Konservendeutsche

Von Liana Friedrich | Ich wurde von Deutschen aus der Konserve erzogen. Nein, Sie haben sich nicht verlesen, ich meine es genauso wie es hier steht. Nun fragen Sie sich sicher, wer sind denn diese ominösen Konservendeutsche? Ist das etwa ein neuer linker Kampfbegriff für Konservative?

Da muss ich Sie leider enttäuschen, diesen Begriff habe ich mit der Zeit in meinen Sprachgebrauch eingeführt, um leichter erklären zu können, wer diese sogenannten Russlanddeutschen sind.

Sind es nun Russen, Deutsche oder gar Kasachen? Sind es hinterlistige Agenten, die von Putin in Deutschland installiert wurden, um der hiesigen Bevölkerung antiamerikanische „Nazipropaganda“ einzutrichtern? Oder sind es alles noch Sozialisten, die nur darauf warten unsere Marktwirtschaft umzustürzen?

Die Frage, was ich nun bin, hat mich als Kind ständig beschäftigt. So wusste ich schon immer, dass ich nicht Deutsch bin, wie es die anderen deutschen Kinder sind. Aber meine Mutter betonte trotzdem stets, dass wir Deutsche sind. Ich konnte mir nicht erklären, wieso die anderen Kinder vor dem Schlafengehen das Sandmännchen geschaut haben und ich „Nu Pagadi“. Oder wieso wir zum Mittag nicht Spaghetti Bolognese, sondern meist russische Speisen aßen, anders als die anderen. Nicht nur ich war der Ansicht, dass da etwasnicht stimmen kann. Auch den anderen Kindern war bewusst, dass ich nicht wie sie war. So wurde ich ganz schnell einfach als „Russin“ abgestempelt. Dabei sind meine Russischkenntnisse äußerst spärlich und ich war auch noch nie in diesem sagenumwobenen Land. Aber mit der Zeit nahm ich das einfach so hin, ich war es leid mich zu wehren. Wenn ich schon nicht deutsch bin dann bin ich eben russisch. Und das geht wohl vielen Kindern von Spätaussiedlern so. Sie flüchten sich regelrecht in diese Identität, denn wer will beim heutigen Zeitgeist deutsch sein, wenn er die Wahl hat? „Russe“ zu sein ist auch irgendwie „cooler“.

Almans und Bratans

Es existiert eine ganze Jugendkultur um das russisch bzw. nicht-deutsch sein. Comedy Seiten in den Sozialen Medien mit Millionen von Followern die sich über den Stereotyp „Alman“ lustig machen. Dort werden Deutsche meist als verklemmte, peinliche Gestalten abgebildet, andere Nationalitäten haben hingegen stets ihren ganz eigenen (natürlich auch überzogen portraitierten) Charme. Das ist in meinen Augen ein Sinnbild des heutigen Selbstbewusstseins der Deutschen. Mich erschreckt es einfach, wenn ich durch den Schulflur gehe und Kinder aus der sechsten Klasse sich gegenseitig Begriffe wie „Mashallah“ oder „Vallah“ zurufen. Dieser neue Jugendkult und das Kiezdeutsch breiten sich durch alle Schichten der Jugendlichen rasant aus.

Um nun den Begriff Konservendeutsche aufklären zu können, werde ich ein paar Geschichten auspacken müssen. Diesen Begriff habe ich nämlich zuerst von meiner Mutter gehört, als sie mir erklärte, wer wir denn nun sind. Ich fragte sie, je älter ich wurde, zunehmend mehr darüber aus. Wie können wir Deutsche sein, wenn wir doch russisch sprechen, essen und lesen? Wie kann sie Deutsche sein, wenn sie doch in Kasachstan geboren wurde? Wie kann sie so dreist lügen? Meine Mutter reagiert immer sehr emotional darauf, wenn jemand sie als Kasachin abstempelt, nur weil sie dort geboren ist. Denn dort litt sie unter ihrem Deutschsein und wurde als Faschistin bezeichnet.

Sie begann dann damit mir unsere Geschichte so zu erklären, dass Deutsche um achtzehnhundert in eine Konserve gepackt wurden und dann nach Russland verfrachtet wurden. Dann blieben sie dort für eine Weile und kamen vor ein paar Jahren zurück hierher, nach Deutschland, in ihre eigentliche Heimat. Aber sie blieben über die Zeit eben konserviert, während sich die hiesigen Deutschen veränderten. Ich fing an mich darüber zu informieren und entdeckte die interessante Geschichte, der die Konserventheorie zugrunde liegt.Wieso verließen Deutsche damals überhaupt das wirtschaftlich gut dastehende und sich im Aufschwung befindende Deutschland, um in das Agrarland Russland zu ziehen? 

