Morgenroutine 2038: „Auf was teste ich mich heute?“

Von Larissa Fußer | Der Wecker klingelt. Murrend zieht sich Hannah die Bettdecke über den Kopf und dreht sich zur Wand. „Noch fünf Minuten“, brabbelt sie müde und schlägt mit ihrer Hand blind nach ihrem iPhone „Omicron“. Doch anstatt die Snooze-Funktion zu treffen, befördert Hannah ihr Handy auf den Fußboden, von dem aus es weiter munter bimmelt. Hannah seufzt tief und setzt sich auf. „Wieso zum Teufel habe ich mich entschieden, Medizin zu studieren“, jammert sie und greift nach ihrem Telefon, um dem Klingeln ein Ende zu bereiten. Sie entsperrt ihren Bildschirm und guckt auf das Datum: es ist der 15. Januar 2038. „Puh, nur noch zwei Wochen bis zu meiner Virologie- Prüfung“, flüstert Hannah und lässt ihren Blick zu ihrem Schreibtisch schweifen, auf dem ein Laptop mit circa 300 geöffneten Tabs auf sie wartet – dann schüttelt sie den Kopf. „Erstmal Kaffee und Medis“, entscheidet sie und hievt sich aus dem Bett.

Während die Kaffeemaschine lautstark Kaffeebohnen mahlt, tapst Hannah zu ihrem großen Badschrank und öffnet ihn routiniert. Tiefe Zufriedenheit überkommt sie, als sie sich ihre 100 bis 200 Tablettendöschen und Cremetöpfchen anguckt. „Was habe ich denn heute…“, flötet Hannah und schließt sinnierend ihre Augen. Nacheinander konzentriert sie sich auf jeden ihrer Zehen, dann lenkt sie ihre Aufmerksamkeit auf ihre Sprunggelenke, Waden, Knie, Oberschenkel – da! Ein Ziehen in der linken Oberschenkelhinterseite. Lächelnd greift Hannah zu den Muskelentspannungstabletten und legt eine Pille aus der Packung auf ein goldenes Tellerchen. Dann führt sie ihre Prozedur fort und legt nacheinander Tabletten gegen Bauchschmerzen, Verstopfungen, Schweißüberproduktion, Lymphknotenschwellungen am Hals und Schläfenstechen dazu. Als letztes guckt sie sich streng im Spiegel an. Ihre Gesichtshaut ist fahl weiß, an manchen Stellen schuppt sie. „Heute mache ich meine Gesichtscreme etwas fettiger als gestern“, schlussfolgert Hannah und beginnt, aus verschiedenen Tuben Flüssigkeiten und Salben in eine Dose zu pressen. Mit einem Spatel vermengt sie das Gemisch und läuft, das Cremedöschen in der einen, das Tabletten-Tellerchen in der anderen Hand, in die Küche.

Genüsslich gießt sich Hannah Kaffee in eine Tasse, holt sich einen fett- und geschmackfreien Müsliriegel aus dem Kühlschrank und setzt sich auf einen Hocker an ihrem kleinen Frühstückstisch. Jetzt kann es endlich losgehen, denkt sie und greift zu ihrer Kaffeetasse. Nachdem sie einen Schluck genommen hat, nimmt sie das Tabletten-Tellerchen zu sich und spült die Pillen mit einem zweiten großen Schluck Kaffee herunter. Danach beißt sie in den Riegel und beginnt sorgsam ihr Gesicht mit der selbstgemischten Salbe einzucremen. Ein paar Minuten sitzt Hannah meditativ so da, dann springt sie auf und läuft zurück ins Bad.

„Jetzt zum unangenehmen Teil der Morgenroutine“, seufzt Hannah und schreitet zu einem Regal an der Wand, auf dem fein säuberlich verschiedene Nasen-, Rachen- und Ohrenstäbchen aufgereiht sind. Daneben stehen verschieden kleine flüssigkeitsgefüllte Röhrchen und kleine rechteckige Packungen in allen möglichen Farben. „Currygelb gegen Corona, grasgrün gegen Grippe“, singt Hannah, als sie sich eine Packung nach der anderen herausgreift. Dann setzt sie sich auf ein kleines Stühlchen, reißt die gesammelten Behälter auf und holt mehrere Dutzend Testkassetten heraus. In den nächsten dreißig Minuten steckt sie sich routiniert Stäbchen für Stäbchen in eine Körperöffnung nach der anderen und rührt sie in den Testflüssigkeiten herum. Nach einer Weile gluckst sie zufrieden und holt ihr Handy. Summend öffnet Hannah ihre „SafetyForU“-App, die seit einigen Jahren verpflichtend auf jedem Smartphone vorinstalliert ist, und notiert ihre Ergebnisse: „negativ getestet auf alle aktuellen Corona-, Influenza- und sonstige Virenvarianten, außerdem negativ auf alle aktuell grassierenden Bakterien und Pilze.“

