Ich sehe was, was du nicht siehst – und das: ist gelb, stinkt und zieht Dealer an

Von Selma Green | Quietschende Reifen, genervte Autofahrer und überhebliche Fahrradfahrer, die den Weg versperren – die grünen Punkte auf der Bergmannstraße in Berlin-Kreuzberg haben ihrer Zeit für Verwirrung gesorgt. Sie waren ein Teil des Projektes: die Bergmannstraße als Begegnungszone. Die Bergmannstraße wurde Ende 2016 – ohne die Einbeziehung der Anwohner – umgestaltet. Dazu gehörten die grünen Punkte, Zebrastreifen, rot-weiße Poller und Parklets. Diese Parklets, grenzend am Fußgängerweg und in die Straße einschneidend, bestanden aus einem trapezförmigen Untergrund. Dieser war zur Straße hin umzäunt. Barstühle und -tische aus Stahl und Holz boten eine Sitzmöglichkeit. Dazu gab es breite Bänke.

Im Sinne einer “bunteren Umwelt” wurde für einen gelben Anstrich der Parklets und eingebaute Pflanzentöpfe gesorgt. Die vielen Pflanzen sollten wahrscheinlich verhindern, dass die Anwohner an zu viel CO2 der “bösen Dieselautos” ersticken. Die 17 Parklets waren auf der 550 Meter langen Bergmannstraße verteilt. Das heißt, alle ca. 60 Meter gab es zwei solcher Parklets (auf jeder Straßenseite eins). Ich bin vielleicht kein Forrest Gump, aber alle 60 Meter muss ich mich nun auch nicht hinsetzten.

Der Zweck der Parklets war das Schaffen eines “sozialen Miteinanders”. So ein “soziales Miteinander” kostete 1,6 Millionen Euro und ca. 68 Anwohnerparkplätze. Dazu erfüllte dieses Pilotprojekt nicht ganz seinen eigentlichen Nutzen… Denn der stechende Geruch von Alkohol und – entschuldigt – Pisse erfüllte die Luft der Bergmannstraße, da sich überwiegend Obdachlose auf den Parklets angesiedelt hatten. Aber gut, wenigstens mussten sie nicht mehr zum Betteln auf dem Bürgersteig sitzen. Die Müllabfuhr hatte dafür auch so ihre Probleme mit den sperrigen Parklets. Aber weil probieren ja bekanntlich über Studieren geht, habe ich sie doch einmal getestet. Wer weiß, vielleicht bietet es auch eine Gelegenheit zum Sonnen? Naja das Einzige, das einem dort Bräune verschaffte, waren die Abgase der Autos. Dann halt etwas quatschen.

Ich musste feststellen, dass man sich beim Lärm der Autos selbst kaum versteht. Wenigstens ein guter Ort, um mal mit einem Liebhaber Schluss zu machen. Ansonsten fand ich keinen weiteren Vorteil an diesen Parklets. Im Sommer war der Stahl der Stühle zu heiß und im Winter zu kalt zum Sitzen. Die angebauten Blumen nahmen eine braune Farbe an. Nur ein mir unbekanntes Kraut wuchs völlig unbeirrt – fast so, als würde sich jemand sorgfältig und liebevoll um dieses interessante Kraut kümmern. Das Gewächs sah seltsam aus, fast wie die Heilkräuter von Alchemisten aus Filmen. Und meine Vermutungen lagen gar nicht mal so falsch: das Kraut hat tatsächlich gewisse heilende Kräfte… zumindest auf die kreuzberger Kiffer-Gemeinschaft. Denn die Kräuter, die auf den Parklets so schön gedeihten, waren nichts anderes, als 225 Jungpflanzen Cannabis. Also hatten die Parklets doch einen gewissen sozialen Nutzen.

Da die grünen Punkte zu mehr Stau, sogar fast zu Unfällen führten und die Anwohner nicht sehr zufrieden mit der neuen Gestaltung waren, wurden die Parklets sowie die die grünen Punkte im September 2019 entfernt. Happy End? Nicht für jeden. Denn der Abbau der Parklets erzeugte Freude bei den einen, dafür aber umso mehr schmerzhafte Gefühle bei den anderen. So begleiteten sieben Menschen, in schwarzer Kleidung, den Abbau des ersten Parklets. Natürlich durfte kein Grablicht fehlen, sowie sieben weiße Blumen. Passend dazu regnete es, und die Menschen blickten trauernd auf eine Sitzfläche des Parklets. Das erinnerte mich ein wenig an mich als Kleinkind, wenn ich den Tod einer Biene, auf die ich aus Versehen getreten bin, begleitet habe. Nur, dass es in diesem Fall Erwachsene waren, die einem Möbelstück nachtrauerten.