Sie folgten dem Aufruf der Zarin Katharina II. Sie rief Ausländer auf, nach Russland auszuwandern, um das Agrarland zu besiedeln. Als Anreiz räumte sie Religionsfreiheit, Steuerfreiheit und Befreiung vom Militärdienst für Jahrzehnte ein. Zudem wurde Selbstverwaltung und Unterstützung bei der Umsiedlungzugesagt. 1764 wurde die erste deutsche Kolonie mit ungefähr 50.000 Menschen an der Wolga gegründet.   
Sie hatten ihr eigenes Schulwesen, ihre eigene Religion, lebten von der Landwirtschaft, besaßen aber auch eine eigene kleine Industrie.
1871 hob Zar Alexander II. die Kolonistengesetze auf. Die Deutschen mussten ihre ihre Selbstverwaltung aufgeben. Zusätzlich änderte sich das Ansehen der eingewanderten Deutschen durch das immer mächtiger werdende Deutsche Reich. Die Schulen wurden unter staatliche Kontrolle gestellt. 
Die Revolution brachte 1917 Veränderung. Nikolaus II. dankt ab und 1922 wird Josef Stalin zum Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Russlands.
Ab 1928 beginnt die Kollektivierung der Landwirtschaft. Die Bauern wurden enteignet, Kirchen geschlossen. Gleichzeitig übernimmt Adolf Hitler die Macht in Deutschland. Die Deutschen werden verdächtigt mit den Nazis zu kooperieren. Die Sowjets reagieren 1941 auf den Einfall der Deutschen mit Verhaftungen und Deportationen. Wolgadeutsche werden nach Sibirien und Mittelasien gebracht, und alle Besitztümer werden enteignet, viele Männer werden in Arbeitslager geschickt. Nach Ende des Krieges bleiben sie Fremde im eigenen Land, werden weiterhin als Faschisten beschimpft.
Die Mehrheit der Deutschstämmigen lebt fortan in Kasachstan und in Sibirien. Familien waren auseinandergerissen, viele konnten die Schule nicht mehr besuchen. Die deutsche Sprache im Alltag gehtverloren. In der Muttersprache wird meist gesungen.
1990 wird unter Helmut Kohl ein Vertrag geschlossen, der alles ändert. Er garantiert den Wolgadeutschen die Möglichkeit ihre “nationale, sprachliche und kulturelle Identität” auszuleben, in der Bundesrepublik. Und so zogen viele in ihre alte neue Heimat mit großen Erwartungen.

Die Frage wer ich nun bin, hatte sich von da an gelöst.Ich bin ein Nachfahre von Konservendeutschen. Das erklärte plötzlich auch die Dinge, die wir tun. Das Singen von alten deutschen und russischen Volksliedern oder den sympathischen, aber ungewöhnlichen Dialekt meiner Uroma. Ein anderes Merkmal der Konservendeutschen ist auch das starke Bekenntnis zu ihrer deutschen Identität, denn in ihrer Zeit auswärts mussten sie sich stets behaupten und haben für ihr Deutschsein viel auf sich genommen.

Russische Spione

Ich werde in diesem Artikel nicht auf das Thema AfD und Russlanddeutsche eingehen, denn das wurde von den Medien schon zu Hauf thematisiert. Um auf die Frage zurückzukommen, ob alle russische Spione sind lässt sich antworten: Die meisten Russlanddeutschen sind prorussisch und antiamerikanisch, das ist kaum zuleugnen. Und ja, im selben Zuge würden die meisten sich wohl auch als antiliberal bezeichnen. Jedoch liegt die Wurzel dieser Einstellung in der Ablehnung des links Liberalismus. Die meisten Russlanddeutschen sehen im Liberalismus grenzenlose Einwanderung, zerbrochene Familien und pure Anarchie. Der Einwanderung stehen sie kritisch gegenüber, da sie, in Kasachstan in einem mehrheitlich muslimisch geprägten Land gelebt haben.So habe ich Berichte gehört, dass es normal war, wenn die kasachische Schulkameradin mit 15 Jahren verheiratet wurde und nicht mehr zur Schule kam. Oder, dass Frauen einfach auf der Straße aufgegriffen und verheiratet wurden. Solche Erfahrungen prägen wahrscheinlich. Aber man kann die Spätaussiedler wahrlich nicht als russische Spione bezeichnen, denn es sind keine Russen und das ist ihnen auch klar.

