Meine Abrechnung mit dem Geschichtsunterricht

Von Jonas Aston | Um es gleich vorwegzunehmen: Dieser Artikel richtet sich nicht gegen meine Lehrer und ist ausdrücklich keine Abrechnung mit ihnen. In meiner Schulzeit war ich mit 3 sehr guten Lehrern gesegnet. Zwei von ihnen waren alte DDR-Schule: Wäre ihnen irgendeine Ministeriumstante mit dem Vorschlag gekommen doch mal Gruppenarbeit oder sonstige „moderne Lernpraktiken“ umzusetzen, wäre sie ausgelacht worden. Der dritte Lehrer war bei uns zunächst Referendar und legte in unserer Klasse seine Lehramtsprüfung ab. Auch er war fachlich hervorragend, konnte uns motivieren und schaffte es tatsächlich moderne Technik sinnvoll einzubauen, was man längst nicht über jeden Lehrer behaupten kann.

Das Problem des Geschichtsunterrichts lag (zumindest bei mir) also nicht an den Lehrern, sondern daran, dass guten Lehrern aus allen möglichen Richtungen Steine in den Weg geworfen werden. Dies liegt unter anderem an sinnlosen und ideologiegetriebenen Forderungen des Kultusministeriums. Meine Klasse hatte schon einige Lehramtsprüfungen durchgemacht und wir ahnten schon, was auch in Geschichte auf uns zukommen würde. Unser Lehrer bereitete uns also darauf vor, dass die Stunde während der Lehramtsprüfung völlig anders ablaufen würde als bisherigen. Wenn ein Lehrer in seiner Lehramtsprüfung nämlich seine Schüler keine Gruppenarbeit machen lässt, kann er das Bestehen so gut wie vergessen.

 Jeder weiß, dass Team für „toll, ein anderer macht´s“ steht. Ich halte also nicht besonders viel von Gruppenarbeit und kenne ehrlich gesagt auch niemanden der Gruppenarbeit super findet. Unser Lehrer war auch alles andere als begeistert. Im Vorfeld der Prüfung regten wir uns darüber auf, dass unser Lehrer sich dieses sinnlosen Vorgaben unterwerfen musste und nicht einfach Unterricht machen konnte, wie er es am besten kann – nämlich frontal. Doch die Ministeriumstanten können von der Gruppenarbeit gar nicht genug bekommen. Unser Lehrer dachte sich also etwas besonderes aus. Unser Thema war die Teilung Deutschlands in Ost und West bzw. die Zeit von 1945-1990. Er teilte unsere Klasse mithilfe der Schulbänke durch eine imaginäre Mauer. Jedem wurde ein Partner zugeteilt und jeder Gruppe bekam einen Zeitabschnitt, den sie bearbeiten musste. Letztendlich bestand unser Lehrer die Prüfung mit Bestnoten. 

Dass ausgerechnet die Nachkriegszeit Thema in der Prüfung gewesen ist, war purer Zufall. In meiner 12-jährigen Schulzeit habe ich kaum etwas über die DDR erfahren und dass obwohl ich aus dem ehemaligen Osten stamme. Der Nationalsozialismus wurde hingegen umso ausgiebiger behandelt. In verschiedenen Klassenstufen wurde er insgesamt 3 Mal durchgenommen. In der 12. Klasse beschäftigen wir uns ein halbes Jahr ausschließlich mit dem NS. Für den Kommunismus dagegen, waren als solches waren laut Lehrplan übrigens sage und schreibe 2 Schulstunden vorgesehen. Es ist unserem Lehrer zu verdanken, dass aus diesen 2 immerhin 4 Stunden wurden.

Am meisten stört mich aber die Art und Weise wie der Geschichtsunterricht ausgelegt ist. Der Geschichtsunterricht ist extrem auf politische Persönlichkeiten zugeschnitten. Dafür werden alle möglichen gesellschaftlichen Entwicklungen komplett ausgeblendet. Demographie, Veränderungen im Geist – wie zum Beispiel die Aufklärung – oder wirtschaftliche kommen fast nicht vor. Glaubt man dem Geschichtsunterricht ist zum Beispiel ein Napoleon völlig vom Himmel gefallen. Er konnte halb Europa nicht etwa wegen der Stärke der Franzosen erobern, sondern schlicht, weil er so ein brillanter Kopf war. So wird es zumindest im Geschichtsunterricht suggeriert. Dass die Franzosen nur deshalb so stark waren, weil ihr nationales Bewusstsein geweckt wurde, wird völlig ausgeblendet. 

In der Deutschen Geschichte tut man so, als ob Bismarck Deutschland im Alleingang vereinigt hat. Letztlich hat Bismarck sich die Einigung Deutschlands aber nicht ausgedacht, sondern kam nur einem tiefen Wunsch der deutschsprachigen Bevölkerung nach, den er selbst als stolzer Preuße teilweise sogar ablehnte. Und nach dem Krieg wurde Deutschland nicht etwa so schnell wieder aufgebaut und wirtschaftlich leistungsfähig, weil die Bevölkerung gebildet, fleißig und motiviert war, sondern einfach nur, weil Ludwig Erhard ein kluger Politiker war, der einige gute Gesetze auf den Weg brachte. 

Diese personengebundene Erklärung von Geschichte verfälscht diese. Stattdessen wird so eine Staatsgläubigkeit in den Schülern ausgebildet.



1 Antwort

  1. Tom Werg sagt:

    Kluger Artikel, danke!