Ist die APOLLO-Titelbilddame sexistisch? Müssen wir gecancelt werden?

 

Von Elisa David | Unsere letzte Edition ist nicht zu übersehen, wenn man auf unsere Apollo-Website klickt, also kennt ihr unsere Titelbilddame bereits. Ja, ich muss zugeben, diese Ausgabe ist sie doch etwas provokativer geraten als sonst. In der Vergangenheit haben wir sie noch von Ökos auf einer Rikscha herumkutschieren lassen, oder sie war die Femme Fatale der Apokalypse, einmal hat sie eine Reihe von Politikern mit Bananenschalen zum Fall gebracht. 

Dieses Mal beugt sie sich in zehn Zentimeter High Heels, in einer Pose, die ihre Beine unmenschlich schlangenartig verbiegt, sexy nach unten, um mit ihrem kleinen Staubwedel etwas unter den Teppich zu kehren. Nicht zu vergessen die altmodische Putzfrauenuniform, die selbstsamerweise perfekt ihr Hinterteil zur Schau stellt und die Schürze, die sie vor absolut gar nichts schützt. Sie hat sich für ihre Tätigkeit als effektive Putzfrau nicht etwa die Haare nach hinten gebunden (ihre Frisur sitzt trotzdem perfekt). Und trotz dieser doch sehr akrobatischen Pose schafft sie es irgendwie noch hochzuschauen und dem Leser verführerisch zuzuzwinkern. Sie muss scheinbar nicht nicht mal hingucken, wenn sie gerade irgendwas wedelt. 

Tja. Ist das ein realistisches Frauenbild? Nö. Vielleicht denkt sich der ein oder andere: Welcher bekloppte spätpupertäre Bengel hat denn das bitte gezeichnet? Denjenigen muss ich enttäuschen, denn alle gezeichneten Bilder von Frauen in zu kurzer Kleidung die ihr so auf Apollo zu sehen bekommt, stammen nur von mir. 

Wir haben vermehrt Kommentare und Zuschriften von Leuten bekommen, die uns wegen unserer Putzlady ein sexistisches Weltbild vorwarfen und deshalb wollte ich das gerne noch mal gesagt haben: Hinter diesen Zeichnungen steckt eine junge Frau. Aber ich will es mir auch nicht zu einfach machen und Sexismusvorwürfe wegwischen mit dem einfallslosen Argument „Ich bin eine Frau, ich kann nicht sexistisch sein.“ Denn erstens stimmt das so nicht ganz, das könnte ich sehr wohl und zweitens steckt hinter diesen Zeichnungen mehr als nur das. 

Das BILD-Seite-1-Girl nur besser

Ich will jetzt auch nicht so tun, als wäre eine halbnackte Frau ein feministischer Akt und als würde ich das aus frauenrechtlichen Beweggründen zeichnen. Aber sexistisch ist sie auch wieder nicht. Unsere Zeitung richtet sich an junge Leute. Und junge Leute stehen auf sowas, ich stehe auf sowas. Es ist provokativ, es ist frech, man schaut zweimal hin. Es ist das BILD Seite 1 Girl nur besser. Erstens, weil sich bei uns keine echte Frau ausziehen muss – was aber andererseits schon Arbeitsplätze kostest, wenn ich so drüber nachdenke – und weil unsere Damen tatsächlich Witz haben. In jedem Bild steckt stundenlange Arbeit, von der Planung, über das Zeichnen selbst, bis hin zum Design der Überschrift. Das ist mit mein liebster Teil an dem Schaffungsprozess unserer Editonen. Ich kann meinen persönlichen Sinn für Ästethik und Mode und mein Interesse an Politik vereinen.

Am Ende kommt eine Karikatur dabei raus, die von jedem einzigen Detail her so realitätsfern ist, dass man doch nicht ernsthaft irgendwas da rauslesen kann. Unsere Apokalypsenlady trägt eine Lederbaskenmütze passend zur Gasmaske, im Hintergrund geht eine Atombombe hoch. Unsere Putzfrau rennt in Stöckelschuhen rum. Desto provokanter die Zeichnung, desto mehr strotzt sie doch nur so von Sarkasmus. Sicher, am Ende ist da eine ästethisch gezeichnete Dame in kurzem Röckchen und sexy Pose. Aber warum sollte ich als junge Frau auch extra hässlich und gegen meinen Stil zeichnen, nur damit am Ende eine typischere Kariktur rauskommt, über die sich die Leute aber genauso aufregen würden. 

Am Ende kommt eine Karikatur dabei raus, die von jedem einzigen Detail her so realitätsfern ist, dass man doch nicht ernsthaft irgendwas da rauslesen kann.


Als ich Apollo übernommen habe, war die Seite vorwiegend von Jungs designt worden. Das Ergebnis: grafische Raketen überall, alles eckig und kantig, keinerlei Kurven. Ich habe da ein weibliches Element reingebracht, das das ausgleichen soll. Etwas mehr Ästethik und Eleganz im Kontrast zu der
  quadratischen Abgeklärtheit der Jungs.

