Hauptstadtgöre vs. Dorfprolet – Runde III

Lesen Sie hier: Das große Debattenduell. Soja-Latte-Pauline und Mistgabel-Jonas steigen wieder in den Ring – und tragen den Stadt-Land-Konflikt auf der virtuellen Bühne aus. Für wen fiebert ihr in Runde drei mit: Team Kuhkaff oder Team Assikiez? 

ACHTUNG: Dieser Beitrag könnte Spuren von Humor, Satire und Klischees enthalten. Keine Dorfproleten oder Hauptstadtgören wurden bei der Produktion dieser Kolumne ernsthaft verletzt. Dieser Austausch spiegelt in keiner Weise das Arbeitsklima bei Apollo News wieder, sondern dient schlichtweg Unterhaltungs- und Ausbildungszwecken. Seelsorgerische Unterstützung stand den Autoren zu jeder Zeit zur Verfügung.


Disco-Pogo in der Kuhscheune? – Nein, danke.

Von Pauline Schwarz | Wenn unser Apollo-Dorfprolet nicht grade gegen Städter hetzt, lässt er es sich da draußen auf dem Thüringer Ländle richtig gut gehen: er liegt auf grünen Wiesen, umgeben von prachtvollen Wäldern und genießt die Stille. Wenn es nach Jonas geht, dann ist im besten Fall weit und breit kein Mensch in Sicht – dann gibt es nur ihn, seine Mistgabel und den süßen Duft nach frischer Schafskotze. Sollte ihn aber doch mal der Wunsch nach etwas mehr Action, fernab vom täglichen Kampf mit dem örtlichen Keiler packen, hat der Jonas ein Problem. Was zur Hölle tut man in der dörflichen Einöde, wenn alle Ställe ausgemistet, alle Heuballen gerollt und der Henne Gerda erfolgreich alle Eier unterm Hintern weggemobst wurden? Und vor allem: Was macht ein 21-jähriger Kerl wie Jonas, wenn er abends mal mehr will als die Zapfanlage seines Vaters leer zu trinken und seinem Spiegelbild zu zuprosten?

Die Möglichkeiten sind begrenzt. Vor allem wenn wir davon ausgehen, dass der Jonas nicht nur das nächste Bierfass erobern will, sondern auch die ein oder andere Dorfschönheit. Im Kuh-Kaff meines Apollo-Kollegen gibt es dreihundert Einwohner – wie viele davon sind wohl ein guter Grund die Mistgabel fallen zu lassen und in ein schickes Hemd zu schlüpfen? Wenn wir davon ausgehen, dass dreiviertel der Leute entweder auf die Senilität zusteuern oder noch in die Windel pupsen, bleiben vielleicht so um die 70-75 junge Leute übrig (ist jetzt nur so ne Schätzung, ist bestimmt noch zu nett). Abzüglich Geschlechtsgenossen, zu jungen, zu alten und Damen, denen man das Charakteristikum „Gesichtsgulasch“ zuordnen könnte, kann Jonas die potentiellen Abend-Eroberungen wahrscheinlich an zwei Händen abzählen – und viel Fluktuation hat´s da mitten im Nirgendwo auch nicht grade.

Als stolze Vertreterin der weiblichen Spezies sehe ich da ein Problem: Die zehn Weiber sind untereinander mit Sicherheit befreundet. Wenn eine von denen mit dem Jonas in der Dorfdisse geknutscht hat, erzählt die das den anderen weiter. Damit steigt die Hürde an die Nächste ranzukommen, denn Weiber teilen nicht so gerne. Aber selbst, wenn wir davon ausgehen würden, dass das keine der Damen juckt – was utopisch ist -, dann ist man spätestens nach ein paar Jahren Pubertät und feucht-fröhlichen Teeny-Partys einmal die Runde durch. Was macht man dann? Fängt man einfach wieder von vorne an? Kann ich mir nicht vorstellen, das klingt langweilig. Der Mann ist doch ein Jäger und Sammler – der will neue, frische Beute und nicht an irgendwelchen alten Knochen knabbern. Also muss Jonas sein Jagdrevier wahrscheinlich auf die nächsten Käffer ausweiten.

Um nach Hintertupfingen und Kleinkleckersdorf zu gelangen, brauch man aber einen fahrbaren Untersatz und jede Menge Zeit. Und da kommen wir dann auch gleich zum nächsten Problem und zurück zur Debatte, dass das Dorfleben ja angeblich sooo viel ungefährlicher wäre als in der Stadt. Aber ne ne Jonas, mich kann´nste nicht austricksen: Es ist kein Geheimnis, dass hinter den sieben Bergen bei den sieben Bauerntölpeln eine Disko auf fünf Dörfer kommt – und auch nicht, in welchem Zustand ihr dann meint noch nachhause fahren zu können. Selbst in Berlin wurde uns mahnend das Bild von den weißen Kreuzen am Rande, von Bäumen umsäumter, ländlicher Alleen eingeprügelt. Ich weiß Berlin ist für dich so ungefähr das El Dorado der Hölle, aber: In Sachen „Don´t drink and drive“ wart ihr unser Abschreckungsbeispiel.

