Liberal, trotz alledem – eine Leidensgeschichte

Von Jonas Aston | Liberal, was ist das eigentlich? Liberal ist zu einem Wort der absoluten Beliebigkeit verkommen. Jeder hält sich irgendwie für liberal – und sei es in der Drogenpolitik oder beim Thema Einwanderung. Für mich gehören die Begriffe Liberalismus und Freiheit untrennbar zusammen. Ich bin Liberaler, weil ich die Freiheit liebe und sie für mich das höchste Gut allen Handelns ist. Für die Freiheit gibt es aber mindestens so viele Definitionen wie für den Liberalismus.

Das letzte Mal richtig frei gefühlt habe ich mich an meinem 18. Geburtstag. Zahlreiche Regeln waren für mich plötzlich nicht mehr existent. Ich kam ich auf jede Party und in jeden Club. Ich durfte (im wahrsten Sinne des Wortes) Alkohol kaufen bis zum Umfallen – und ohne Begleitung Autofahren, so lange bis mich mein Reservetank im Stich gelassen hat.

Freiheit bedeutet für mich, sich nicht von außen einschränken lassen zu müssen. Meine Familie ist in der DDR aufgewachsen. Von ihnen kenne ich zahlreiche Geschichten, wie staatliche Repression Freiheiten einschränkte. Meine Mutter durfte nicht studieren, da sie von der „Intelligenz“ (von Akademikern) abstammte. Meine Oma, eine Lehrerin, erzählte mir, wie eine ihrer Kolleginnen vor den Augen der Schüler von der Stasi abgeführt und zur politischen Gefangenen wurde. Sie nutzte Unterrichtsmaterialien aus dem Westen. Mein Opa verzichtete auf unzählige berufliche Vorteile, da er sich partout weigerte, als Spitzel für die Stasi zu agieren. Über Politik wurde außerhalb des Verwandtenkreises und engster Freunde nicht gesprochen – aus Angst, man könne auf Staatskonforme treffen.

An meiner Uni habe ich zunehmend die Sorge, dass sich meine Impfentscheidung negativ auf meine Noten auswirkt.

Nach Rosa Luxemburg ist Freiheit „die Freiheit der Andersdenkenden“. Ich würde dabei noch weiter gehen. Freiheit ist nicht nur die Freiheit der Andersdenkenden, sondern auch die Freiheit der Andersentscheidenden. An meiner Uni habe ich zunehmend die Sorge, dass sich meine Impfentscheidung negativ auf meine Noten auswirkt. Ein Dozent, bei dem ich eine Prüfung und eine Seminararbeit schreibe, verkündete uns inbrünstig, dass er geimpft sei – und bemerkte augenzwinkernd, dass er uns zwar nicht nach unserem Impfstatus abfragen dürfe, er sich aber sicher sei, es mit „vernünftigen Menschen“ zu tun zu haben. Dabei schaute er uns durchdringend an. Um mich nicht gleich ins Abseits zu schießen, nickte ich pflichtschuldig. Wenige Tage später lief er ausgerechnet an dem Testzentrum vorbei, an welchem ich gerade auf mein Testergebnis wartete. Der Maske sei Dank bemerkte er mich jedoch nicht. Andernfalls hätte ich mir eine gute Note in dem Seminar wohl abschminken können. Freiheit ist für mich auch das Recht darauf, sich nicht verstellen zu müssen.

Der Liberalismus sucht die Gleichheit nur in der Freiheit, er erstrebt die Gleichheit vor dem Gesetz. Der Autoritarismus ersucht die Gleichheit im Zwang und in der Knechtung. Hier gilt der Mensch als frei, wenn er gleich ist. Der Mensch ist jedoch verschieden und dieser Individualität muss man Raum geben. Der Autoritarismus spricht dem Individuum seinen Eigenwert ab und erklärt es zum Funktionär der Gesellschaft. Der Liberalismus garantiert ihm die freie Entfaltung der Persönlichkeit. Deswegen bin ich liberal.

 

2 Antworten

  1. Uwe Meyer sagt:

    “Der Liberalismus sucht die Gleichheit nur in der Freiheit, er erstrebt die Gleichheit vor dem Gesetz.”
    Lieber Jonas Aston, so ist es !
    Danke für Ihren Artikel, der Hoffnung macht, das es noch echte Liberale gibt.
    Beste Grüße

  2. Heinz Schmidt sagt:

    Ein schöner Text! Und immer wieder wichtig, an die DDR zu erinnern, in der Liberalismus und Individualismus Schimpfwörter waren! Ist ja heute auch wieder so – dank Corona-Wahnsinn …