Interview mit Manfred Haferburg: Die ewige Angst vor dem Atompilz

Von Luca Tannek | Manfred Haferburg ist Ingenieur und hat Kernergetik an der TU Dresden studiert. Er war Schichtleiter im zu dem Zeitpunkt größten Kernkraftwerk in Greifswald. Früh geriet er ins Visier der Stasi – nach einem gescheiterten Versuch der „Republikflucht“ wurde er in Hohenschönhausen inhaftiert. 
Nach der Wiedervereinigung zog es Manfred Haferburg nach Paris, von wo aus er weltweit Kernkraftwerke im Bereich der nuklearen Sicherheit berät. Er kennt sich also aus. 


Apollo News: Wieso haben Sie sich für ein Studium der Kernergetik entschieden?

Manfred Haferburg: Ich bin in der DDR aufgewachsen und habe dort zuerst in einem Kohlekraftwerk gearbeitet. Anschließend kam mir in den Sinn, ein Studium der Kernergetik an der TU Dresden aufzunehmen. Mathe und Physik lag mir schon immer und Kernenergie war in der DDR durchaus gefragt.

AN: In Deutschland gibt es heute eine große Abneigung gegen Kernkraftwerke. Vor allem ist man der Meinung, dass gebrauchte Brennstäbe gefährlich sind. Ist diese Angst rational?

MH: Die Kernbrennstäbe, die im Grunde nichts weiter als Isotopengemische sind, müssen natürlich nach entsprechenden Sicherheitsvorschriften gelagert werden. Oft wird behauptet, dass der Atommüll erst nach mehreren Millionen Jahren abgebaut ist. Das ist aber eine völlig irrationale Angst, da dieses Narrativ einerseits falsch ist und andererseits enorme Fortschritte in Forschung und Entwicklung bei Kernkraftreaktoren gemacht wurden. Ebenso sei gesagt: bei Kernkraft kam es in 15.000 Reaktorjahren insgesamt nur zweimal zu ernsthaften Unfällen. Und auch statistisch gesehen ist Kernenergie die sicherste Energiegewinnung. Es sterben pro Terrawattstunde nur 0,09 Menschen, bei Wind-, Solar- und Wasserkraft liegt der Wert bei zwei Toten pro Terrawattstunde.

AN: Wie ich mitbekommen habe, wird vor allem an der Dualfluid-Technologie geforscht, mit der es möglich ist, aus gebrauchten Kernbrennstäben Energie zu gewinnen. Diese Technologie wäre doch ein Knockout des Angst schürenden Endlager-Narrativs. Wie fortgeschritten ist diese Technologie?

MH: Ja, an dieser Reaktor-Technologie wird eifrig geforscht. Und die Grundsteine wurden sogar in Deutschland gelegt. Leider hält die Politik vor lauter Angst nicht viel von Kernkraft und deshalb sind Unternehmer und Ingenieure nach Kanada abgewandert. Ein Dual-Fluid-Reaktor hat einen Wirkungsgrad von 99% und Brennstäbe, wie bei klassischen Reaktoren, benötigt er nicht. Mit diesem neuen Typ könnte Deutschland seinen Atommüll wiederverwenden und die nächsten 300 Jahre seinen Strom beziehen. Ebenso ist der Dual Fluid eine Innovation in Sachen Sicherheit. Ein Kernschmelze kann nicht mehr stattfinden, da diese bereits im Reaktor stattgefunden hat. Bisher ist die Technologie so weit ausgereift, dass in spätestens fünf Jahren der erste Demonstrationsreaktor gebaut werden soll. Hierfür wird in Kanada noch ein Genehmigungsstandort gesucht – was nicht immer leicht ist. Nichtsdestotrotz bin ich zuversichtlich.

AN: Man möchte diese neue Technologie in Deutschland nicht fördern. Das ist doch auf internationaler Ebene ein enormer Wettbewerbsverlust?

MH: Definitiv. Das wird man aber in Deutschland erst feststellen, wenn es zu spät ist. Es existiert fast schon ein Forschungsverbot, wenn es um Kernkraft geht.

AN: Sind die Katastrophen von Fukushima und Tschernobyl einzig und allein darauf zurückzuführen, dass sie mit Uran betrieben wurden oder haben diese Unglücke andere Ursachen (z.B. schlechte Wartung)?

MH: In Tschernobyl war das Problem, dass der Reaktor ursprünglich eine militärische Funktion hatte. Er war nie für zivile Stromerzeugung geeignet. Des Weiteren hatte der Sicherheitsaspekt für die Sowjets nur eine untergeordnete Rolle. Es wurden etliche Sicherheits- und Betriebsvorschriften missachtet, da in erster Linie Strom produziert werden sollte. Man kann die Instandhaltung mit westlichen Standards nicht vergleichen.
Das Unglück von Fukushima hatte andere Ursachen. Das Kernkraftwerk hätte nämlich nicht so nah am Wasser gebaut werden dürfen, die Japaner wussten von einer potentiellen Tsunami-Gefahr. Zusätzlich sind bei der japanischen Sicherheitskultur, aufgrund von Isolation, ehebliche Lücken entstanden. Unglücklicherweise brach das Erdbeben aus und sorgte für eine Katastrophe.

