Konservendeutsche

2 Antworten

  1. Hans Wulsten sagt:

    RUßLANDDEUTSCHE

    Ich erinnere mich des Jahres 1987 oder 1988. Da drang die Existenz, also das Vorhandensein von Rußlanddeutschen das erste Mal in mein Bewusstsein. Sie kamen in Friedland an, dem zentralen bundesdeutschen Aufnahmelager. Und weil ich damals noch Fernsehen schaute, was ich jetzt nicht mehr tue, sah ich ein uraltes Mütterchen und ihren noch urälteren Mann, beide saßen auf ihren Köfferchen. Und der Reporter fragte „was sie denn in Deutschland wollen“ und „ob sie hier eine Zukunft sähen“.

    Der Opa antwortete „er sei Traktorist“ und könne Felder pflügen. Wunderbar dachte ich, und Millionen Fernsehzuschauer wohl auch, genau die Leute die wir brauchen, zahnlose Traktoristen. Wo doch in Deutschland die Landwirtschaft so durchorganisiert ist, daß nur noch studierte Agrarwirte mit ihren hocheffizienten Höfen überleben, Maschinenstationsunternehmer die Gerätschaften ausleihen, junge, kräftige Leute die hochkomplexen Traktoren warten und bedienen können, aber doch nicht ein zahnloser Opa aus Kasachstan mit der ulkigen Berufsbezeichnung „Traktorist“.

    Und „mein“ Berliner Innensenator Heinrich Lummer setzte noch eins drauf und meinte: „Manche Antragsteller könnten allenfalls nachweisen, daß sie “mal einen deutschen Schäferhund besessen” haben.“

    Also so richtig begeistert waren wir nicht. Aber wir wohnten im Norden Berlins, in einer Villengegend und nie, nie habe ich einen Rußlanddeutschen gesehen. Außer im Fernsehen.

    Insofern verschwand das „Problem“ wieder aus meinem Bewußtsein. Irgendwann, habe vergessen wann genau das war, war ich dann zutiefst erschüttert weil ein Rußlanddeutscher, ein drogensüchtiger junger Mann ohne Perspektiven, einen Holzklotz von einer Autobahnbrücke geworfen hatte und damit, welch ein Zufall, das Auto eines Rußlandeutschen, eines bestens integrierten Familienvaters getroffen hatte. Die Familie kam aus dem Osterurlaub, die Frau war auf der Stelle tot, der Vater, ein Ingenieur, und die zwei Kinder auf dem Rücksitz überlebten.

    Zwei unterschiedliche Rußlanddeutsche, unterschiedlicher konnten sie nicht sein. Kennen, persönlich kennen, tat ich immer noch keinen. Dann wanderten wir für 16 Jahre nach Nordamerika aus und ich verlor diese „Spezies“ vollends aus dem Blickfeld. 2014 zurückgekommen und in einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein niedergelassen, lernten (inzwischen) WIR, die erste Rußlanddeutsche kennen. Ja, tatsächlich, wie in dem Artikel beschrieben, sie hatte sehr früh geheiratet, die ersten Jahre in einem Aussiedlerheim verbracht, eine Tochter bekommen, das schwäbische Herkunftsdeutsch in ein verständliches Hochdeutsch verwandelt und es dann mit Fleiß und Zähigkeit mit ihrem Mann zusammen zu einem bürgerlichen Wohlstand gebracht.

    Sind sie untereinander sprechen sie immer Russisch, dabei sprachen sie in Rußland Deutsch, schwäbisches Deutsch. Erst in der russischen Schule lernten sie die russische Sprache. Sie gehen zu Konzerten von russischen Künstlern, schauen zu 90 Prozent russische Filme und Clips auf YouTube und kaufen im MixMarkt, einem russischen Lebensmittelladen, so russisch, in der Einrichtung, der Warenpräsentation, wie dort in Rußland.

    Wo ich so oft war. Denn meine Frau ist Russin, aber eine richtige Russin und keine Deutschrussin und so weiß ich wovon ich rede. Denn seit 1992 beobachte ich die Entwicklung hier und dort.

    Leicht hat es der deutsche Staat den Deutschrussen nicht gemacht, Ihre Ausbildungen wurden nicht anerkannt, gerade so, als ob eine in Rußland examinierte Krankenschwester einem Deutschen keine Spritze setzen könnte. Also arbeiten viele unterqualifiziert, das ist tragisch, aber ich höre sie nicht klagen. Die, die wir kennen, und das sind inzwischen eine ganze Menge, sind fleißig und familienorientiert, das ganz besonders, und helfen und stützen sich.

    Die „Konservendeutsche“ Liana Friedrich ist 17 und ich bin 70. Aber meine Kinder sind 20 und 24 und ich bin drin in ihrer Welt und Sprache. Und alles was sie schreibt stimmt. Denn inzwischen haben wir uns in diese ganze „Szene“ eingearbeitet, fühlen uns dort zuhause und angenommen. Wir sehen große Übereinstimmungen, insbesondere auch was die politischen Auffassungen betrifft und Feiern sind erholsam.

    Erholsam deshalb, weil man auf deutschen Feiern sofort ins Politisieren kommt, man sich erklären muß ob oder ob man nicht den Klimawandel leugnet, wie man zu Queer und Gender steht, man sich rechtfertigen muß, wenn man an der Ära Putin etwas positives sieht, oder man ständig sein „transatlantisches Bekenntnis“ erneuern muß. Wie man über SPDCDUFDPGRÜNELINKE denkt und nicht umhin kommt die AFD zu verurteilen. Ein Muß, sonst platzt der Abend.

    Nix da. Der Rußlanddeutsche freut sich über sein Auto, zieht den Mädchen auch mal Röckchen an, trinkt und kann feiern bis zum Abwinken, zieht sich als Besucher die Schuhe aus und latscht nicht, wie der Deutsche, mit seinen Drecksschuhen durch die Wohnung und – wenn man ihn braucht – ist er hilfreich und unkompliziert zur Stelle.

    Kurzum: Die idealen Nachbarn und Freunde.

  2. n.reher sagt:

    Hervorragender Beitrag, sehr verständliche Darstellung, Liana, gratuliere! Ich gehe viel mit Russlanddeutschen um und mag sie sehr, vor allem ihre Gradlinigkeit, ihre echte Herzlichkeit und ihre tiefe Verbundenheit mit ihrer neuen alten Heimat!