Finnlands Neutralität Teil 2: Kekkonens Frieden und der Preis der Neutralität

Die finnische Delegation um Präsident Kekkonen bei der KSZE. Foto: Tapio Korpisaari

(Wenn ihr Teil 1 zur Geschichte Finnlands von 1917 bis 1947 lesen wollt, klickt hier)

Von Max Roland | Unabhängigkeit, Krieg mit Russland, zweiter Weltkrieg – seit 1917 wurde die finnische Geschichte durch seine Nachbarschaft zu Russland bestimmt. Vor der Niederlage des deutschen Reiches konnte Finnland noch seinen Kopf aus der Schlinge ziehen. Helsinki konnte so seine Unabhängigkeit bewahren – mit Abstrichen. 

1947 und 1948 wurden Verträge mit der Sowjetunion geschlossen, die Rechte und Pflichten sowie territoriale Zugeständnisse regelten. Finnland blieb ein freies Land mit demokratischen und Marktwirtschaftlichen Strukturen – de Facto war Finnlands Außen- und Innenpolitik jedoch stark durch die Nachbarschaft zur Sowjetunion beeinflusst. Nach dem Friedensvertrag mit der Sowjetunion vom 10. Februar 1947 wurden die Geländegewinne der Sowjetunion nach dem Winterkrieg bestätigt (Ostkarelien). Zusätzlich zu den vereinbarten Bedingungen wurde Finnland nun außerdem verpflichtet, die Größe seines Militärs zu beschränken, das Gebiet um die Stadt Petsamo (und damit seinen Zugang zum Nordmeer) an die Sowjetunion abzutreten und Reparationen in Höhe von 300 Millionen Golddollar zu leisten.  Zur Sicherung der Unabhängigkeit schlossen Finnland und die Sowjetunion den Finnisch-Sowjetischen Vertrag von 1948. Hier wurde die außenpolitische Ausrichtung Finnlands festgelegt, inklusive eines finnisch-russischen Beistandsabkommens. Außenpolitisch war Finnland weitgehend an die Sowjetunion gebunden – der Vertrag erkannte jedoch Helsinkis willen an, im aufkommenden kalten Krieg neutral zu bleiben. Die Sowjetunion war zufriedengestellt – und zumindest die innenpolitische Unabhängigkeit Finnlands konnte gewahrt werden. Finnland vermied auch den Beitritt zum Warschauer Pakt. Diese finnische Neutralität in „guter Nachbarschaft“ zu Russland ist auch als „Paasikivi-Kekkonen-Linie“ bekannt. Benannt ist sie nach Finnlands erstem Präsidenten der Nachkriegszeit, Juso Paasikivi, und dessen Ministerpräsidenten Urho Kekkonen. Kekkonnen sollte seinem Präsidenten im Amt nachfolgen und die finnische Politik wie kaum ein zweiter prägen. 

Urho Kekkonen wurde im Jahr 1900 geboren und war der mit abstand am längsten amtierende Präsident der Republik Finnland. Vor dem Krieg bereits in diversen Kabinettsposten und politischen Rollen, wurde er 1956 zum Staatsoberhaupt gewählt – ein Amt, dass er fast 30 Jahre innehaben sollte. Kaum jemand verkörpert die schwierige Geschichte der finnischen Neutralität so wie Kekkonen. Er räumte der Außenpolitik Vorrang vor allen anderen Fragen ein, wobei der Schwerpunkt der Außenpolitik wiederum auf der Pflege der guten Beziehungen zur Sowjetunion lag. Die Balance in der Beziehung mit Moskau war so wichtig, dass Kekkonen dafür auch demokratische Grundsätze zumindest bog. Als die Sowjets 1961, vor dem Hintergrund des Mauerbaus und der Berlin-Krise, in der sogenannten „Notenkrise“ militärische Konsultationen mit den Finnen verlangten und damit die Neutralität des Landes gefährdeten, löste Kekkonen das Parlament auf und verhandelte persönlich mit dem sowjetischen Parteichef Chruschtschow. Diese Verhandlungen hatten Erfolg: Moskau sah von militärischen Konsultationen ab und entschärfte so eine Krise, die inzwischen auch die anderen nordischen Länder sowie die Bundesrepublik Deutschland tangierte. Chruschtschow erklärte gegenüber Kekkonen: „Sie sind unser guter Freund und wir vertrauen Ihnen vollkommen.“ Worte, die die Ära Kekkonen prägen sollten. 

Denn Moskau schätzte und Vertraute Kekonnen in der Tat – das setzte sich auch unter Chruschtschows Nachfolgern fort. Ihren „guten Freund“ im Amt zu halten, war den Sowjets extrem wichtig. So übten Moskaus Diplomaten immer wieder Druck auf die finnische Opposition aus. Auch in Finnland selbst war das bekannt – Kekkonens unverzichtbare Beziehung zu den Sowjets war häufig Argument für seine Wiederwahl. Die finnische Demokratie jedoch nahm dadurch Schaden. Kekkonen bog die Regeln der Demokratie und verstieß zumindest gegen den demokratischen Geist – er entwickelte einen oft kritisierten, autoritären Führungsstil. Nach der Notenkrise hatte er, auch wenn er allen demokratischen Regeln pro forma folgte, die Opposition in Politik und Medien ausgehebelt. Doch ihm gelang es, die beiden Supermächte von der Zuverlässigkeit des finnischen Neutralitätskurses zu überzeugen – ein Kurs, der in den Augen der Sowjets und vieler Finnen auch und vor allem an seine Person gebunden war. 

So wurde Finnland zu einem neutralen Mittler – insbesondere dank Kekkonens diplomatischen Fähigkeiten. 1975 brachte er die Staatsoberhäuter Europas in Helsinki zusammen. Kekkonen erkannte, dass alle Staats- und Regierungschefs des Kontinents zu diesem Zeitpunkt persönliche Erfahrungen im zweiten Weltkrieg hatten – von Helmut Schmidt bis Leonid Breschnew. Es war die Zeit von „Neuer Ostpolitik“ und einer Entspannung der Blockkonfrontation. Kekkonen nutzte diesen „Wind of change“. So kam es zur „Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“, kurz KSZE. Die folgende KSZE-Schlussakte gilt als einer der wichtigsten Wendepunkte im Kalten Krieg – auf ihr baut – oder baute – die europäische Friedensordnung auf, die sich als eine der stabilsten in der Geschichte des Kontinents erweisen sollte. „Im Geiste von Helsinki“ wurde ein geflügeltes Wort.  In Europa war man sich einig: Nie wieder sollten Grenzen mit Gewalt verschoben werden. Ein Meilenstein – der allerdings am 24. Februar 2022 brutal umgestürzt werden sollte.

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