Meine neo-prüden Mitschülerinnen

Von Selma Green | Es klingelte zur Pause, als mir auf dem Schulhof zwei Mitschülerinnen mit ernster Miene entgegen kamen. Was war passiert? Die eine, die schon immer einen Hang zum Dramatischen hatte, seufzte: „Selma, ich verliere die Hoffnung auf die männliche Bevölkerung!” „Wieso das?” Obwohl, ein paar Gründe kamen mir doch in den Sinn: Jungs denken heute, Mittelscheitel, halblange Haare und Ohrringe seien schick. Das große Vorbild dabei ist Harry Styles. Ein bisschen zu schwul für meinen Geschmack. Das Schlimmste dabei ist, dass sehr viele Mädchen Harry Styles toll finden. Wieso das jetzt? Es war doch Harry Styles, der meinte, jeder sei etwas schwul. Ein weiterer Liebling ist der Hauptsänger der Band Maneskin. Mädels, was findet ihr an dem? Der Typ trägt Ohrringe und Eyeliner! Ja, wegen solcher Typen zweifle ich allerdings auch an der männlichen Bevölkerung. Aber nein, die Mitschülerinnen meinten es anders.


Sie schaute genervt zur Seite und stammelte: „Naja, du weißt schon… Paul und Matti halt”, „Ja?”, „…wie die eben drauf sind…”, „Nein, was haben sie getan?”, „Also bei der Besprechung waren sie unmöglich!”, fauchte sie. Ich musste sie noch eine Weile ausquetschen, bis sie auspackte. Sie erzählte mir mit aller gekünstelter Dramatik, die sie nur aufbringen konnte, dass die Jungs es gewagt hätten, mit einer Frau zu flirten, obwohl die Frau viel älter war. Ihre Freundin schüttelte den Kopf, wurde rot und versuchte ein Schmunzeln zu verbergen. „Es war voll peinlich”, erzählte sie und machte eine qualvolle Grimasse, die ihr Lächeln trotzdem nicht verstecken konnte. Ich dachte ja, ich wäre die Königin der Dramen, doch diese Mitschülerin war deutlich besser als ich. Es war nicht zu übersehen, dass die Mädchen den Flirt überhaupt nicht schlimm fanden. In Wirklichkeit waren sie neidisch. Warum kommen sie sonst auf die Idee, ausgerechnet die Jungs für blöd zu erklären, bei denen noch Testosteron in den Adern fließt?

 

Mädchen tragen doch nicht ohne Grund Miniröcke

Beide Mädchen waren von der Sorte, die sich wünscht, ihr Traumprinz würde sich nur wegen ihrer „Persönlichkeit” für sie interessieren. Also mich haben Jungs noch nie angesprochen, weil sie meine Persönlichkeit so attraktiv fanden. Wozu kaufen sich wohl Frauen Push-up-BHs und Mikro- Röcke? Und im Ernst, wer will was mit einem Schleimer haben, der sich nicht einmal traut, dich anzusprechen und zu flirten? Ich weiß, dass sich jedes Mädchen wünscht, dass die Jungs halt Jungs sind und genau das Gegenteil machen von dem, was man ihnen sagt. Sonst wären selbst meine alibi-prüden Mitschülerinnen wegen ein paar flirtenden Jungs nicht so sehr an die Decke gegangen.
Gut, manchmal enden Neckereien auch damit, dass du mit einer Haarsträhne weniger nach Hause kommst, weil ein Junge mit seiner Bastelschere etwas zu übermütig war. Oder dass dir der Stuhl unterm Hintern in dem Moment weggezogen wird, in dem du dich hinsetzen willst und du auf den Boden knallst. Oder damit, dass dir Stifte in den Haaren stecken, weil ein Junge austesten wollte, wie viele Stifte darin hängen bleiben. Aber immerhin ist was los und es bleibt nie langweilig.

 

Jungs dürfen nicht mehr Jungs sein

Leider kommt es heutzutage nur sehr selten vor, dass Jungs mal etwas anderes machen, als freundlich zu nicken oder demonstrativ den Blickkontakt zu meiden. Insbesondere bei denen aus der Grünen-Hochburg Kreuzberg, in der ich wohne. Vielleicht liegt das daran, dass man als Junge in dieser woken Kreuzberger Gesellschaft von Anfang an schlechte Karten hat: Jungen dürfen nicht mit Autos spielen, sie dürfen sich nicht prügeln, sie tragen lange Haare, beim Fußball sollen sie die Tore nicht mitzählen, es ginge ja nur um den Spaß. Wenn sie es dann doch mal wagen sollten, Mädchen zu necken und nicht nach deren Pfeife zu tanzen, dann wird gleich ein Klassenrat einberufen. Deshalb sind die Mädchen entweder total aufgedreht oder sie tun halt, wie meine Mitschülerinnen, als wären sie Nonnen, die sich in keiner Weise für Jungs interessieren.


Doch eines haben nahezu alle Kreuzberger Öko-Mädchen gemeinsam: Sie verurteilen die
Jungs, die sich noch was trauen. Jungs dürfen Mädchen nicht hinterherpfeifen, weil sie ja kein Hündchen seien. Hä? Da frag ich mich, ob den Mädchen überhaupt schon mal hinterhergepfiffen wurde. Und das höchste und wichtigste Verbot: Wenn Jungs eine Freundin haben, ist sie die einzige Person, die sie ansehen dürfen. Bei anderen Mädchen gilt ein striktes Guck- und Lächelverbot.
Das Traurige ist, dass die Jungs das alles mitmachen. Allerdings wundert man sich nicht, wenn man deren links-grüne Eltern kennenlernt. In diesen Familien führen die Frauen das Regiment und die Männer wirken trottelig und hilflos. Mich hat es jedenfalls immer frustriert, wenn die Jungs lieber den Mülleimer anguckten, als mir in die Augen oder wenn sie einem nicht mehr widersprechen. Ich wünsche mir einen Jungen, der groß, stark und männlich ist, und nicht so einen Harry Styles.

2 Antworten

  1. Peter H. sagt:

    Ein schöner und ernsthafter Text, der beim Lesen Freude macht.

  2. Tania Miers sagt:

    Der Artikel macht Spaß – und bringt die Verwirrung mancher jungen Leute auf den Punkt. Von der Autorin lese ich gerne mehr!