Geschichtsklitterung: Gysi soll bei Gedenkfeier für friedliche Revolution sprechen

Von Lucy Mai | Zum 30. Jahrestag der historischen Großdemonstration vom 9. Oktober 1989 in Leipzig soll Linkspolitiker Gregor Gysi bei einer Veranstaltung sprechen. Dabei handelt es sich jedoch nicht um das offizielle Programm der Stadt Leipzig, sondern um ein Konzert der Philharmonie Leipzig in der Peterskirche. Dennoch löst die Nachricht, dass mit Gysi ein ehemaliger SED-Politiker auf einer Gedenkfeier für die friedliche Revolution sprechen soll, heftige Diskussionen aus. Das Konzert der Leipziger Philharmoniker findet beinahe jährlich statt und hat eine lange Tradition. Am Ende des Konzertes wird immer Beethovens „Ode an die Freude“ gespielt. Teil des Konzertes sind auch oft prominente Gäste und Redner. Dieses Jahr steht das Konzert unter dem Motto „Freiheit schöner Götterfunken“.

Nun wenden sich auch ehemalige DDR-Bürgerrechtler in einem offenen Brief dagegen, dass Gysi auf der Gedenkfeier sprechen soll. Unter ihnen sind unter anderem der vom SED-Regime ausgebürgerte Liedermacher Wolf Biermann und auch der spätere Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung Gerd Poppe. Sie alle äußerten sich „fassungslos“. Sogar von „Geschichtsvergessenheit“ ist in dem Schreiben die Rede. Es würden diejenigen zu Festreden eingeladen, die Revolution und Einheit mit aller Entschiedenheit zu verhindern suchten, so die Bürgerrechtler.

Wenn man bedenkt, welche Rolle Gysi vor allem bei der Rettung der SED spielte, scheint diese jedoch Kritik mehr als berechtigt. Gysi stand zwar bis 1989 nicht vorne in der SED-Führung, wurde jedoch später Chef der SED, die sich in PDS umbenannte und ein wenig später zu “Die Linke” wurde, welche noch heute im Bundestag sitzt. Während die meisten Funktionäre nach dem Mauerfall für die Auflösung der SED eintraten, rettete Gysi diese vor dem Untergang, um das Parteivermögen und alte Strukturen zu bewahren. Auch wenn Gysi anfangs für wesentliche Veränderungen in der SED eintrat, war er dennoch Teil des Unrechtsregimes in der DDR. So wurde 1998 auch bekannt, dass Gysi inoffizieller Mitarbeiter der Stasi war.

Es scheint also mehr als unangemessen, dass mit Gysi ein Teil des alten DDR-Regimes bei einer Gedenkfeier für Demonstrationen auftrat, deren Teilnehmer riskierten, in Haft zu geraten oder von der Stasi „zersetzt“ zu werden. Die Bürgerrechtler riskierten alles für die Freiheit und stürzten schließlich in der friedlichen Revolution das Unrechtsregime der DDR. Dieser Mut verdient von unserer Gesellschaft höchsten Respekt. Hier kann vollkommen zurecht von Geschichtsvergessenheit gesprochen werden, wenn ein ehemaliger SED-Politiker, der an der Verschleierung des Parteivermögens beteiligt und IM der Stasi war, zum Gedenken der friedlichen Revolution sprechen soll. Auch das Motto der Veranstaltung „Freiheit schöner Götterfunken“ bekommt hier eine eher groteske Bedeutung.

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