Fußball-Fans – das unerwartete Rückgrat der Gesellschaft

Von Jerome Wnuk | Es ist ein Gefühl, das sich nicht nachvollziehen lässt, wenn man es nicht selber gespürt hat. Wenn Zehntausende wie gebannt verfolgen, wie 22 Männer einen runden Ball über eine Rasenfläche bewegen und die ganze Menge sich bei einem Tor elektrisiert in den Armen liegt. Viele sagen, es wäre die schönste Nebensache der Welt. Nebensächlich ist der Fußball jedoch schon lange nicht mehr. Inzwischen schon seit mehr als anderthalb Jahren hält die große Ernüchterung an.

Anstatt wie früher, vor Corona, den typischen Samstagnachmittag im Stadion mit seinen Freunden zu verbringen, sitzt man nun seit Februar 2020 meist auf der heimischen Couch und guckt mal mit mehr, mal mit weniger Euphorie auf seinen Fernseher. Leere, trostlose Ränge in Dortmund, Köln oder Paderborn prägen das Bild des Sportes, der in normalen Zeiten eine so große Wirkung auf das generelle Wohlbefinden einer Gesellschaft hatte und bei Welt/- und Europameisterschaften selbst die Deutschen dazu brachte, ihre Flaggen stolz auf die Straße zu tragen.


Dabeisein ist alles

„Weißt du noch wie’s früher war?“ ist die Frage, die man in Unterhaltungen mit anderen Fußballfans aktuell am häufigsten hört. Nach anderthalb Jahren ist also vor allem eine große Sehnsucht nach den guten alten Fußballzeiten ausgebrochen. Die Fußballseele schwelgt in Erinnerungen an die Vergangenheit und träumt sich in die vollen Stadien in Brasilien oder Rom und an einzigartige Spiele voller Ekstase. Doch die aktuelle Situation hat derartigen Glanz wie noch etwa vor acht Jahren in Brasilien zur WM 2014 verloren und ernüchtert das Fußballherz.

Statt Debatten darüber, welche Fangruppe die beste Choreo hat oder dass die elf Männer auf dem Platz ja die letzten Flaschen sind oder gegebenenfalls Fußballgötter an guten Tagen, muss man sich als Fußballfan Debatten über den Impfstatus eines Joshua Kimmichs anhören. Dabei möchte man doch eigentlich zum Beispiel diesen einfach mal wieder live in einem Stadion spielen sehen und in echt mit dabei sein, wie er im Bayern-Trikot mal wieder zusammen mit den anderen Stars der Bayern deinen Lieblingsverein vernichtet.

Man kann kein Fußballspiel mehr sehen, ohne auch an Politik erinnert zu werden.

Der Sport, der früher die Lieblingsablenkung war, ist jetzt so wie vieles andere nur noch ein weiterer Aspekt des Corona-Alltages geworden. Man kann kein Fußballspiel mehr sehen, ohne auch an Politik erinnert zu werden. Eine der schönsten Eigenschaften des Fußballs, das Unpolitische, bröckelt während Corona also immer mehr weg. Die nie endenden Debatten über Zuschauerzahlen, 2G oder 3G und die Diskussionen darüber, wer geimpft ist und wer nicht, ermüden und belasten den im Kern doch so unpolitischen Sport.

Die Sehnsucht nach Normalität

Der Wunsch nach dem Ende dieser Debatten und der Wunsch wieder ganz normal wie vor Corona seinen Lieblingsverein zusammen mit Freunden und wildfremden Gleichgesinnten, unabhängig von Nationalität, Geschlecht oder Impfstatus,  zu unterstützen, ist riesig. Die Sehnsucht nach Normalität ist in kaum einer Community so groß wie unter Fußballfans. Der 7. März 2020 war das letzte Mal, wo alles noch wie immer war, zumindest für mich. Hertha gegen Bremen, ein aufregendes 2:2. Eine Erinnerung, die fest in mein Gedächtnis eingeprägt ist. Du kannst eigentlich jeden Fan fragen, er wird dir ungefähr sagen können, wann er das letzte Mal so richtig im Stadion war. Und jeder wird dir sagen, dass er es vermisst.

Mit „so richtig“ meine ich: so wie es früher war. Ich war während Corona auch zu einigen Spielen im Stadion, einmal sogar auf einer Aufwärtsfahrt. Auch, wenn ich diese Erlebnisse nicht missen möchte, sie kommen nicht an die Spiele vor Corona heran. Es sind teilweise echt die kleinen Sachen. Früher reichte ein Ticket, um ein Spiel zu sehen, heute bedarf es gefühlt tausend verschiedener Nachweise und ein Informatikstudium, um eine Online-Karte zu kaufen.

Und jeder wird dir sagen, dass er es vermisst.

Aber nicht nur das reine Stadionerlebnis fehlt, auch das „Drumherum“. Ich erinnere mich an die S-Bahn-Fahrten, bei denen man sich teils mit neuen Leuten aus anderen Städten von anderen Vereinen über Fußball und darüber hinaus unterhielt. Da war einem dann auch die Vereinsvorliebe gleichgültig. Auch dieses verbindende Element ist verloren gegangen, besucht man aktuell ein Fußballspiel (in manchen Städten Deutschlands sind noch bis zu 1000 Zuschauer erlaubt), wird man so schnell wie möglich aus den Stadien geschmissen, schnell in verschiedene Bahn-Waggons gebracht. Von Austausch und Kennenlernen ist nichts mehr übriggeblieben.

