Freiheit? „Aber bitte nur bei schönem Wetter!“

Von Simon Rabold | Pünktlich zum baldigen Frühlingsbeginn erinnern sich Politiker sämtlicher Parteien wieder daran, dass sie sich einst die Freiheit auf die Fahnen geschrieben hatten. Selbst der dem #TeamVorsicht angehörende Hardliner Markus Söder war, wie man überall lesen konnte, tatsächlich mal draußen an der frischen Luft spazieren – ohne FFP2-Maske wohlgemerkt. Allerdings nicht an einem Montag und auch nicht mit anderen. Nichtsdestotrotz hat es ihm scheinbar gutgetan, denn er ist „in sich gegangen“ und hat „nachgedacht“. Wenn Söder nachdenkt, dann ja bekanntlich meist über sich selbst. Vielleicht hat er gemerkt, dass er mit seiner Angst- und Panikpropaganda bei der Bevölkerung mittlerweile auf taube Ohren stößt und damit nicht weiter kommt auf seinem Weg zur Wiederwahl als Bayerischer Ministerpräsident. Jedenfalls schlägt er plötzlich versöhnlichere Töne an, will die Gesellschaft nicht mehr spalten und alle mit einbeziehen.

Auch die Impfpflicht steht bei Politikern aller Parteien nicht mehr so hoch im Kurs – so will Karl Lauterbach als Gesundheitsminister gar keinen eigenen Vorschlag im Bundestag mehr einbringen. Selbst die Experten, zum Beispiel Stiko-Chef Mertens, rücken davon ab, beziehungsweise fangen an, diese kritisch zu sehen. Und Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, kündigte an, die Kassenärzte würden bei einer Impfpflicht nicht „mitmachen“.

Ist jetzt alles vorbei?

Kann man nun also aufatmen? Steht tatsächlich ein „Freedom Day“ vor der Tür, also der Tag, an dem sämtliche „Corona“-Einschränkungen fallen?

Man vergisst zu schnell, dass es letztes Jahr bereits genau so lief. Helge Braun, einst Kanzleramtschef unter Merkel, kündigte ungefähr vor einem Jahr an, dass alle Maßnahmen fallen, wenn jeder ein Impfangebot bekommen hat. Daraus wurde nichts. Jens Spahn meinte, dass die Impfung für Freiheit sorge. Die FDP warb im Wahlkampf mit der Freiheit und wollte sich gegen die Diskriminierung Ungeimpfter einsetzen, wie ein kürzlich viral gegangenes Video von Christian Lindner bewies. Mittlerweile herrscht in der Gastronomie und im Bundestag 2G-Plus, und die FDP sitzt mit in der Regierung.

Marco Buschmann, der neue Justizminister, ebenfalls FDP, kündigte noch im Oktober an: Ab dem 20. März 2022 fallen sämtliche Maßnahmen. Ob das so eintreten wird? Ich wage es zu bezweifeln – und auch er selbst erinnerte vor Kurzem daran, dass sich die Lage mittlerweile wieder geändert habe. Während Coronaviren zwar ansteckender, aber weniger aggressiv werden, wird die Halbwertszeit von Politikeraussagen mit jedem Tag kleiner.

Freiheitsrechte werden nach Temperatur vergeben

Und selbst wenn es jetzt Lockerungen gibt, ist das noch lange kein „Freedom Day“. Ich erinnere mich, dass ich im letzten Sommer einige Tage in München verbracht habe. Dort musste ich zu meinem Erstaunen keinen Test-, Impf- oder Genesenennachweis vorzeigen. Unsere Politiker fordern bei gutem Wetter Freiheit und geben uns vielleicht sogar ein bisschen davon. Aber ab Herbst, spätestens im Winter kommen dann wieder Einschränkungen. Darauf sollte man sich schon mal einstellen.

Grundrechte gehören in das Jahr 2019. Sie sollten zukünftig Sommerrechte heißen. Man könnte auch sagen: Die Freiheit in Deutschland ist wie ein Cabrio. Nur für den Sommer gut.

Daher komme ich zu meiner empirischen, bislang von keinem Faktenchecker widerlegten These: Über ca. 21,4 bis 23,7 Grad Celsius Tageshöchsttemperatur gelten Freiheits- und Grundrechte in Deutschland für alle, darunter nicht oder nur stark eingeschränkt (bitte lassen Sie mir Ihre Erkenntnisse zukommen, ich forsche weiter!).  Grundrechte gehören in das Jahr 2019. Sie sollten zukünftig Sommerrechte heißen. Man könnte auch sagen: Die Freiheit in Deutschland ist wie ein Cabrio. Nur für den Sommer gut.

1 Antwort

  1. karlchen sagt:

    „Sommerrechte“. Sehr schön.