Artikel sind eine schöne und wichtige Form um Gedanken auszudrücken, unsere Autoren geben sich reichlich Mühe immer wieder kreative Ideen zu haben, neue Gedanken, komplexe Theorien über Gott und die Welt. Und ja, die eine oder andere Statistik ist auch nicht schlecht. Doch es gibt einfach Dinge, die kann man nicht erklären. Und dann zieht es mich zu diesem Ur-Instinkt meines Kindergarten -Ichs, das einen Stift in die Hand genommen und einfach gezeichnet hat. Dann entsteht unsere Titeldame, die das Thema der Edition und die Artikel untereinander auf ein konkretes Bild zusammenfasst. Und dieses Bild ist mal kein langweiliges Symbolfoto von Pixabay, das vor uns schon zehn andere Blogs verwendet haben und das nur so schreit: „Wir sind zwar auf dem Papier jung, aber im Herzen sind wir  Boomer und wir interessieren uns auch privat sehr für die Geldpolitik der EZB“. Nein, wir interessieren uns AUCH für die Geldpolitik der EZB, aber auf andere Weise. 

Eine Jurastudentin, eine Medizinstudentin und eine Psychologiestudentin 

Man kann jetzt natürlich eh noch die Frage stellen, was an Frauen als Putzfrau oder Hausfrau denn so schlimm ist, es ist doch jetzt nicht so, als könnten wir als Gesellschaft auf Reinigungskräfte verzichten. Und wenn eine Frau gerne Hausfrau sein will, soll man sie dann zwingen was anderes zu machen? Aber gut, ich verstehe schon was die Kritiker meinen – es geht darum, dass Frauen nicht NUR zu Hausfrauen oder Putzfrauen taugen. Da möchte ich auf unsere Redaktionsaufstellung verweisen. 

Aktuell wird unsere Redaktion vorwiegend von Frauen geschmissen: meine Wenigkeit die Chefredakteurin (Jurastudentin), Larissa Fußer (Medizinstudentin) die stellvertretende Geschäftsführerin und die Einzige, die den Überblick über alles organisatorische behalten kann – fragt mich nicht wie sie das schafft, ich glaube sie kann zaubern – und Pauline Schwarz (Psycholgiestudentin), euch wahrscheinlich bekannt als unser Talkshowgesicht und ebenfalls unverzichtbarer Teil unserer Redaktion. Ich glaube wir sind eher nicht so Typen von Frauen die unterdrücktes Hausweibchen ausstrahlen. 

Also um das ganze hier mal abzubinden: Ich denke worauf ich hinaus will, ist, dass eben weil unsere Dame – so wird sie übrigens auch redaktionsintern sehr respektvoll genannt, wie ich nochmal anmerken will – so viele sexistische Stereotypen verkörpert, ist sie  nicht sexistisch. Wer nur an den offensichtlichen Rastern von: unrealistische Maaße, langes Haar, lange Wimpern, verführerische Pose festhängt, versteht gar nicht, was sie eigentlich gerade macht. 

Eben weil unsere Dame so viele sexistische Stereotypen verkörpert, ist sie gerade nicht sexistisch.


Denn dieses ganze Zeit über, kehrt sie etwas unter dem Teppich hervor (Auch wenn ich die genauere Interpretation dem Auge des Betrachters überlassen möchte). Sie ist gerade dabei etwas aufzudecken, sie macht sauber, sie ist eben eine Putzfrau, das ist ihr Job. Darum übrigens auch die Uniform. Wenn ihr euch erinnert, haben wir von Apollo mit dem Wahlbetrug bei der Berlinwahl auch etwas aufgedeckt, was ziemlich großes sogar. Die Edition, für die unser Putzprofi das Titelgesicht ist, dreht sich komplett um dieses Thema: welche Skandale liegen so offen da, dass man eigentlich nur den Teppich hochheben muss? So gesehen setzten wir unsere Tätigkeit als Journalisten mit der Tätigkeit einer Putzfrau gleich – was absolut bescheuert wäre, wenn die Putzfrau aus sexistischen Gründen gezeichnet worden wäre. Da hätten unsere Kritiker auch drauf kommen können – aber die waren zu sehr mit dem Po einer Zeichnung beschäftigt.

6 Antworten

  1. Katharina sagt:

    Liebe Elisa, bloß nicht aufhören zu zeichnen. Die Leute, die hier meckern haben ihren Geschmack, den Humor u die Lust am Leben verloren – wahrscheinlich sollen wir uns alle unter einer Burka verstecken.
    Ich finde Euch klasse.

  2. Sofie sagt:

    Ich finde die Apollo-Titeldame super – sie hat Stil und kehrt nebenbei noch den ganzen Dreck ans Tageslicht.

  3. Thomas Marten sagt:

    Wie immer pointiert, treffsicher versenkt. Danke für Eure Arbeit.
    Mit freundlichen Grüßen
    Ein alter Boomer

  4. Cri sagt:

    Sehr gut! Auf den Punkt gebracht und gut geschrieben, Kompliment auch für die künstlerische Begabung! Weiter so gegen die träge Masse

  5. Schmiddi sagt:

    Bitte, liebes Apollo-Team: nicht das Cover-Girl abschaffen! Wer das sexistisch findet, soll halt die Apotheken-Umschau lesen.

  6. Martin Hahn sagt:

    Liebe Elisa David,

    mir gefällt eure Titelbilddame. Perfekt gezeichnet, originell und nett anzuschauen. Sexistisch? Keine Ahnung, ist mir ehrlich gesagt auch egal. Diese Diskussion geht mir am Allerwertesten vorbei. Ich bin ein alter weißer Mann, auch noch hetero (wie furchtbar), ich darf das sagen.
    Und von mir als Apollo-Leser der ersten Stunde an die komplette Redaktion: Bitte macht weiter so. Ihr seid ein echter Lichtblick in diesen ungemütlichen Zeiten, Vorbilder für Eure ansonsten oft so verblendete Generation. Wobei ich zugeben muss, die Alten sind meist auch nicht besser.