„Götzen“: Eichmanns vergessene Autobiographie

Von Simon Ben Schumann | Am 1. Juni jährte sich der Todestag von Adolf Eichmann, genannt „Architekt des Holocaust“ zum 60. Mal. In der Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni 1962 wurde Eichmann in einem Gefängnis in Ramla, Israel durch Erhängen hingerichtet. Ein durchaus umstrittenes Urteil, ist es doch das einzige Todesurteil welches jemals im modernen Israel vollstreckt wurde. Gerade aufgrund des geistigen Charakters, die der jüdische Staat in Kultur und Religion innehat, gingen vor Eichmanns Tod zahlreiche Gnadengesuche auch von Juden beim damaligen Staatspräsidenten Jitzchak Ben Zwi ein. 

Einer traurigen Ironie entbehrt das nicht. Denn der weltweit beachtete „Eichmann- Prozess“ in Jerusalem brachte einiges über das Wirken von „Hitlers Henker“ ans Licht. Unter anderem, dass er selbst nie Gnade walten ließ. So berichtet der Ankläger Gabriel Bach, dass Eichmann jegliche Gesuche zum Verschonen Einzelner ablehnte. Beispielsweise: Ein Wehrmachtsgeneral und gleichzeitig der Kommandant von Paris wollte einen jüdischen Professor aus Frankreich, der sich besonders gut mit Radar auskannte, vor der Deportation bewahren. Aus rein militärischen Gründen. Dennoch, Eichmann lehnte ab. „Aus prinzipiellen Erwägungen“, wie er sagte.
Später meldete sich die überlebende Tochter Alisa bei Gabriel Bach. Professor Weiss und seine Frau waren nicht mehr. Sie wollte ein Foto, hatte noch nicht einmal eine Erinnerung an die Gesichter ihrer beiden ermordeten Eltern. „Aus prinzipiellen Erwägungen.“ 

Über ein unbekanntes Stück Zeitgeschichte

Der Eichmann-Prozess wurde filmisch festgehalten und ist der Nachwelt so zugänglich. Doch ein – wie ich finde – beinahe spannenderes Zeitdokument ist der Öffentlichkeit so gut wie unbekannt. Zwischen dem Ende des Prozesses und der Urteilsvollstreckung verfasste Eichmann nämlich seine Autobiographie. Sie war bis zum Jahr 2000 unter Verschluss und wurde dann vom Israelischen Staatsarchiv ins Web gestellt. Außerdem existiert eine kommentierte Ausgabe von Historiker Raphael Ben Nescher (Metropol Verlag, 2016). Der unkommentierte Text ist auf schoah.org, einer Webseite des deutsch- jüdischen Nachrichtenportals „haGalil“, bequem abrufbar. 

Durch die Autobiographie lässt sich die Innensicht des Nazi-Täters auf unangenehm nahbare Weise begleiten, von Kindheit und Jugend über die Anfänge bei der SS bis hin zum Völkermord.
Eichmann verlieh seinen Memoiren keinen festen Titel; stattdessen gab er späteren Herausgebern zwei Möglichkeiten. Die erste: „Götzen“. Unter diesem Namen ist das Werk dann auch erschienen. Ein ungewöhnlicher Titel; Eichmann wollte damit auf seine Vorgesetzten anspielen, welche er in der Biographie immer wieder als von ihm verehrte „Götter“ bezeichnet. Erst später sei ihm klar geworden, dass er in Wahrheit „Götzen“ gedient habe. Wie echt diese Reue war, ist zweifelhaft. Der andere Titel wäre „Gnothi seauton“ gewesen – griechisch für „Erkenne dich selbst.“ 

Jugend eines Massenmörders 

Bereits im Anfang der Biographie gibt Eichmann den Geläuterten. Er habe mittlerweile einen zeitlichen Abstand von 16 bis 29 Jahren zu den Geschehnissen; sie seien für ihn nun „das kapitalste Verbrechen in der Menschheitsgeschichte“. Unglaubwürdig, denn: Noch wenige Jahre zuvor sagte er im argentinischen Exil, er bereue nur, nicht alle 10,3 Millionen europäischen Juden ermordet zu haben. „Dann wäre ich befriedigt und würde sagen: Gut, wir haben einen Feind vernichtet.“, erklärte er Ende der 1950er seinem SS- Kameraden Willem Sassen in einem Interview. 

