Filmkritik: „Your Name“. Der beste Anime-Film aller Zeiten? 

Von Simon Ben Schumann | Ein Gefühl, eine Erinnerung, die Silhouette von irgendetwas. Es ist ein Name. Ein Name, den die Protagonisten von „Your Name“ vergessen haben. Und im Laufe des Films wiederfinden müssen. Denn wenn nicht, wird ihre Welt untergehen. Achtung: Spoilers ahead! 

Wenn Romance Millionen begeistert 

Als der japanische Filmemacher Makoto Shinkai den Film „Your Name“, auf Deutsch „Dein Name ist“ plante, rechnete er vermutlich nicht mit dessen überwältigendem Erfolg. Er wurde zum – nach Einspielergebnissen – besten Anime-Film überhaupt und überholte sogar den Kult-Streifen „Chihiros Reise ins Zauberland“. In deutschen Kinos zog er 2016 mehr als 100.000 Zuschauer an – ein neuer Rekord. 

Das Drama dreht sich um die beiden Oberschüler Taki und Mitsuha, die gerade erwachsen werden und damit mehr schlecht als recht umzugehen wissen. Er ist Kind eines alleinerziehenden Vaters in Tokios Großstadtdschungel, sie Tochter des machtgeilen Bürgermeisters ihres Heimatkaffs in der japanischen Provinz. Dort ist sie alles andere als zufrieden. 

Eines Tages ruft sie durch ein Tor: „Ich will ein gut aussehender Junge in Tokio sein!“, um endlich dem perspektivlosen Land und ihrer Familie zu entfliehen. Nachts fliegt ein Komet über den Sternenhimmel, der ihren Wunsch vernommen zu haben scheint. 

Es kommt, wie es kommen muss: Auf unerklärliche Weise tauschen Taki und Mitsuha von jetzt an regelmäßig die Körper. Auf humorvolle Weise erzählt der Film, wie die Teenager im Körper des anderen sich das Leben gegenseitig erleichtern wollen – und dabei schon mal zur Hölle machen. Zunächst nicht sehr begeistert von ihrem „Tauschpartner“ kommen sich die beiden langsam näher, bis das Unvermeidbare geschieht. Der Komet „Tiamat“ crasht in Japan und zerstört – ähnlich schicksalhaft und unerwartet wie das mysteriöse Körpertauschen – Mitsuhas Heimatdorf. Alle Einwohner sterben, auch sie. Das Tauschen hört auf. Ende der Geschichte. 

Oder auch nicht: Denn jetzt liegt es an Taki, die Katastrophe irgendwie rückgängig zu machen. Seine Erinnerungen an das Geschehene werden allerdings immer schwächer, nur mit Mühe kämpft er sich zum völlig zerstörten Dorf durch. Mitsuhas Namen vergisst er von Tag zu Tag mehr, egal was er auch macht – so entstand wohl der Film des Titels. 

Glücklicherweise scheint „das Universum“ auf seiner Seite zu sein. Ähnlich wie Mitsuha am Anfang der Geschichte, gelingt es ihm, einen Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen. Er will weder Geld, noch Macht oder Berühmtheit. Stattdessen nur eine Chance, die Vernichtung des Dorfes und damit Mitsuhas Tod zu verhindern. Er bekommt sie. Damit beginnt eine große Rettungsaktion mit völlig ungewissem Ausgang. Ob es ein Happy End gibt, kann unter anderem beim Streamingdienst „Netflix“ von der Couch aus recherchiert werden. 

Geniale Symbolik

Neben der mitreißenden Geschichte hat mich vor allem die ausgefeilte Symbolik des Films begeistert. Sie beginnt schon auf einem der Filmposter – dort sind die beiden Protagonisten Mitsuha und Taki nebeneinander zu sehen. Taki in der anonymen Großstadt Tokio, Mitsuha in ihrem ungeliebten Heimatdorf. Sie sehen den Betrachter an. Zwischen ihnen: Die grell scheinende Sonne, deren Strahlen die beiden verbinden. 

Taki repräsentiert das Männliche, den Verstand, die intelligente Ordnung einer entwickelten Großstadt – die aber grau, irgendwie glücklos und sinnentleert erscheint. Mitsuha steht für das Weibliche, die Emotion, die grünende Natur der japanischen Provinz. Doch es gibt kaum Perspektiven; junge Menschen verlassen das Dorf, um die Möglichkeiten Tokios wahrzunehmen. Sowohl Taki als auch Mitsuha vermissen etwas – nämlich ihr Gegenstück. 

Obwohl beide zig andere Möglichkeiten hätten, entscheiden sie sich füreinander und damit für eine große Portion Ärger. Das auf dem Plakat künstlerisch angedeutete Kreuz zwischen den Protagonisten kann man so deuten, dass Mann und Frau als zwei „Säulen“ und Pole des Menschscheins nur zueinander finden können, wenn sie bereit sind, für ihr Gegenüber Opfer zu bringen. Wie bei „Yin und Yang“ kann das eine nicht ohne das andere bestehen. Es grenzt an ein Wunder, dass dieser Film im gender-verblödeten Deutschland überhaupt noch unzensiert gezeigt wird. 

Die moralische Lektion für den Zuschauer ist subtil, aber eindeutig: Um „dem Chaos“ – im Film der Kometeneinschlag – Einhalt zu gebieten, müssen die Menschen zueinander stehen. 

Ein berechtigter Welterfolg 

Nicht zuletzt wegen dieser tiefgehenden Botschaft ist „Your Name.“ mein Lieblings- Animefilm. Er hält die Werte Verbundenheit, Liebe und das verantwortliche Umgehen mit herausfordernden Lebensrealitäten hoch. Besonders in Japan, aber auch im Westen haben diese an Bedeutung verloren und wurden durch einen – für mich – überbordenden Materialismus ersetzt. Regisseur Makoto Shinkai schuf ein inspirierendes Stück Filmgeschichte, das Problemen unserer Zeit einen fesselnden Gegenentwurf präsentiert. Qualität und Spannungsbogen tun ihr Übriges. 

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