„Heute ist ein guter Tag“, ruft Hannah und macht sich auf den Weg zu ihrem Schreibtisch. Doch plötzlich hält sie inne. In ihrem Bauch beginnt es zu kribbeln. Das unangenehme Gefühl wird immer stärker und breitet sich aus. Hannahs Hände bilden Fäuste, ihr Kiefer schiebt sich nach vorne und ihre Augen kneifen sich zusammen. „Oh Gott!“, schreit Hannah, „Ich habe vergessen, meine Anti-Wut-Pillen zu nehmen!“ Schnell rennt sie zu ihrem Nachtisch und kramt drei rosa Tabletten aus einer Schachtel. Schon schnaubend und stampfend kippt sie die Tabletten herunter. Doch es ist schon zu spät. Wie aus dem Nichts schreit Hannah: „Lausiger Lauterbach!“. Ihr Kopf ist tiefrot, ihre Muskeln zittern aufgebracht. Erschrocken presst sie sich die Hände vor den Mund. Ein paar Sekunden verharrt Hannah so, dann ist alles vorbei. Das Gefühl im Bauch ist weg, sie lächelt wieder und setzt sich zufrieden an ihren Schreibtisch.

6 Antworten

  1. moneypenny sagt:

    Köstlich!
    Immerhin darf ihre Arme Hannah noch Kaffee trinken…
    Schreiben Sie weiter so munter, Frau Fußer!
    Humor ist immer noch die beste Medizin!

  2. Cookie Monster sagt:

    Die Protagonisten im “Long-Covid”-Artikel stellen immer noch eine potentielle Gefahr für den Apparat dar, denn sie leiden. Das ist hier anders. Denn so wie Hannah wünschen sich unsere Machthaber ihr Volk: eine Mischung aus Junkie und Kleinbürger, abhängig und genügsam. Und wer trotz freundlicher Ermahnung aus der Reihe tanzt, bekommt die Peitsche zu spüren. So macht das Regieren wieder Freude und die alle vier Jahre stattfindenden Wahlen braucht dann eh keiner mehr. Dickes Dankeschön für diesen und alle anderen Texte aus der aktuellen Edition!

  3. Helmut sagt:

    Sehr guter Artikel, ich hoffe, dass dies nie eintreffen wird. Falls doch verlege ich meinen Wohnsitz permanent ins Ausland.

  4. Thomas Behrendt sagt:

    Liebe Frau Fußer,
    mir geht es heute schon so. Ich bin morgens immer müde und brauche Routine sonst mach ich alles falsch. Seit fast einem Jahr habe ich mir angewöhnt, erst Zähneputzen, dann Röhrchen in die Nase für den obligatorischen Corona-Schnelltest. Leider bin ich manchmal noch so verschlafen, dass ich mir aus Versehen die Zahnbürste in die Nase stecke und dann die Zahnpasta auf die Testkarte schmiere oder die Stoppuhr für die Frühstückseier auf 15 Minuten stelle. Da kamen schon einige lustige falsch positive Ergebnisse raus, was mein Vertrauen in die Coronaschnelltests nicht unbedingt förderte. Aber ich setze auf die technische Entwicklung und hoffe, dass es bis 2038 endlich elektrische Zahnbürsten gibt, die automatisch nicht nur die Omikron- sondern auch Ypsilon- und alle anderen Varianten zuverlässig testen und ich bis dahin verstanden habe, wie meine digitale Stoppuhrapp zwei Zeiten gleichzeitig messen kann. Bis dahin: bleiben Sie gesund und schreiben weiter so anregende Artikel!

  5. Thomas Behrendt sagt:

    Liebe Frau Fußer,
    mir geht es heute schon so. Ich bin morgens immer müde und brauche Routine sonst mach ich alles falsch. Seit fast einem Jahr habe ich mir angewöhnt, erst Zähneputzen, dann Röhrchen in die Nase für den obligatorischen Corona-Schnelltest. Leider bin ich manchmal noch so verschlafen, dass ich mir aus Versehen die Zahnbürste in die Nase stecke und dann die Zahnpasta auf die Testkarte schmiere oder die Stoppuhr für die Frühstückseier auf 15 Minuten stelle. Da kamen schon einige lustige falsch positive Ergebnisse raus, was mein Vertrauen in die Coronaschnelltests nicht unbedingt förderte. Aber ich setze auf die technische Entwicklung und hoffe, dass es bis 2038 endlich elektrische Zahnbürsten gibt, die automatisch nicht nur die Omikron- sondern auch Ypsilon- und alle anderen Varianten zuverlässig testen und ich bis dahin verstanden habe, wie meine digitale Stoppuhrapp zwei Zeiten gleiczeitig messen kann. Bis dahin: bleiben Sie gesund und schreiben weiter so anregende Artikel!