand ernst nimmt?

Ups, da gibt es wohl doch ein paar: Neuerdings las ich in einem BILD -Artikel, dass die Musikerin Ronja Maltzahn aus einer FfF-Demo ausgeladen wurde. Der Grund von Fridays for Future war allen Ernstes: Es sei kulturelle Aneignung, dass sie als Weiße Dreadlocks trägt und sie unterdrücke damit die Schwarzen. Die Musikerin dürfte nur teilnehmen, wenn sie sich ihre Dreadlocks abschneidet. Wie bitte? Inwiefern ist das Unterdrückung von Schwarzen und kulturelle Aneignung? Dreadlocks sind lediglich eine modische Frisur, wenn auch keine schöne. Wenn man schon die ganze Welt in das Tragen von Dreadlocks hineininterpretiert, zeigt die Musikerin doch allerhöchstens, dass sie die Kultur befürwortet.

Diese vielen Verbote, wer was sagen oder tragen darf, sind völlig verrückt. Ich glaube nicht, dass sich irgendjemand ernsthaft deswegen unterdrückt fühlt. Ich habe eine dunkle Hautfarbe und Verwandtschaft in Afrika und mir geht es am Allerwertesten vorbei, ob jemand Dreadlocks trägt oder nicht. Jeder soll doch das tragen, was er gut findet. Naja, würde eine Freundin von mir mit Dreadlocks antanzen, müsste sie zwar heftige Kritik von mir einstecken – aber mehr aus ästhetischen Gründen.

Was darf man heute überhaupt noch machen und sagen? Scheinbar nichts, ohne eine Minderheit zu unterdrücken, außer man ist selbst eine. Zusammen mit der Mitschülerin mache ich mich manchmal über diese grüne Spinnerei aus Verboten lustig. Ich bemerkte: Ich, als dunkles Mädchen, kann einfach alles mit der Argumentationsweise der Grünen rechtfertigen: “Tut mir Leid Herr Lehrer, ich habe meine Hausaufgaben vergessen, weil mich meine hungernden Verwandten in Afrika beschäftigten. In der U-Bahn saßen so viele Männer breitbeinig und dann kamen auch noch weiße Dreadlockträger dazu, ich wurde von allen Seiten unterdrückt. Ich fand mich nicht mehr in der Lage die Hausaufgabe zu lösen.“ Oh Gott bitte nicht, beim alleinigen Schreiben dieser Sätze dreht es mir meinen Magen um. Nein, ich bin vielleicht dunkel und ein Mädchen doch ein Opfer noch lange nicht – am wenigsten, wenn irgendwelche weißen Menschen Dreadlocks tragen.

4 Antworten

  1. Katharina sagt:

    Normalerweise haben ja junge Menschen noch ein gutes Gefühl für Peinliches und Lächerliches – wie Sie das z. B. haben. Des FFF -Zombies geht das naturgemäß völlig ab. Schöner Artikel, der Spaß macht!

  2. Karina sagt:

    Danke für diesen Artikel! In was für einer absurden Welt wir doch leben…

  3. Ursula Singh sagt:

    Ich bin eine alte, weiße Frau. Ich habe vor rund 60 Jahren alleine die Welt bereist, als es noch kaum Massentourismus gab. Ich wollte wissen, wie die Menschen in andern Weltgegenden denken, wie sie leben. Ich habe das „Anderssein“ respektiert und war fasziniert ob vielen Bräuchen, Kleidern, Gewohnheiten. Wenn ich heute aus reinem Interesse jemanden frage, woher er oder sie kommt, bin ich bereits Rassist. Darum Frau Green, danke ich Ihnen für Ihre guten Artikel! Es stimmt mich schon etwas optimistisch, dass es auch junge Menschen gibt wie Sie.

  4. Thomas Behrendt sagt:

    Es ist schon ein paar Jahre her, dass mir auf der Straße ein blonder und blauäugiger junger Mann mit sehr auffälligen Dreadlocks entgegen kam. Neben mir eine junge Mutter mit ihrer kleinen Tochter an der Hand. Prustet die Kleine zum Entsetzen ihrer Mutter lauthals los: „Guck mal Mami: ein weißer Neger!“
    Kinder (und ganz alte Leute) sagen oft als Einzige die Wahrheit. Liebe Frau Green, lassen Sie sich bitte auch weiterhin nicht den Mund verbieten und schreiben weiter so anregende Texte.