Ich geh jetzt einfach mal davon aus, dass der Jonas ein vernünftiger Kerl ist und sich hier positiv von seinen Artgenossen unterscheidet. Auch wenn die Story letztes vom Camping (apropos was macht der Dorfprolet in seiner Freizeit…) irgendwie ein anderes Licht auf ihn geworfen hat – was hat dir am nächsten Morgen nochmal alles gefehlt? Dein Portemonnaie, dein Handy und was noch, außer deiner Erinnerung…? Aber vergessen wir das wieder, war bestimmt nur die gierige Elster, der noch ein paar glitzernde Schmuckstücke für ihr Nest gefehlt haben. Ich stell mir also vor der Jonas kommt gesund, munter und zurechnungsfähig zur Dorfdisse – aber was findet er da vor? Die Disko besteht doch wahrscheinlich aus einem kleinen Raum im Keller irgendeines Kreisvorstandes, der den muffigen Laden mit ein paar bunten Lichtern und einer mehr oder weniger funktionstüchtigen Musikbox ausgestattet hat. Oder irre ich mich da?

Wenn du wirklich mal was erleben und ein bisschen Auswahl haben willst, bist du in Berlin immer herzlich willkommen. Zugegeben: Bei Läden wie dem Berghain, KitKat, Suicide Circus oder dem Watergate, habe ich manchmal das Gefühl man kann sich in Berlin zwischen Pest, Cholera, Ebola und den Affenpocken entscheiden, wenn man in einen Club gehen will. Aber hey: Berlin ist so groß, da kann man immer wieder was Neues entdecken und wenn man Glück hat, ist es manchmal sogar ganz nett. Und sollte man sich von all den Hipstern, Assis und sonstigen Gruselgestalten in der Berliner Club-Kultur mal überrollen lassen und temporär das klassische Ausgehen an den Nagel hängen, hat man in Berlin immer noch tausend andere Unterhaltungsmöglichkeiten. Bei uns wirst du immer ein Theater, ein Kino, irgendwelche Vortragsveranstaltungen, Straßenfeste, Märkte, Messen, ne Mofa-Rally oder ein Restaurant finden, wo du nachts um vier noch leckere Maultaschen oder ´ne Curry-Wurst serviert bekommst. Du kannst ja viel sagen, aber langweilig wird’s bei uns aber mit Garantie nie!


Lieber Garagenbier als Stadtaffen

Von Jonas Aston | Neulich habe ich mich wieder mit meiner Apollo-Kollegin und Hauptstadtgöre Pauline unterhalten. Sie schwärmte von irgendeiner Buchstaben+-Community und spuckte Worte wie „Diskriminierung“, „Patriarchat“ und „white Privileges“ aus. Beim Sprechen machte sie komische Klick-Laute und schwenkte eine Regenbogenfahne. Sie redete sich so lange in Rage, bis es mir sprichwörtlich zu bunt wurde. Mit viel Mühe gelang es mir endlich sie auf einer Sprache, die einst als Hochdeutsch bezeichnet wurde, zu beruhigen. Für einen Augenblick konnte ich sie auf den Boden der Tatsachen holen und normale Themen wie Feiern und Freizeitgestaltung anschneiden. Pauline erklärte mir stolz, dass sie regelmäßig die Großstadt unsicher mache.

Damit meinte sie jedoch nicht ihr Fahrrad, mit dem sie den Kudamm rauf- und runterbrettert – das kann sie nämlich oft nicht benutzen. Einmal berichtete sie davon, dass ein Nachbar direkt vor ihre Tretmühle sein Geschäft verrichtet hat. Aber da soll sie sich mal nicht so aufregen, immerhin war er so nett und hat das Fahrrad nicht geklaut – das soll in der Hauptstadt ja auch ab und an vorkommen. Nein, Pauline spielte vielmehr darauf an, dass sie regelmäßig Clubs besucht. Wenn Pauline also nicht gerade Regenbogenfahnen schwenkt oder „Unrat“ von ihrem Fahrrad kratzt, treibt sie sich in der Berliner Partyszene herum.

Der typische Ausgehabend muss bei Pauline wohl ungefähr so aussehen:  Es ist mitten im Sommer, den ganzen Tag scheint die Sonne und bis tief in die Nacht zeigt das Thermometer über 20 Grad an. Pauline wirft sich in Schale, macht sich die Haare, zieht sich ein Kleid an und trägt ihr teuerstes Parfüm auf. Die Partynacht kann beginnen und Pauline ist sich sicher: Heute wird sie endlich ihren Traumprinzen finden. Sie verabredet sich mit ihrer besten Freundin und besorgt sich beim Späti noch zwei Wegbier. Die Vorfreude ist riesig und die Spannung steigt mit jedem Schritt. Pauline weiß, dass an diesem Abend etwas in der Luft liegt. Jetzt sind es nur noch 5 Minuten Fußweg, bis sie endlich beim Club angekommen sind. Doch dann passiert es: BRRRUUUMMM. AMG-Achmad rast in der verkehrsberuhigten Zone mit 150 km/h an Pauline vorbei. Die Frisur ist zerstört und das Kleid zerknittert, aus Parfüm wurde Benzin und aus Rouge wurde Ruß. Der Abend ist gelaufen und Pauline muss weiter auf ihren Traumprinzen warten.