Sozialisten im Deckmantel

Zu dem Vorwurf des Sozialismus durch die Hintertür lässt sich sagen, die Spätaussiedler, die in der Sowjetunion ihr halbes Leben verbracht haben, sind oft noch nostalgisch. Sie verbinden ihre Jugend, die Gründung ihrer Familie, ihre besten Jahre mit der Sowjetunion. Und sind durch jahrelange knallharte Propaganda geprägt. Trotzdem muss hier klar gesagt werden, dass eine stark überwiegende Mehrheit absolute Feinde des Kollektivismus und Sozialismus ist. Das war sie eigentlich schon immer. Als die Rote Armee den Monarchismus in Russland auf brutalste Weise abgeschafft hat, kämpften sehr viele Russlanddeutsche in der sogenannten „Weißen Armee“, die sich den Bolschewisten zur Wehr setzte. Vor allem die Generation meiner Uroma und ältere haben noch am eigenen Leibe die Brutalität Stalins erlebt. Mit dem vollen Programm, sprich Enteignung, Entwurzelung, Enthauptung. Können diese Menschen dann noch für den Sozialismus einstehen? 

Meines Erachtens sind eher Jugendliche die jahrelang von der Marktwirtschaft prfitiert haben dafür prädestiniert. So gab es interessanterweise auch Konflikte bei den Jugendlichen Klimaschützern im Rahmen eines europaweiten Treffens. So forderten die westlichen Jugendlichen von der FfF-Bewegung mehr im Bereich Antikapitalismus zutun. Die Polen, Ungarn und weitere Oststaatler reagierten darauf empört. Dort haben die Leute noch einen ganz anderen, sehr realen Bezug zum Sozialismus. Meine Mutter erzählte mir, als sie hier nach Deutschland kamen betrachtete meine Uroma jede kleinste Süßigkeit und staunte: „Das ist Deutschland!“. Sie waren fasziniert wie das Leben im Kapitalismus wirklich aussieht. Russlanddeutsche sind beim besten Willen keine Sozialisten. Natürlich gibt es überall ein paar Revisionisten, aber der Großteil würde wohl Steuersenkungen gegenüber Enteignungen vorziehen. 

Abschließend lässt sich festhalten, dass Russlanddeutsche ihre Eigenart haben, aber eigentlich nur unglaublich dankbar sind endlich in ihrer Heimat angekommen zu sein und sich nun zum Ziel gesetzt haben diese auch zu schützen. Man könnte auch eine gewisse Parallele zwischen ihnen und den Deutschen ziehen, die in der DDR gelebt haben.

Dieser Artikel entstand im Rahmen des Juniorenkreis Publizistik in Kooperation mit der Achse des Guten und der F.A. von Hayek-Gesellschaft

2 Antworten

  1. Hans Wulsten sagt:

    RUßLANDDEUTSCHE

    Ich erinnere mich des Jahres 1987 oder 1988. Da drang die Existenz, also das Vorhandensein von Rußlanddeutschen das erste Mal in mein Bewusstsein. Sie kamen in Friedland an, dem zentralen bundesdeutschen Aufnahmelager. Und weil ich damals noch Fernsehen schaute, was ich jetzt nicht mehr tue, sah ich ein uraltes Mütterchen und ihren noch urälteren Mann, beide saßen auf ihren Köfferchen. Und der Reporter fragte „was sie denn in Deutschland wollen“ und „ob sie hier eine Zukunft sähen“.

    Der Opa antwortete „er sei Traktorist“ und könne Felder pflügen. Wunderbar dachte ich, und Millionen Fernsehzuschauer wohl auch, genau die Leute die wir brauchen, zahnlose Traktoristen. Wo doch in Deutschland die Landwirtschaft so durchorganisiert ist, daß nur noch studierte Agrarwirte mit ihren hocheffizienten Höfen überleben, Maschinenstationsunternehmer die Gerätschaften ausleihen, junge, kräftige Leute die hochkomplexen Traktoren warten und bedienen können, aber doch nicht ein zahnloser Opa aus Kasachstan mit der ulkigen Berufsbezeichnung „Traktorist“.

    Und „mein“ Berliner Innensenator Heinrich Lummer setzte noch eins drauf und meinte: „Manche Antragsteller könnten allenfalls nachweisen, daß sie “mal einen deutschen Schäferhund besessen” haben.“

    Also so richtig begeistert waren wir nicht. Aber wir wohnten im Norden Berlins, in einer Villengegend und nie, nie habe ich einen Rußlanddeutschen gesehen. Außer im Fernsehen.