Dieser Widerspruch stört Eichmann nicht. „Den größten und gewaltigsten Totentanz aller Zeiten. Den sah ich. Und ihn zu beschreiben, zur Warnung schick ich mich an.“ – so schließt der Organisator der sogenannten „Endlösung der Judenfrage“ sein Vorwort. 

Danach setzt er zu einer Beschreibung seiner Jugend an. Als Kind von Wolf und Maria Eichmann am 19.3.1906 in Solingen (Rheinland) geboren, schildert er sein Aufwachsen in Österreich. Dorthin zog seine Familie kurz nach seiner Geburt. Eichmann malt den Ort seiner Kindheit und Jugend in den buntesten Farben, „Diesen herrlichen Fleck der Erde durfte ich meine zweite Heimat nennen.“, sagt Eichmann. Ein krasser Gegensatz zu den Zügen voller Menschen, die er später in die Gleichgültigkeit der Gaskammern von Auschwitz, Treblinka und anderen Vernichtungsstätten schickte. 

Die politische Sozialisation als junger Mann sei nationalistisch gewesen. „Ich war durch die Schule und Gesellschaft […] zur nationalistischen Richtung hin gelenkt worden. […] Und man erzähle einem jungen Menschen in dieser Richtung tendierend, von nationaler Schmach, von Verrat, vom Dolchstoß, welcher der deutschen Armee zuteil ward, von nationaler Not und Elend; Herrgott, da packt es einen halt, da gerät das Blut in Wallung.“ Von Jude und Judentum sei damals aber keine Rede gewesen; ernst genommen habe er den Antisemitismus der NSDAP nicht. Das passt ins Bild des zwar nationalistischen, aber eher neutralen Beamten, das Eichmann während des Prozesses vermitteln wollte. Nur ein Befehlsempfänger und Fahrplan-Ersteller – mehr sei er ja nicht gewesen. 

Im Herbst 1934 fing Eichmann beim Sicherheitsdienst-Hauptamt in Berlin an. Es sei eine Zeit voller Strapazen gewesen, mit deutlich zu wenig Schlaf und ständigem „Exerzieren“. Er habe sogar überlegt, zu gehen: „[…] ja großer Herrgott, wenn ich irgendwo gegen mein Wollen mit einer Arbeit, welche mir gegen den Strich geht, als freier Mensch, eingespannt werden soll, da macht man einfach Schluß damit, oder man ist ein Waschlappen, dem eben nichts besseres gebührt. […] Genau dieselben Gedanken hatte ich auch um jene Zeit und mit mir eine Anzahl meiner Stubengefährten. Aber da waren die Götter, denen ich ja dienen wollte.“ Leider entschied er sich dagegen, „auf den Tisch zu hauen und aus dem Tempel rauszuwetzen“, wie er formuliert. Adolf Eichmann blieb – und wurde einer der Hauptverantwortlichen für einen Völkermord. 

Eichmann und der Antisemitismus 

Vom offensichtlichen Vorwurf, dass Adolf Eichmann als Ausführer des Holocaust ein brutaler Antisemit war, versucht er sich tatsächlich freizumachen. Das wirkt aus heutiger Sicht mehr als abenteuerlich; doch Eichmann meinte es ernst. 

„Ja, und wie war es mit der Judenfrage jener Zeit und wie stand ich zu ihr. […] Meine erste Mutter starb sehr früh, mein Vater heiratete zum zweiten Mal. […] Mit der zweiten Mutter, die selbst keiner jüdischen Familie entstammte, kam aber jüdische Verwandtschaft in unsere Familie. Tanten, Onkel, später Cousinen. […] Es war ein fröhliches, herzliches Verbundensein […]. Egal, ob Jude, jüdisch versippt oder Nichtjude.“ Der gute Familienmensch Eichmann, herzlich, tolerant und weltoffen – so stellt er sich ernsthaft dar. Dass er seine eigene Familie getrost ermordet hätte, lässt er aus – angenommen, dass diese Angaben überhaupt stimmen. Die SS war, was Stammbäume angeht, sehr wählerisch – jüdische Tanten und Onkel wären womöglich ein Ausschlusskriterium gewesen. Eichmann fährt fort, indem er jüdische Freunde aus Kindheit und Jugend erwähnt, mit denen er auch später noch verbunden geblieben sei. „Und warum sollte ich meine bildhübsche zwanzigjährige halbjüdische Cousine nicht küßen […]; so was kann doch unmöglich Reichsverrat sein.“ Am Millionenfachen Mord ändert der angeblich freundliche Privatmann Eichmann überhaupt nichts. Dennoch schreibt er, als würden seine Familien- und Freundschaftsbande irgendetwas wetmachen. Schockierend. „So also konnte ich sagen, ich bin nie ein Antisemit gewesen, denn es stimmt.“ 