AN: Was meinen Sie mit Isolation?

MH: Japan hatte sich zunehmend von der internationalen Forschung abgeschottet. Man kommunizierte wenig auf internationaler Ebene. Die Anlagen waren nicht mehr auf dem neuesten Stand der Technik.

AN: Grüne und Klimaaktivisten sprechen sehr oft von der „Atom-Lobby“, die ihrer Ansicht nach in Deutschland stark vertreten ist. Dabei handelt die Politik eher zum Vorteil von Solar und Windkraftunternehmen. Ist das seitens der Grünen Populismus?

MH: Damals, als Atomkraft noch gefördert wurde, konnte man von einer „Atom-Lobby“ mit Einfluss sprechen. Parteien wie die SPD haben in ihrer Regierungszeit Kernkraft unterstützt, in der DDR war Kernkraft sogar Staatsräson. Heute aber haben Lobbygruppen für Wind- und Solarenergie enorme Macht. Ihre Projekte werden stark subventioniert (siehe EEG-Umlage). Wissenschaftler und Ingenieure schönen ihre Zahlen solange, bis sie politisch opportun sind. Auffällig sind die Resultate nach zehn Jahre langer – und vor allem intensiver – Förderung von regenerativen Energien: die Frequenz der Stromerzeugung ist höchst volatil und eine Kilowattstunde ist in der EU am teuersten.

AN: Wenn man sich der Unzuverlässigkeit von Wind- und Solaranlagen bewusst wird, sollte man doch eher Angst vor Engpässen in der Stromversorgung haben, als vor einer nuklearen Umweltkatastrophe. Wieso nehmen die Leitmedien dieses Problem kaum unter die Lupe?

MH: In Deutschland ist man völlig ideologisiert. Viele Journalisten haben keine Ahnung von Physik und Ökonomie und beten nur das gängige Narrativ nach. Wind- und Solarkraft ist für sie das Ideal einer CO2-freien Energiegewinnung. Dabei beträgt die Arbeitsverfügbarkeit der installierten Leistung bei Windkraft nur 20%, bei Solarkraft gerade einmal 5%. Und weil Wind und Sonne, anders als bei Uran, nicht konstant verfügbar sind, fluktuiert die Primärenergieversorgung. Aber in den Leitmedien und der Politik ist man größtenteils zu verbohrt, um diese Fakten anzusprechen. In Deutschland regiert man gerne mit unbegründeter Angst und übertüncht reale Risiken.

AN: Kann diese Volatilität zu einem Blackout führen?

MH: Ja, kann sie. Das Stromnetz ist ein sehr sensibles Gebilde und ist auf Kontinuität angewiesen. Die Frequenz liegt bei 50 Hertz. Angenommen die Frequenz würde nur um 0,20 Hertz auf 49,80 Hertz sinken, dann müsste man stromintensive Anlagen (z.B. Chemie-Industrie) phasenweise abschalten, um die generelle Stromversorgung zu gewährleisten. Ich habe das Gefühl, dass man sich in Deutschland diesem Risiko nicht wirklich bewusst ist. Sollte ein Blackout passieren, ist das alles andere als ein kuschliges Miteinander im Kerzenschein. Nach wenigen Tagen ohne Strom, gibt es etliche Tote.

AN: Das klingt dystopisch.

MH: Es ist auch dystopisch. Die letzten drei Kernkraftwerke, die Deutschland noch betreibt, sollten keinesfalls abgeschaltet werden. Sie sind zuverlässig, sicher und sorgen für Stabilität.

AN: Es gibt Medienberichten zufolge ein Atomkraftwerk – auch Schrottreaktor genannt – in Belgien, das angeblich in sehr schlechtem Zustand ist. Muss man Angst vor einem Unfall haben oder wäre das übertrieben?

MH: Es ist dieselbe Masche wir vorhin erwähnt. Man schürt absichtlich Angst, um eine Art Phobie bei den Bürgern zu entwickeln. Alleine das Wort „Schrottreaktor“ ist völlig unangebracht. Es gibt keine Schrottreaktoren. Belgien ist nicht isoliert und betreibt intakte und sichere Kernkraftwerke.

AN: Glauben Sie an eine Rückkehr der Atomkraft nach Deutschland?

MH: Da bin ich ehrlich gesagt sehr pessimistisch. Die Ideologie „Anti-Atomkraft“ sitzt zu fest in den Köpfen der Menschen. Unternehmen, die Kernkraftwerke bauen möchten, brauchen ein politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich stabiles Umfeld. Da sehe ich schwarz für Deutschland.

AN: Ich bedanke mich für Ihre Zeit.