Kulturkampf in Jerusalem: Stadt des Friedens? Von wegen!

Von Simon Ben Schumann | Jerusalem ist ein besonderer Ort. Der Name, auf Hebräisch „Jeruschalajim“ ausgesprochen, wird gerne als „Stadt des Friedens“ übersetzt. Doch von „Schalom“ ist wenig zu spüren.

 

Ultra-Orthodoxe machen Welle

In Jerusalem – einer geteilten Stadt – geht es deutlich anders zu als im Paradies auf Erden. Dort leben momentan ca. 920.000 Menschen. Etwa 60% der Bevölkerung sind jüdisch, darauf folgen die Muslime mit ungefähr 30%. Die Christen bilden mit 2% eine kleinere Minderheit. Bei so einer Mischung kann man sich schonmal in die Haare kriegen.

In der Bibel ist Jerusalem der ultimative Begriff für den „himmlischen Frieden“. Weil ich mich für Religionen interessiere, dachte ich mir, dass ein Urlaub in der heiligen Stadt bestimmt eine gute Idee wäre. Auch wenn ich nicht sehr gläubig bin. Immerhin kann man sich an der Klagemauer bei Gott persönlich über die Verhältnisse in Deutschland echauffieren. Zwei Worte und er würde mich vielleicht sofort verstehen: Karl Lauterbach. Doch leider könnten einem z. B. radikal-religiöse Sittenwächter den Urlaubsspaß verderben.

Die ultra-orthodoxen Juden machen wegen ihrer strengen Religiosität einen wachsenden Teil der israelischen Bevölkerung aus. Während andere in Tel Aviv feiern gehen oder sich über Benjamin Netanjahu aufregen, gründen sie Familien. Das schlägt sich besonders in Jerusalem nieder, wo sie eine der großen Gruppen darstellen. Besonders super-radikale Teile der Ultra-Orthodoxen haben Einfluss, denn: Extrem Religiöse zwingen anderen gerne ihre Gesetze auf – so auch in Jerusalem.

Wer dort an einem Sabbat-Samstag mit dem Auto unterwegs ist, kann sich auf was gefasst machen. Da will man nur kurz zum Picknick an den Jordan (was gefährlich genug ist), schon werfen sich zig Leute vor die Karre. Wer so leichtfertig sein Leben riskiert? Manch ultra-orthodoxer Pharisäer, für den Autofahren am heiligen Tag eine schreckliche Sünde darstellt.

Noch viel Schlimmer: In Bussen müssen Männer und Frauen oft getrennt sitzen. Die einen vorne, die anderen hinten. Ein zivilisatorischer Rückschritt in mittelalterliche Moralvorstellungen. Weil sich die mega-Religiösen damit durchsetzen können. Auf dem Tempelberg darf man als Jude nicht einmal beten, unter anderem, weil Israels und Jerusalems Chefrabbinate aus theologischen Gründen dagegen sind – und wegen Sicherheitsbedenken.

Außergewöhnliches gibt es in der heiligen Stadt an jeder Ecke. So ist Jerusalem, ähnlich wie Berlin im kalten Krieg, geteilt. Nicht nur in Stadtviertel, nach Bevölkerungsgruppen sortiert – sondern auch in Ost und West. Durch einige Ortsteile, wie Mea Shearim, dürfen Frauen nur in „modest clothing“ gehen. Riesige Plakate weisen Passanten auf diese Kleidervorschriften hin. Sowohl die Palästinenser als auch die Israelis beanspruchen Jerusalem als ihre alleinige Hauptstadt. Die einen als Himmelfahrtstätte ihres Propheten, die anderen als Wohnstätte Gottes. Was er wohl dazu sagen würde?

 

Eine Stadt des Friedens?

Extremistische Palästinenser tragen zum bedrückten Alltag in der Stadt bei. So gab es erst am 15.08.2022 einen Anschlag eines Palästinensers gegen Juden, bei dem acht Menschen verletzt wurden, zum Teil sehr schwer. Gewalt gibt es in Jerusalem häufig, ob an Ostern, während des Ramadan oder, wie zuletzt, an der Klagemauer. Von israelischer Seite wird immer wieder – zurecht – die Gewalt der Palästinenser beklagt. Selbst und besonders in Israel kann man sich als Jude nie vor Terror sicher fühlen. Daher ist in der Stadt die militärische Präsenz groß.

Heute scheint es so, als würden Spaltung und Fundamentalismus Jerusalem beherrschen. Die Tatsache, dass eine Stadt, die Gott geweiht ist, von Militärs geprägt wird, gibt zu denken. Ironischerweise beten täglich Millionen Menschen für Frieden und Gerechtigkeit zu genau dem Gott, dessen biblische Heimat heute geteilt und umstritten ist. Religion ist ein eher persönliches Thema. Für mich wird daran deutlich, dass man nie zu sehr glauben sollte, die Wahrheit zu kennen. Wieso sonst sollte die Stadt weder den Christen, noch den Juden oder den Muslimen allein gehören? Ich könnte mir ja vorstellen, dass Gott bei politischen Fragen, Nichtwähler ist. Wäre wahrscheinlich auch am besten.

Ob man an sie glaubt, ist natürlich jedem selbst überlassen. Aber eines steht fest: Zumindest heute geht von Jerusalem noch nicht die „Erlösung der Welt“ aus.

1 Antwort

  1. Anna Fuchs sagt:

    Ja, in Jerusalem ist ein Gespräch mit Gott ein Ortsgespräch, wie Henryk M. Broder so schön sagte.
    Neben orthodoxen Juden und Muslimen sind auch Christen, die in der Grabeskirche irgendwelche Reliquien küssen, nicht zu vergessen. Ein Irrenhaus – aber ein sehr schönes.