Kretschmann erklärt Rechtschreibung für zweitrangig

Von Lucy Mai | Sind Rechtschreibkenntnisse heutzutage noch wichtig, wo es doch zahlreiche Korrekturprogramme gibt, die unsere Grammatik und Rechtschreibfehler korrigieren? Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann jedenfalls glaubt nicht daran. Der Politiker der Grünen sagte: “Jeder Mensch braucht ein Grundgerüst an Rechtschreibkenntnissen, das ist gar keine Frage. Aber die Bedeutung, Rechtschreibung zu pauken, nimmt ab, weil wir heute ja nur noch selten handschriftlich schreiben“. Es gebe ja schließlich “kluge Geräte”, die unsere Grammatik und Fehler korrigieren. Kretschmann ging sogar noch weiter: Er glaube nicht, “dass Rechtschreibung jetzt zu den großen, gravierenden Problemen der Bildungspolitik gehört.“

Werden gute Rechtschreibkenntnisse in Zukunft also von Autokorrektur und Co. ersetzt? In den letzten Jahren haben sich Korrekturprogramme enorm verbessert und können sicherlich bei einer korrekten Rechtschreibung helfen, aber gänzlich ersetzen können diese vernünftige Rechtschreibkenntnisse wohl nicht. Tatsächlich werden nur etwa zwei Drittel der Fehler erkannt und die Systeme sind wohl kaum fähig, Sätze und Wörter im sprachlichen Kontext zu sehen. Wer sich also vollständig auf Korrekturprogramme verlässt, wird wohl eine böse Überraschung erleben.

Dass Rechtschreibung jedoch nur ein “Oberflächenmerkmal” sei, wie Hans Brügelmann, Verbandsmitglied und emeritierter Professor für Grundschulpädagogik behauptet oder nicht zu den “gravierenden Problemen der Bildungspolitik” gehört, ist ein naiver Irrglaube. Rechtschreibung und Rechtschreibunterricht sind alles andere als egal, sondern mindestens so bedeutsam wie die Fähigkeit zu rechnen oder zu lesen. Man sollte doch wohl seine eigene Sprache beherrschen können. Gerade in der Schule wird zu wenig Wert auf eine korrekte Rechtschreibung und Grammatik gelegt. Selbst Schüler in der gymnasialen Oberstufe – ich spreche aus Erfahrung – sind heutzutage nicht mehr fähig, ganze Sätze mit Subjekt und Prädikat zu bilden oder Haupt- und Nebensätze mit einem Komma voneinander abzutrennen. Auch Kernkompetenzen, wie das eigenständige Verfassen von sprachlich korrekten Texten, gehen langsam verloren. Dabei sind gerade diese wichtig für das spätere Berufsleben in einer medialen Welt und überhaupt im gesellschaftlichen Leben. Sie können auch nicht durch irgendwelche Computersysteme ersetzt werden. Doch nur im Rechtschreib- und Grammatikunterricht erlernen Kinder solche Grundkenntnisse.

Nach Schnapsideen wie “Schreiben nach Gehör” sollten wir also mehr Wert auf Rechtschreibung in der Bildungspolitik setzen und nicht weniger. Rechtschreibung bildet vielmehr einen Grundpfeiler der Bildung.

7 Antworten

  1. n.reher sagt:

    Nicht nur “gestandene” Journalisten nehmen sich Kretschmanns Meinung zu Herzen und schreiben danach: wenn ich z. B. SPON oder Fokus Artikel ab und zu nur mal kurz überfliege, bekomme ich Pickel! Korrekturlesen scheint abgeschafft oder mangels I.Q. größer als Küchentappete unmöglich zu sein. Wahrscheinlich überfordert selbst das Korrekturprogramm diese Herr- und Damschaften. Aber noch schlimmer wird es, wenn man sich auf das Niveau der zeitgenössischen “schönen Literatur” begibt! Durch Länge und Stückelung fast unverständliche Schachtelsätze, ganze Sätze aus maschinellen Textbausteinen, dauernde Wiederholungen gleicher Verben oder Adjektive – und dass die Sätze nicht mit dem bildungsfernen “Also” anfangen, scheint fast schon ein Wunder. Keine Ahnung, ob Goethe, Böll, Lenz & Co überhaupt noch ruhig auf den Friedhöfen liegen können, oder sich den ganzen Tag im Grabe umdrehen, so verdummt wie das Deutsche Volk im Land der Dichter und Denker zu Großteilen mittlerweile ist….

