Midterms in den USA: Red Wave bleibt wohl aus – DeSantis gewinnt haushoch, Trumps Kandidaten verlieren vielerorts

Von Boris Cherny | Die erwartete Red Wave (Republikanische Welle) bleibt bei diesen Midterms aus. Trotz desolater Wirtschaftslage und grassierender Inflation können die Republikaner nur eine marginale Mehrheit im Repräsentantenhaus gewinnen, während sie im Senat möglicherweise nicht mal eine Mehrheit gewinnen werden. Unterdessen fährt in Florida Trumps größter innerparteilicher Konkurrent Gouverneur Ron DeSantis einen Erdrutschsieg ein. Gemeinsam mit anderen moderaten Konservativen wie beispielsweise Gouverneur Brian Kemp in Georgia oder Gouverneurskandidat Lee Zeldin in New York rettet er seine Partei vor einer Wahlschmach.

Keine Red Wave

Am Anfang des Abends hofften manche Republikaner noch auf 54 Senatssitze. Zur jetzigen Zeit würden sich die meisten bereits über 51 Sitze freuen. Das zeigt das Ausmaß dieser für die Republikaner enttäuschenden Wahlnacht. In den letzten Jahrzehnten waren Midterms normalerweise ein Disaster für die Partei des Präsidenten. Dieses Jahr wird diese Serie wohl gebrochen. In Pennsylvania schaffen es die Demokraten sogar einen Senatssitz von den Republikanern zu erobern. John Fetterman gewinnt dort gegen Republikaner und TV-Persönlichkeit Dr. Mehmet Oz. In der Senatswahl in Georgia läuft es wohl wie bereits 2020 auf eine Stichwahl hinaus. In Arizona und in New Hampshire blicken die dortigen Demokraten einer komfortablen Wiederwahl entgegen. Allein in Nevada, wo Ergebnisse erst später bekannt werden, können die Republikaner noch auf einen direkten Sieg hoffen. Damit konnten die Republikaner noch in keiner Senatwahl in einem Swing State gewinnen. Im Repräsentantenhaus scheint eine hauchdünne republikanische Mehrheit sicher zu sein, doch auch das ist für Republikaner eine herbe Enttäuschung, statt auf 225 Sitze hofften viele auf etwa 245.

Die republikanische Enttäuschung ist selbstverschuldet

Von einer republikanischen Demonstration der Stärke ist nicht viel zu sehen, doch woran liegt das? Sicherlich nicht an den Demokraten. Diese haben sich in den letzten zwei Jahren nur noch mehr ideologisiert und sich in woker Identitätspolitik verloren. Doch die Republikaner schaffen es nicht, sich als vernünftige und pragmatische Alternative darzustellen. Trumps Flügel dominiert die Partei und nominierte populistische Kandidaten, die nicht nach Kompetenz, sondern nur nach Loyalität zu Trump ausgewählt wurden. Sie versteiften sich viel zu häufig auf die vermeintlich gefälschte Wahl 2020 und andere (im Vergleich zur Wirtschaft) unwichtigen Themen. Außerdem zeichnen sich die Kandidaten oft durch extreme Positionen im Thema Abtreibung aus. Oft schlagen sie komplette Abtreibungsverbote ohne Ausnahme für Inzest oder Vergewaltigungen vor. Das ist in Amerika, wo 60 Prozent der Wähler das Recht auf Abtreibung befürworten, ein rotes Tuch für viele.

Während ein Trump-Kandidat nach dem anderen seine Wahlen verliert, gewinnen moderate Republikaner deutlich. Trump-Konkurrent DeSantis in Florida gewinnt haushoch über seinen demokratischen Gegner Charlie Crist, mit knapp 20 Prozent Vorsprung. Das ist im ehemaligen Swing State schlechthin, Florida (Man errinere sich an die Präsidentschaftswahl 2000), keine Selbstverständlichkeit. In stark demokratischen Bundesstaaten wie Oregon und New York zeigen moderate Republikaner starke Leistungen. In Georgia, North Carolina, New Hampshire, Ohio und anderen Staaten holen sie sogar wichtige Siege für ihre Partei. DeSantis und andere zeigen, dass man mit pragmatischem Wirtschaftsliberalismus und vernünftiger Sozialpolitik Wahlen gewinnen kann, nicht mit wilden Theorien über die Wahl 2020.

Umfragen lagen wieder daneben

Auch wechselhaft sind die Ergebnisse dieser Midterms für die Umfrageinstitute. Ihre Prognosen lagen zwar diesmal normalerweise deutlich näher am echten Ergebnis als noch bei der Wahl 2020, doch verschätzten sich Umfragen in bestimmten Staaten abermals stark. Bestes Beispiel ist dafür Florida, wo die meisten Umfragen einen Sieg DeSantis mit etwa 11 Prozent Vorsprung vorhersagten, eine starke Diskrepanz zu den 20 Prozent Vorsprung der realen Ergebnisse. Außerdem unterschätzten die Umfrageinstitute überraschenderweise viele Demokraten in Swing States, wie beispielsweise Pennsylvania oder New Hampshire, wo das Ergebnis am Ende deutlich positiver für Demokraten ausgefallen ist.

Mit diesem Ergebnis der Midterms werden sich wohl immer mehr Republikaner Gedanken machen, ob Trumps Weg für die Partei wirklich der Richtige ist. DeSantis konnte einen umstrittenen Swing-State (zumal noch den dritt bevölkerungsreichsten Bundesstaat der USA) in einen sicheren Red State (Republikanischen Staat) verwandeln, während Trump noch bei keiner Wahl jemals die Mehrheit der Stimmen gewonnen hat. Am Ende geht es bei diesen Midterms auch darum, wer Präsidentschaftskandidat der Republikaner im Jahr 2024 sein wird. Und praktisch gesehen gibt es nur zwei Optionen: Trump oder DeSantis. Populismus oder pragmatischer Konservatismus.