Wirken bei der SS 

Adolf Eichmann begann im „SD-Hauptamt Abteilung II 111: Freimaurer“. Diese beschäftigte sich mit der Verfolgung des Freimaurerbundes, welchen die Nationalsozialisten für seine liberale Anschauung verachteten. Ähnlich wie später für Juden, wurde hier eine „Freimaurerkartei“ aufgebaut, mit der die Mitglieder identifiziert werden sollten. O-Ton Eichmann: „Meine dienstliche Tätigkeit war auch – wie ich zu sagen pflegte – zum Knochenkotzen. Tausende von Freimaurersiegeln und Münzen mußte ich katalogisieren und einordnen […]“ In einem Freimaurermuseum in der Wilhelmstraße 102 in Berlin stellten Eichmann und Komplizen gestohlene Freimaurer-Memorabilia aus und hetzten vor Besuchern gegen den Bund. 

Später kam er dann in die „Abteilung II 112: Juden, Referat Zionisten“. Dort bearbeitete er ab 1936 das Thema Judentum. Von hier an ging es Stück für Stück auf die Schoah zu. Sogar Hebräisch brachte sich Eichmann bei, um jiddischsprachige Zeitungen analysieren zu können. „Also ging ich eines Tages daran und kaufte mir in einer Buchhandlung ein Lehrbuch zum Studium der hebräischen Sprache.“ 

Jahre zogen ins Land. Eichmann beschäftigte sich damit, Juden aus Wien zur Auswanderung zu zwingen. Mittels Repressalien und Drohungen wurden sie enteignet, konnten aber zumindest noch fliehen. Die Reichskristallnacht am 9. November 1938 war ein Vorbote dessen, was noch kommen sollte. Nach dem Einmarsch in Polen 1939 würde sich alles endgültig verschlimmern. 

Am 30.10.1939 ergeht der erste Deportationsbefehl für alle Juden in Polen. Sie werden in Ghettos zusammengepfercht, in Arbeitslager gebracht und zu einem großen Teil in Vernichtungslager. Am 10.10.1941 verbietet Heinrich Himmler allen Juden die Auswanderung – Flucht ist jetzt unmöglich. 

Wenn Sie Eichmanns Darstellung folgender Ereignisse, einschließlich des Besichtigens von „improvisierten“ Gaskammern im Vernichtungslager Chełmno und vielen weiteren Einzelgeschehnissen des Holocaust interessiert, Sei Ihnen  die Lektüre von „Götzen“ sehr ans Herz gelegt – ein Buch, welches Ihren Blick auf die beschriebene Vergangenheit und ihre Akteure schärft und bereichert. Es ist ein Stückweit, wie Hannah Arendt sagte, die Banalität des Bösen – Eichmann war eben ein Mensch. Und das ist vielleicht das Erschreckendste an ihm und seinen Taten. 

 

2 Antworten

  1. Cookie Monster sagt:

    Meinen Respekt für den Autor, dass er sich das angetan hat, die Autobiographie dieses Massenmörders zu lesen. Das Furchtbare an der Person Adolf Eichmann ist, dass er eben kein überzeugter Judenhasser wie Hitler, Himmler oder Streicher war und dennoch Millionen in den Tod geschickt hat. Nicht Eichmann war der „Architekt“ des Holocaust, sondern Reinhard Heydrich. Adolf Eichmann war ein klassischer Mitläufer, dessen einziges Motiv die eigene Karriere und das Lecken der Stiefel seiner Vorgesetzten war. Von dieser Sorte Mensch gibt es auch heute noch massenweise und vor denen sollte man sich in Acht nehmen.

  2. Kara sagt:

    Wirklich sehr interessant. Gruselig, wie sich so ein Monster selbst so positiv sehen kann…

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