Wie dem auch sei, das Projekt “Bergmannstraße als Begegnungszone” war eine unnötige Geldverschwendung und ist gescheitert. Eine Millionen Euro Steuergelder mal so eben für Cannabisblumentöpfe drauf gegangen. Man könnte daraus lernen und das Geld in etwas Realistisches stecken – wie in Schulen investieren, anstatt nur in grüne Utopien. Doch wir reden hier immer noch von Kreuzberg und der Wahnsinn ist noch nicht zu Ende. Es wird nämlich ein neues Projekt gestartet, welches 2022 umgesetzt werden soll. Ich präsentiere: die Bergmannstraße als Fußgänger- und Radfahrzone. Dieses Pilotprojekt sorgt für eine komplett autofreie Straße und kostet ganze elf Millionen Euro. Im September 2020 wurde das Projekt vom Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg beschlossen. Nach einem Informationsschreiben der Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann, sollen 2021 zuerst die verkehrlichen Maßnahmen getroffen werden. Dazu gehören Tempo 20 Zonen, Fußgänger- und Fahrradstraßen. Ende 2021 beginnt ein “freiraumplanerischer Wettbewerb”.

Genauer gesagt ist es ein Architektenwettbewerb, der zu einem optimalen Entwurf zur Gestaltung der Bergmannstrasse führen soll. Nach dem Wettbewerb startet 2022 die Umgestaltung. Die Bergmannstrasse wird zu einem riesiges Blocksystem umfunktioniert. Alle angrenzenden Straßen sollen Einbahnstraßen werden. Es werden bis zu 190 Anwohnerparkplätze wegfallen. Dem Lieferverkehr wird eine Zufahrt zwischen 6 und 11 Uhr angeboten. Nach der aktuellen Vorstellung soll die Straße aus einem 4,6 Meter breiten Fahrradweg und einem 6 Meter breiten Fußgängerweg bestehen. Dazu soll Wasser bspw. in Form von Kanälen in die Straße mit eingeplant werden. Wer weiß, vielleicht gibt es einen weiteren Konkurrenten bei der längsten kreuzberger “Pissrinne”. Das Wasser soll auch ein Heim für Insekten bieten. Damit auch die Bienen ein Zuhause haben und sich vor meinen Füßen retten können. Daneben ist derzeit ein Spielbereich für Kinder geplant – als ob die Bergmannstrasse das nicht schon ist: eine Spielwiese für große Kinder.

Vor Allem stört mich, dass die größenwahnsinnigen Fahrradfahrer durch einen extra breiten Fahrradweg und eine autofreie Straße unterstützt werden. Die Fahrradfahrer sind für mich im Verkehr oft eine größere Gefahr als die Autos. Zum Einen, weil sie so schnell an mir vorbei schießen, ohne dass sie sich vorher bemerkbar machen. Zum Anderen weil sie dabei immer den kleinstmöglichen Spalt zwischen mir und den Autos wählen. Dazu ist es nicht selten, dass sie sich durch Kopfhörer völlig vom Verkehrslärm abschirmen und nichts mehr mitbekommen. So lernte ich: Der größte Feind des Fahrradfahrers ist der Fahrradfahrer.

Es gibt viele Ideen zum Projekt “Bergmannstrasse als Fußgängerzone”, aber die genaue Gestaltung ist noch nicht festgelegt. Die eben genannten Aspekte sollen aber mit eingebracht werden. Klar ist auch, dass die Bergmannstrasse und im nächsten Schritt der ganze Kiez zur verkehrsberuhigten Zone werden soll. Ich lebe jetzt seit 15 Jahren in diesem grün regierten Bezirk und habe bei vielen linken Pilotprojekten das Versuchskaninchen gespielt. Mitzubekommen, wie wieder einmal diese erwachsenen Kinder versuchen, ihre verdrehten Vorstellungen zu verwirklichen, nervt auf Dauer und macht mich wütend.

Nun ja, als 15-Jährige ist es vielleicht ungewöhnlich, Erwachsene wie Kinder zu betrachten, ich bin ja eigentlich selber noch ein Kind. Aber aus meinen Erfahrungen mit manchen grünen Erwachsenen ist es schwer, diese noch ernst zu nehmen. Das ist vergleichbar mit meinem 4-jährigen Ich, dass sich immer ein Pony wünschte. Natürlich habe ich so ein Pony nur mit Füttern und Reitengehen verbunden. Spätestens jetzt weiß ich, dass ein Pony mehr Arbeit macht, als ich dachte. Aber die meisten grünen Erwachsenen kaufen sich immernoch einfach “das Pony” ohne die möglichen Folgen vorher zu überdenken.