Größenwahnsinn bedeutet Pläne machen: Warum Sokrates sterben musste

Von Sarah Victoria | Es ist soweit, ein weltbekanntes Virus feiert zweiten Geburtstag und manch ein Politiker könnte kaum stolzer auf den kleinen Sprössling sein, der ihm zur Instagram-Prominenz oder Talkshow-Karriere verhalf. Hinter doppelter FFP2-Maske backen sie vielleicht eine Geburtstagstorte nach Anleitung des RKI oder singen dem Geburtstagskind ein kleines Ständchen („Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst!“). Denn das Virus löste nicht nur eine neue Krankheit aus, sondern offenbarte auch tiefe Ängste der Bevölkerung, die nicht neu sind, aber nun politisch genutzt werden können. Vor ein paar Tagen etwa debattierte der Bundestag zum Thema allgemeine Impfpflicht.

Neben interessanten Wortneuschöpfungen wie „Solidaritätsspritze“ oder „die Impflicht als Weg zur gesellschaftlichen Befriedung“ fiel mir vor allem die Selbstverständlichkeit auf, mit der Politiker das Leben als planbar bezeichneten. Wenn wir jetzt alle impfen, wird der Herbst viel besser als letztes Jahr, hieß es da. Also vorausgesetzt, die neue Mutation lernt bis dahin das Lesen. Und wenn ich ab heute nur noch Rohkost esse und täglich eine Runde durch den Ort jogge, kann ich meine Lebenserwartung erheblich verlängern, es sei denn, mir fällt in der Zwischenzeit ein Ast auf den Kopf. Ich finde ja, das Leben ist nicht so leicht planbar.

Unwissenheit gehört dazu

Gerade die letzten zwei Jahre haben das eindrücklich bewiesen. Zumindest glaube ich, nicht die einzige gewesen zu sein, deren innere Glaskugel nicht bis nach Wuhan reichte. Bestimmt bin ich auch nicht alleine mit der Erfahrung, dass es Ereignisse gibt, die das Leben von jetzt auf gleich fundamental verändern; es Momente gibt, in denen das Leben plötzlich einen Richtungswechsel einschlägt und man auf eine neue Strecke geschubst wird, auf der man sich erst zurechtfinden muss.

Ich stelle mir das Leben manchmal vor wie die Fahrt in einem selbstfahrenden Auto, nur dass man nicht weiß, wohin die Reise geht und wann einen dieser Schleudersitz aus dem Auto werfen wird. Der Mensch kann sich dabei vielleicht aussuchen, welche Farbe sein Auto haben soll, welchen Proviant er mitnimmt oder welche Musik im Autoradio läuft. Aber er kann nicht alleine bestimmen, wie lang diese Strecke ist, wohin sie führt und wer ihn wie lange dabei begleiten darf. Die Strecke, die ich vor zwei Jahren geplant hatte, verlief anders. Sie war weniger kurvig, führte nicht durch politische Minenfelder und auf meiner Rückbank nahm auch noch mein Opa Platz. Aber als Mensch wird mein Leben immer Facetten enthalten, die so nicht vorgesehen waren.

Die Annahme, dass der Mensch seine Umwelt nicht nur beeinflussen, sondern auch kontrollieren kann, findet sich auch im Staatsverständnis wieder.

Ich werde immer in meinen Fähigkeiten begrenzt sein, weil meine Existenz einfach an Bedingungen geknüpft ist. Sei es die Bedingung, dass ich atmen muss, denken kann oder eines Tages sterben muss. In Zeiten des wissenschaftlichen Fortschritts sind diese Bedingungen oft immer weiter in den Hintergrund gerückt. Die Annahme, dass der Mensch seine Umwelt nicht nur beeinflussen, sondern auch kontrollieren kann, findet sich auch im Staatsverständnis wieder. Viele Menschen erwarten vom Staat Sicherheit, eine Erlösung von der ständigen Angst, die Kontrolle zu verlieren. Doch wie soll die Politik Umstände schaffen, die das Leben an sich anders gestaltet? Das Leben besteht aus Bereichen, die der Mensch beeinflussen kann und aus solchen, an die er sich anpassen muss.

Karl Lauterbach, die Impfpflicht und der Größenwahn 

Grenzt es nicht an Allmachtsfantasien, wenn Parlamentarier mit an Kriegsrhetorik erinnernden Pathos verkünden, in die privatesten Lebensbereiche eines Menschen eingreifen zu müssen, um Kontrolle über einen unkontrollierbaren Bereich des Lebens zu erlangen?  

