Eindrücke zur Berlinwahl-Recherche: drei Autoren erzählen

Selma (16):


Am Dienstagmorgen, den 17. Mai, trottete ich nicht, wie sonst, zur Schule. Nein, an dem Tag marschierte ich zum Kammergericht in Berlin. Ich ließ 8 Schulstunden und einen Mathetest sausen und setzte mich vor sieben Ordner, mit je 500 Seiten. Haben sie schon mal 4000 Seiten am Stück fotografiert? Kamera nach links: klick!, Kamera nach rechts: klick!, umblättern, Kamera nach links: klick!, Kamera nach rechts…so ging es weiter, für neun Stunden. Nun, es war der Sinn der Sache, der mich antrieb, all diese Seiten zu fotografieren: Es geht schließlich um unsere Demokratie! Außerdem: bei der Arbeit, so dumpf sie auch klingt, gab es doch eine gewisse Spannung, denn jedes zweite Wahllokal hatte eine andere Story über eine Wahlpanne zu bieten. Neun Stunden lang arbeitete ich mich durch die Wahlunterlagen der Berlinwahl und habe alles mögliche gesehen: Protokolle auf blankem Papier, auf gelbem Papier und sogar auf einem Stück Pappe! Wahlhelfer, die kein Deutsch können, Wahlhelfer, die Leute zwei Mal wählen lassen und Wahlhelfer, die nicht verstanden haben, was sie da ausfüllen. Nicht zu fassen wie mit dieser Wahl umgegangen wird. Ich bin vielleicht erst 16 Jahre alt und war noch nie an einer Wahl beteiligt, doch selbst ich rieche, dass da was faul ist.


Laura (19):


Zwei Tage der letzten Woche verbrachte ich im Kammergericht Berlin, zwischen Kisten und Aktenstapeln, mit dem Handy in der Hand, Fotos knipsend. Statt in die Uni zu gehen, habe ich mich durch die Wahlunterlagen von Neukölln und Lichtenberg gearbeitet. Wir haben teilweise stillschweigend, konzentriert und stringent hintereinanderweg ein Foto nach dem anderen gemacht. Die Zusammenarbeit der beiden Tagen hat mich besonders beeindruckt. Anders wären diese Aktenmengen auch nicht zu bewältigen gewesen. Wir wussten stets, wie viel noch zu schaffen ist, wer welchen Bezirk gerade bearbeitet und welche Daten noch übertragen werden müssen. So trocken, wie diese Fleißarbeit klingt, hat sie doch auch sehr lustige Momente geboten. So machten wir immer wieder unterhaltsamen Entdeckungen, welche über amüsante dokumentierte Zwischenfälle bis hin zu sympathischen anonymen Wählerbriefen reichten. Am Ende beider Tage fuhr ich mit einem wirklichen Erfolgsgefühl nach Hause. Wir haben gemeinsam, als Team, lange und konzentriert aus Überzeugung gearbeitet, in der Hoffnung, auf irgendetwas zu stoßen, das die Mühe wert wäre. Bei den Auswertungen der Unterlagen zu Hause wurden unsere Erwartungen schließlich sogar übertroffen. Dieses Teamwork zu erleben und jetzt zu sehen, dass sich unsere Fotosessions gelohnt haben, ist ein sehr gutes Gefühl.

 

Jonas (20):


In den vergangenen Wochen habe ich mich, wie viele meiner Kollegen bei Apollo News, durch die tausenden digitalisierten Ordnerseiten der Berliner Wahlen aus dem vergangenen Jahr geblättert. Unregelmäßigkeiten waren bei dieser Wahl keine Ausnahme, sondern der Regelfall. In so gut wie jedem Wahllokal ergaben sich hohe Differenzen zwischen den abgegebenen Wahlzetteln und den im offiziellen Verzeichnis eingetragenen Wählern, die in den meisten Fällen unaufgeklärt blieben. Zudem kam es in etlichen Fällen zur Ausgabe von vertauschten Wahlzetteln, die in vielen Wahlgebieten zur nachträglichen Ungültigkeit tausender abgegebener Stimmen führten. In anderen Wahlkreisen erklärte man diese ungültigen Stimmen dann im Nachhinein doch wieder für gültig, selbst wenn die auf dem Stimmzettel angegebenen Kandidaten überhaupt nicht in den von Verwechslungen betroffenen Wahlkreisen ansässig waren.
Ich ziehe daher folgendes Fazit aus der Auswertung dieser Unterlagen: die Wahlen in Berlin hatten nur wenig mit der demokratischen Legitimierung unserer Volksvertreter zu tun. Sie war unprofessionell, intransparent und für den Wähler verwirrend. Das vom Apollo-Team aufgedeckte Chaos in der Hauptstadt wäre vielleicht in einem jungdemokratischen Dritte-Welt-Land zu erwarten gewesen, nicht aber im „besten Deutschland, das es jemals gegeben hat“ (Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier). Es ist daher auch skandalös und keinesfalls nachvollziehbar, dass sich Oberbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) eigenen Angaben zufolge nicht als eine von „denen (sieht), die sich jetzt schon Gedanken über den nächsten Wahlkampf machen.“

2 Antworten

  1. Ich bewundere eure Arbeit insgesamt, Qualität und Ausdauer, eure Teamfähigkeit,
    euer Engagement gegen Widerstände. Macht bitte weiter! Ihr macht Hoffnung.

  2. Schmiddi sagt:

    Man muss es einfach mal ganz klar sagen: was Apollo hier geleistet hat, ist Journalismus allererster Güteklasse. Das ist auf einem Level mit dem einstmals großen Spiegel (lange her), aber der hatte Millionen auf dem Konto und eine Armee von Redakteuren. Also: bitte weiter so!