Anprangernd wird man nun jedes Wochenende, wenn man Fußball guckt, an die Zeit mit vollen Stadien erinnert. Man sieht die leeren grauen Sitzschalen, die einen mahnend in das Gedächtnis rufen, was mal war und sein könnte. Inzwischen hat man sich an diesen trüben Anblick der leeren Fußballarenen zwar mehr und mehr gewöhnt, es bleiben trotzdem kalte, graue und trostlose Bilder aus den Betonschüsseln. Den Gedanken, dass man sonst, wenn alles normal wäre, im Stadion mit dabei wäre, wird man aber trotzdem nicht los und beschäftigt einen inzwischen bei jedem Spiel. Manchmal ist man beim Fußballschauen nicht wie früher vom Alltag abgelenkt, sondern eher noch mehr an die Last des Alltags erinnert.

„Stell dir vor, das jetzt im Stadion“

Ein generelles Gefühl, man verpasst gerade einmalige Erlebnisse, die man sonst miterlebt hätte, eine unstillbare Sehnsucht nach dem elektrischen Gefühl im Stadion quält. Viel öfter als früher schaut man sich inzwischen Videos oder gar ganze Spiele von früher mit Zuschauern an – in der Hoffnung, man könnte dadurch seine Sehnsucht ein wenig stillen. Das geht allerdings genauso in die andere Richtung. Manche Spiele guckt man schon gar nicht mehr, weil man weiß, dass das Spiel ohne die Atmosphäre drumherum nicht das Gleiche ist.

„Stell dir vor, das jetzt im Stadion!“ hat mir mal ein Freund nach einem wichtigen, emotionalen Derbysieg geschrieben. Eine Aussage, die die Sehnsucht nach Normalität gut beschreibt. Klar, Fußball macht auch von zu Hause aus Spaß und kann elektrisieren, aber nicht so wie in einer 70.000-Mann-Arena. Die Sehnsucht, dieses Gefühl von zu Hause aus nachzuempfinden ging bei manchen so weit, dass sie alte Soundaufnahmen von vollen Arenen zu den Geisterspielen abspielten, um eine Stadionatmosphäre zu simulieren. Doch auch diese Mittel ziehen inzwischen nicht mehr, wenn sie überhaupt mal funktioniert haben.

Letzten Samstag habe ich mir ein Zweitligaspiel aus England angeguckt, fußballerisch nicht wirklich ansprechend, aber atmosphärisch genau wie früher. Und wenn zehntausend leicht angetrunkene Engländer ihre Fangesänge anstimmen, wird mir als Fan wieder warm ums Herz.


Ein Blick lohnt sich währenddessen seit kurzem wieder nach England, Spanien oder in die USA. Dort sind die Stadien wieder ausverkauft. Die Menschenmengen strömen wie früher begeistert in die Stadien. In den USA waren es letztens zu einem NFL-Spiel 70.000 Menschen, in England ebenfalls ähnliche Zahlen. Dort macht Fußball wieder Spaß, er verbindet wieder Menschen, er lässt einen wieder höher fliegen und tief fallen. Letzten Samstag habe ich mir ein Zweitligaspiel aus England angeguckt, fußballerisch nicht wirklich ansprechend, aber atmosphärisch genau wie früher. Und wenn zehntausend leicht angetrunkene Engländer ihre Fangesänge anstimmen, wird mir als Fan wieder warm ums Herz. Die Hoffnung, bald wieder selber in seinem Fanblock zu stehen und ähnlich grölen zu können, treibt einen dann doch wieder an, Geduld zu haben.

Aber bis das wieder in Deutschland möglich ist, schau ich erstmal neidisch nach England und Amerika und erfreue mich dort an vollen Stadien. Damit werde ich wohl auch nicht der einzige sein. Der Politik mag Fußball ja egal sein, eine dämliche Nebensächlichkeit, auf die die hirnlosen Fußballfans ruhig mal verzichten können – sie vermuten unter ihnen kein großes Wählerpotential. Dabei haben sie zu kurz gedacht. Denn ihre arrogante Haltung hält sie davon ab zu realisieren, was für einer Masse an Menschen sie gerade den vielleicht wichtigsten Teil ihrer Freizeit genommen haben. Und gerade weil die meisten Fußballfans nicht unbedingt das engagierte Wählerpotential ausmachen, haben sie auch noch nicht gelernt, dass man in der Politik seine Bedürfnisse heutzutage selbst prophylaktisch zensieren muss. Deshalb hatten die Medien auch so eine große Angst vor Kimmich.  Vielleicht erleben wir eines Tages wie die deutschen Fußballfans zum Rückgrat der Gesellschaft werden – die letzten, die noch wissen, wie sich Freiheit anfühlt. 

1 Antwort

  1. karlchen sagt:

    Ja, zusammen mit den Truckern… Das wär was!