MDR-Diskussion mit Neonazi: Eine vertane Chance

Von Marvin Wank | Der Mitteldeutsche Rundfunk hat über die Massenproteste in Chemnitz 2018 den Dokumentarfilm “Chemnitz – Ein Jahr danach” gedreht. Anlässlich der Preview dieses Filmes sollte ein Podiumsdiskussion stattfinden. Neben Politikern wie der Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) und einer Vertreterin der Grünen Jugend sollte auch der Rechtsaußen Arthur Österle geladen werden – AfD-Mitglied und regelmäßiger Chefordner auf Demonstrationen von “Pro Chemnitz” und “Der III. Weg”.

Daraufhin gab es Wellen des Protests gegen diese Einladung. Wie könne man nur einen bekennenden Rechtsextremen zu einer Podiumsdiskussion eines öffentlich rechtlichen Senders einladen? Man solle Neonazis doch kein offizielles Podium geben! Barbara Ludwig sprach vom “Überschreiten einer roten Linie” und sagte ihre Teilnahme umgehend ab. Doch der MDR tat etwas, womit die wenigsten, ich auch nicht, gerechnet hatten: Er verteidigte die Einladung Österles.

Der Sender entgegnete dem Podiumsvorwurf, dass Österles Gesinnung eben einen nicht insignifikanten Teil der politischen Landschaft in Chemnitz widerspiegeln würde. Und damit hat der MDR völlig Recht. Rechtsextreme haben in Chemnitz längst ein Podium, eine Einladung zur Debatte hätte den anderen Beteiligten vielmehr die Möglichkeit zur Demaskierung gegeben. Gerade Lokalpolitiker hätten sich doch über die Chance freuen müssen, mithilfe von Österle der Chemnitzer AfD den letzten Rest der bürgerlichen Fassade abzureißen. Denn obwohl sich diese mittlerweile von “Pro Chemnitz” distanziert, hat sie es nicht geschafft Österle die Parteimitgliedschaft zu entziehen.

Warum also bleiben Ludwig und Co. der Diskussion wirklich fern? Eigentlich kann es dafür nur zwei Gründe geben: Angst und Ignoranz. Entweder weiß eine Oberbürgermeisterin nicht, dass es in ihrer Stadt Neonazis gibt. Das halte ich für unwahrscheinlich, zumal der Rest der Republik Chemnitz schon längst als Nazihauptstadt verinnerlicht hat. Die zweite Möglichkeit ist, dass Frau Ludwig tatsächlich Angst hat, eine Debatte gegen einen Rechtsradikalen zu verlieren, dass sie sich davor fürchtet, dass die Chemnitzer Öffentlichkeit einen gestandenen Neonazis überzeugender finden könnte als ihre eigene Bürgermeisterin.

Und wenn es wirklich die Angst ist, dann kann das nur mangelndes Vertrauen in mich und meine Chemnitzer Mitbürger bedeuten. Unglaube, dass wir Chemnitzer rechtsradikale Idelogien tief in unserem Herzen ablehnen. Die Annahme, dass wir uns nach einem Führerstaat mehr sehnen würden als nach einer freiheitlichen Demokratie, ist beschämend. Vielleicht hat sie aber auch Angst davor, dass die Öffentlichkeit Österles Ansichten tatsächlich entschieden ablehnt. Angst vor der Erkenntnis, dass viele Chemnitzer so unzufrieden mit ihr und den anderen Parteien sind, dass sie AfD wählen, obwohl sie keine verkappten Nazis oder Rechtsradikale sind.

Was auch immer Ihr Grund sein mag, Frau Ludwig, ich bin enttäuscht. Eine Debatte gegen einen Neonazi zu gewinnen will ich von meinem Bürgermeister erwarten dürfen.

Unser Redakteur Marvin Wank (19) lebt in Chemnitz

2 Antworten

  1. Sandro König sagt:

    Sehr schön argumentiert!

    Für mich liegt die Vermutung am nächsten, dass die Bürgermeisterin Angst hat, gegen einen Rechtsextremen zu versagen. Diese Angst durchzieht sämtliche linksgrünen Traimtänzer, die im Staatsfernsehen täglich salbadern, aber längst keine Widerrede mehr gewohnt sind. Mit dem Scheinargument, “Wir geben den bösen Gegnern keine Plattform” machen sie sich stets klammheimlich aus dem Staub.
    Der Vorwand ist immer die höhere Moral, der eigentliche Grund aber ängstliches verp**sen.

  2. moneypenny sagt:

    Die Zeiten, in den man mit dem politischen Gegner debattierte, sind anscheinend vorbei. Angebote dazu gibt es nur noch von „rechts“ – alle anderen verschanzen sich hinter ihrer „Meinung“, die eigentlich mehr eine Religion ist, die nicht mehr diskutierbar ist. Entweder man folgt der wahren Lehre, oder man ist ein Ketzer. Und die Rechtgläubigen haben alle Angst vor Ansteckung bzw. dass das Ketzertum irgendwie auf Sie abfärbt.
    Trotzdem: Haben Sie das auch direkt an Frau Ludwig geschickt?