  2. NG sagt:

    Ich bin damals eins der Opfer der “Schreiben nach Gehör” Bewegung gewesen. Dieses Modellprojekt hat mich damals bis in die 9 Klasse verfolgt und mir immer wieder Fünfen und Vieren im Deutschunterricht beschert. Natürlich dann auch in allen anderen Fächern Punktabzüge. Es ist ein wirklich harter Weg gewesen, die Grundregeln des Schreibens wieder neu zu erlernen.
    An der Weise, wie Menschen ihre Sätze bilden, sich artikulieren und ob sie richtig schreiben können, kann man häufig den Intellekt ablesen. Welcher Arbeitgeber würde jemanden einstellen, der nicht mal die grundsätzlichen Regeln der Rechtschreibung kennt. Nichts ist peinlicher als Mails von Firmen zu bekommen, in denen grobe Schreibfehler sind!

  3. Sebastian Laubinger sagt:

    Das grosse Ziel ist die Idiotisieriung der Gesellschaft. Leute, die nicht mal in der Lage sind, ihre eigenen Gedanken unfallfrei aufs Papier zu bringen, sind schon dreimal nicht in der Lage, am System zu ruetteln.

    Dieser spezielle Wahnsinn hat also sehr wohl Methode. Es geht schlicht und einfach darum, unsere Kinder soweit zu verbloeden, dass sie wirklich jeden Mist mit sich machen lassen.

    Wehret den Anfaengen . . . die eigene Muttersprache sollte es einem schon wert sein.

  4. Stefan Donner sagt:

    Unsere Politik-Eliten wollen offensichtlich wieder mal einen Bauern- und Arbeiterstaat
    errichten, wobei die Allgemeinbildung des Volkes nicht `hilfreich’ ist.
    Es ist traurig sich ansehen zu müssen, wie das Bildungsniveau an unseren Schulen
    ständig abnimmt und Politiker diesen Zustand nicht ändern sondern letztendlich recht-fertigen.

  5. Pernod sagt:

    Ich bin froh, dass Du meiner Zeit (ich bin Jg. 1967) Rechtschreibung wichtig war. Schreiben nach Gehör war überhaupt nicht denkbar und das war auch gut so. Selbst die Schrift wurde im Zeugnis benotet, allerdings hatte ich da immer eine “4 / ausreichend”, wäre aber nie im Ansatz auf die Idee gekommen, mich deshalb diskriminiert zu fühlen.

    Wenn aber die Rechtschreibung lt. Herrn Kretschmann nicht so wichtig sein soll, dann spräche doch nichts dagegen, im Englisch-, Französisch- und Lateinunterricht ebenfalls Schreiben nach Gehör einzuführen. Oder wäre das dann Diskriminierung?

  6. Alois Fuchs sagt:

    Wenn ein Grüner, MP Kretschmann schon gar, so eine Meinung kund tut, verfolgt er natürlich einen Zweck, ich vermute, etwas in dieser Richtung: Entsprechend programmiert, lassen sich eingetippte Wörter mit Rechtschreibprogrammen durch andere ersetzen, z.B. “Recht” durch “Haltung”, oder “Freiheit” durch “”Einsicht” usw. 1984 liefert weitere Beispiele. In der Version 2.0 dieser Programme, die dann Linkschreibprogramme heißen, können Wörter wie “deutsch” o.ä. gar nicht mehr eingetippt werden. Und was nicht mehr geschrieben werden kann, läßt sich bald auch nicht mehr sagen und schließlich nicht einmal mehr denken. Grüne Transformation nennt sich das dann.