    Insofern verschwand das „Problem“ wieder aus meinem Bewußtsein. Irgendwann, habe vergessen wann genau das war, war ich dann zutiefst erschüttert weil ein Rußlanddeutscher, ein drogensüchtiger junger Mann ohne Perspektiven, einen Holzklotz von einer Autobahnbrücke geworfen hatte und damit, welch ein Zufall, das Auto eines Rußlandeutschen, eines bestens integrierten Familienvaters getroffen hatte. Die Familie kam aus dem Osterurlaub, die Frau war auf der Stelle tot, der Vater, ein Ingenieur, und die zwei Kinder auf dem Rücksitz überlebten.

    Zwei unterschiedliche Rußlanddeutsche, unterschiedlicher konnten sie nicht sein. Kennen, persönlich kennen, tat ich immer noch keinen. Dann wanderten wir für 16 Jahre nach Nordamerika aus und ich verlor diese „Spezies“ vollends aus dem Blickfeld. 2014 zurückgekommen und in einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein niedergelassen, lernten (inzwischen) WIR, die erste Rußlanddeutsche kennen. Ja, tatsächlich, wie in dem Artikel beschrieben, sie hatte sehr früh geheiratet, die ersten Jahre in einem Aussiedlerheim verbracht, eine Tochter bekommen, das schwäbische Herkunftsdeutsch in ein verständliches Hochdeutsch verwandelt und es dann mit Fleiß und Zähigkeit mit ihrem Mann zusammen zu einem bürgerlichen Wohlstand gebracht.

    Sind sie untereinander sprechen sie immer Russisch, dabei sprachen sie in Rußland Deutsch, schwäbisches Deutsch. Erst in der russischen Schule lernten sie die russische Sprache. Sie gehen zu Konzerten von russischen Künstlern, schauen zu 90 Prozent russische Filme und Clips auf YouTube und kaufen im MixMarkt, einem russischen Lebensmittelladen, so russisch, in der Einrichtung, der Warenpräsentation, wie dort in Rußland.

    Wo ich so oft war. Denn meine Frau ist Russin, aber eine richtige Russin und keine Deutschrussin und so weiß ich wovon ich rede. Denn seit 1992 beobachte ich die Entwicklung hier und dort.

    Leicht hat es der deutsche Staat den Deutschrussen nicht gemacht, Ihre Ausbildungen wurden nicht anerkannt, gerade so, als ob eine in Rußland examinierte Krankenschwester einem Deutschen keine Spritze setzen könnte. Also arbeiten viele unterqualifiziert, das ist tragisch, aber ich höre sie nicht klagen. Die, die wir kennen, und das sind inzwischen eine ganze Menge, sind fleißig und familienorientiert, das ganz besonders, und helfen und stützen sich.

    Die „Konservendeutsche“ Liana Friedrich ist 17 und ich bin 70. Aber meine Kinder sind 20 und 24 und ich bin drin in ihrer Welt und Sprache. Und alles was sie schreibt stimmt. Denn inzwischen haben wir uns in diese ganze „Szene“ eingearbeitet, fühlen uns dort zuhause und angenommen. Wir sehen große Übereinstimmungen, insbesondere auch was die politischen Auffassungen betrifft und Feiern sind erholsam.

    Erholsam deshalb, weil man auf deutschen Feiern sofort ins Politisieren kommt, man sich erklären muß ob oder ob man nicht den Klimawandel leugnet, wie man zu Queer und Gender steht, man sich rechtfertigen muß, wenn man an der Ära Putin etwas positives sieht, oder man ständig sein „transatlantisches Bekenntnis“ erneuern muß. Wie man über SPDCDUFDPGRÜNELINKE denkt und nicht umhin kommt die AFD zu verurteilen. Ein Muß, sonst platzt der Abend.

    Nix da. Der Rußlanddeutsche freut sich über sein Auto, zieht den Mädchen auch mal Röckchen an, trinkt und kann feiern bis zum Abwinken, zieht sich als Besucher die Schuhe aus und latscht nicht, wie der Deutsche, mit seinen Drecksschuhen durch die Wohnung und – wenn man ihn braucht – ist er hilfreich und unkompliziert zur Stelle.

    Kurzum: Die idealen Nachbarn und Freunde.

  2. n.reher sagt:

    Hervorragender Beitrag, sehr verständliche Darstellung, Liana, gratuliere! Ich gehe viel mit Russlanddeutschen um und mag sie sehr, vor allem ihre Gradlinigkeit, ihre echte Herzlichkeit und ihre tiefe Verbundenheit mit ihrer neuen alten Heimat!