Auch wenn Paulines Abende zumeist so oder ähnlich ablaufen dürften, räume ich ja trotzdem ein, dass sie in Sachen Club-Kultur vielleicht knapp die Nase vorn haben könnte. Wenn man Masse statt Klasse bevorzugt, ist man in Berlin jedenfalls an der richtigen Adresse. Wer zum Beispiel asozial feiern und sich mit Drogen richtig zudröhnen will, der kann ins Berghain, ins Matrix oder in so ziemlich jeden anderen x-beliebigen Club in Berlin gehen. Aber Pauline zufolge gibt es auch einige wenige Clubs, die „wenn man Glück hat“ ganz nett seien. Und das nimmt sie natürlich direkt zum Anlass über unsere Dorfdissen herzuziehen.

Aber da sag ich dir nur eins Pauline: Noch fühlst du dich überlegen und hast laut zu lachen. Aber was machst du, wenn der Herbst anbricht und die Killervariante endgültig zuschlägt? Die Clubs werden dann leider leider schon bald wieder schließen müssen. Dann hat es sich ausgefeiert und du wirst ganz verloren in deiner Zwei-Zimmer-Wohnung sitzen. Dir bleibt nur noch die Dealer auf der Straße und die Regentropfen an der Fensterscheibe zu zählen. Und genau dann kommt meine Zeit. Während du in deinen vier Wänden versauerst, werden wir weiter unsere Partys feiern. Dafür braucht man erst einmal einige gute Freunde und Bier. Das bekommt man vielleicht sogar noch in Berlin hin. Daneben braucht es aber noch eine geräumige Garage und Nachbarn, die einen weder wegen Ruhestörung noch wegen Nichteinhaltens der Ausgangssperre anschwärzen. Und daran wirst du wohl scheitern.

Vielleicht bist du aber auch eine ganz mutige und wagst dich trotz der Ausgangssperre vor die Haustür. Verübeln könnte ich es dir nicht. Wer von uns ohne Sünde ist werfe den ersten Stein (aber bitte nicht auf einen Polizisten liebe Berlinerin). Aber wie dann weiter? Die Shisha-Bar um die Ecke hat mit Sicherheit geöffnet. Aber willst du dann wirklich mit bärtigen Männern über Gender-Sternchen und das Patriarchat debattieren? Möglicherweise beschließt du auch in einen Park zu gehen und ein bisschen zu raven – also zu elektronischer Musik völlig gestört herumzuhampeln. Kaum begonnen findet der Spaß aber schon nach kurzer Zeit sein trauriges Ende und der illegale Rave wird aufgelöst. Während du vor der Polizei wegrennst (bitte trotzdem keinen Stein schmeißen) sitzen wir in der Garage und machen uns das nächste Bier auf. Aus Mitleid stoßen wir sogar auf dich an.

4 Antworten

  1. Clara Schmied sagt:

    Eine sehr lustige Vorstellung, Pauline die Regenbogenfahne schwenken zu sehen… 😂😂😂
    Aber diesmal muss ich auch sagen: in Zeiten von Corona hat der Landbewohner die Nase vorn…

  2. Kara Brandt sagt:

    Ich freu mich immer über eure Battles! Und ich muss sagen, obwohl ich selbst Städterin bin, wird mir der ländliche Raum immer sympathischer! Die Partykultur in der Hauptstadt reizt mich jedenfalls nicht mehr so sehr.

  3. Cookie Monster sagt:

    „… und schwenkte eine Regenbogenfahne.“ – einfach gut 😂

  4. Wolfgang Schwarzbach sagt:

    Das Ganze könnte zwischen meiner Schwester und mir – Ihren Bruder – ablaufen.
    Nur, der Unterschied ist: Sie ist 71, ich bin 75, Sie lebt in Bln. ich inzwischen auf dem Dorf mit 400 Einwohnern. Nach etlichen Stationen auf dieser Welt kann ich sagen:
    Bln ist das Dorf, seine Bewohner intollerant, dumm, irgendwie inzestiös. Ihr lebt im tiefsten Brandenburg(Kuhbleeke), ich im tolleranten, ruhigen sauberen, voller herzlichkeit geprägten Grundstimmung seinen Mitmenschen gegenüber geprägten Breisgau und meide Berliner und will nie mehr zurück in meine Geburtsstadt. Wertbeständige Intelligenz, Innovative Atmosphäre, Gemeinsinn ist bei Berlinern sehr selten und eher bei den Zugereisten anzustreffen.
    Grüße aus der Gegenwart!