Das ist zumindest mein Eindruck, wenn ich mancher Rede im Parlament lausche, bei der Abgeordnete stolz verkünden, Verantwortung für die Gesundheit eines ganzen Landes übernehmen zu wollen. Denn wir wissen alle, dass nur unverantwortliche Menschen krank werden und Intensivstationen nur für solidarische Mitmenschen gedacht sind. Und solidarisch sein heißt, die neuen Maßnahmenkataloge zu befolgen, sich in jedes Körperteil boostern zu lassen und täglich zu überprüfen, ob der Impfstatus schon aberkannt wurde.

Warum Sokrates sterben musste

Wenn man eines aus der Philosophiegeschichte lernen kann, dann ist es Bescheidenheit. Schon Sokrates wusste, dass er nichts wusste und dabei war er einer der schlauesten Menschen seiner Zeit. Diese Bescheidenheit wurde offenbar nicht von seinen Mitmenschen geteilt. Wer weiß, welche Erkenntnisse er noch mit seinem Schüler Platon hätte teilen können, wäre er nicht – demokratisch wohlgemerkt – zum Tode verurteilt worden.

Nein, der kategorische Imperativ verlangt keine Impflicht und nein, es ist keine gute Idee, als Mensch Gott spielen zu wollen.

Menschen, die denjenigen, die sich selbst für allmächtig halten, den Spiegel vorhalten, wurden schon damals nicht gerne gesehen. Was Herrn Lauterbach wohl nicht davon abhalten wird, die Ideen von Philosophen wie Kant oder Hegel zu verunglimpfen. Nein, der kategorische Imperativ verlangt keine Impflicht und nein, es ist keine gute Idee, als Mensch Gott spielen zu wollen. Das Leben ist komplex und enthält viele Variablen, die nicht in der Kontrolle des Menschen liegen, Variablen von denen er mitunter gar nichts weiß und die er, auch mit der besten Absicht, nicht beeinflussen kann.  Eine Tatsache, die frustrierend ist, aber nach Bundestagsdebatten auch beruhigt. Der Einfluss des Menschen ist begrenzt und damit auch der von Parlamentariern.

Mir tun diese Abgeordneten fast Leid, weil sie sich einer Aufgabe hingegeben haben, die von Beginn an zum Scheitern verurteilt war. Sie sind voller Angst, weil sie auf einem wackeligen Konstrukt aus fadenscheinigen Argumenten stehen. Die Bevölkerung ist voller Angst, weil Konformität gegen Grundrechte eingetauscht wurde. Teile haben Angst, ihre Privilegien zu verlieren und andere bangen um ihren Lebensinhalt oder ihre Zukunft.

Nichts als Angst

Gerade in Zeiten der Angst ist es umso wichtiger, das „Warum“ nicht aus den Augen zu verlieren. Sich nicht nur zu fragen, für was man lebt, was man erschaffen möchte oder vor was man Angst hat, sondern zu fragen, warum man lebt. Dieses „Warum“ kann Menschen durch die schwersten Schicksale tragen. Es kommt nicht darauf an, eine eindeutige Antwort auf diese Frage zu finden. Vielmehr ist es wichtig, nicht Platzhalter an die Stelle von Sinn oder Eigenverantwortung zu setzen.

Wenn es um die Frage nach Lebenssinn geht, lohnt sich die Lektüre von Viktor Frankls Büchern. Viktor Frankl war ein österreichischer Psychologieprofessor, der unter anderem Auschwitz überlebte. Er beobachtete Menschen, die unvorstellbares Leid erfahren mussten und stellte dabei fest, dass der Umgang mit Leid vor allem mit dem Innenleben des Menschen zu tun hat. In seinem Buch „Trotzdem ja zum Leben sagen“ schreibt er unter anderem: „ Die psychologische Beobachtung der Lagerhäftlinge hat vor allem ergeben, daß nur derjenige in seiner Charakterentwicklung verfällt, der sich zuvor geistig und menschlich eben fallen gelassen hat; fallen ließ sich aber nur derjenige, der keinen inneren Halt mehr besaß!“. Und nein, ich möchte hier nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Gerade weil unsere Lage noch um einiges besser ist, sollte uns das Hoffnung geben. 

 Ich kann vielleicht nicht planen, ob mir der besagte Ast auf den Kopf fällt, aber ich habe Kontrolle darüber, wie ich Momente davor gedacht habe. Ich habe die Kontrolle darüber, ob ich in diesem Moment als mündiger Mensch durch den Wald gelaufen bin, oder meinen Impfpass fest umklammert hielt, falls 2G auch in Wäldern gelten sollte. Herr Lauterbach kommt mit seinem Impfausweis vielleicht in den Bundestag, aber in meinem selbstfahrenden Auto hat seine Angst keinen Platz – die passt nämlich nicht zur Inneneinrichtung.  


»Die letzte der menschlichen Freiheiten besteht in der Wahl der Einstellung zu den Dingen.«
–Viktor Frankl