Ein Plädoyer gegen das Tempolimit 

Von Glenn Antoine | Kein Gegenverkehr, keine kreuzenden Autos, keine Gefährdungen wie Fußgänger oder Radfahrer. Ebenso keine Fahrzeuge, die nicht mindestens 60 km/h fahren können. Mindestens zwei breite Fahrspuren, die geradlinig sind und höchstens eine schwache Kurve haben – das sind die deutschen Autobahnen. Es sind die sichersten Straßen in Deutschland. 

In den letzten Tagen liest man wiederholt die Forderung nach einem Tempolimit von 130 auf der Autobahn. Wir erleben im Moment eine Debatte über das generelle Tempolimit. Eine Debatte, die durch die Instrumentalisierung von Verkehrsunfällen angestoßen wird. Jedoch wird diese Debatte lediglich von Gefühlen geleitet und berücksichtigt viele Faktoren nicht. 

Bevor wir zu den Argumenten kommen, erstmal ein Paar Fakten: Die deutschen Autobahnen erstrecken sich über 13.000 Kilometer, was umgerechnet 6% dem gesamten Straßennetz von Deutschland entspricht. Laut der Bundesanstalt für Straßenwesen sind aktuell 2/3 ohne Tempolimit befahrbar. Ein Alleinstellungsmerkmal für Deutschland, denn keine andere Industrie-Nation gewährt freie Fahrt. Dies wird immer wieder bei Debatten angeführt. 

Ein Blick auf die Fakten genügt, um festzustellen, dass der Einfluss von einem Tempolimit auf die Sicherheit sehr gering ist. Ein Argument, was jeder von uns gehört hat: die Unfälle nehmen stark ab, sobald ein Tempolimit von 130 eingeführt wird. Natürlich könnte ein Limit von 130 die Unfälle senken. Nur gäbe es bei 120 noch weniger Tote. Wieso nicht gleich 80, um nochmal sicher zu gehen? Da jeder Tote einer zu viel ist, wäre es am sichersten, wenn alle Autos stehen würden. 

An diesem Beispiel erkennt man, dass dieses Argument eine Grenzwertfalle ist. Alle Argumente, die für einen Grenzwert sprechen, sind ebenfalls Argumente, um die Grenze noch mehr abzusenken. 

Doch sind unsere Autobahnen so unsicher, dass man ein Tempolimit braucht? Einer Erhebung des Europäischen Verkehrssicherheitsrates zufolge kommen in Deutschland 1,9 Tote auf eine Milliarde gefahrene Autobahnkilometer. Damit liegen wir ziemlich genau im Mittelfeld zwischen Spitzenreiter Dänemark (0,8 Tote) und Schlusslicht Litauen (5,3 Tote). Weitere Beispiele sind Österreich (4,3 Tote) und die USA (5)

Anhand dieser Werte lässt sich gut erkennen, dass ein Tempolimit nicht der alleinige Faktor für die Sicherheit ist und die Anzahl der Toten nicht mit Geschwindigkeitslimits korreliert. Für mehr Sicherheit sorgen Innovationen, wie Seitenaufprallschutz, Airbag, ABS oder ESP. Es wäre sinnvoller und effektiver in solche Systeme zu investieren, als in ein Tempolimit, welches keinen garantierten Effekt mit sich bringt. 

Des Weiteren stellt sich die Frage, welche Autos von einem Tempolimit betroffen wären. Rein theoretisch kann man auf Autobahnen so schnell fahren wie man will. Jedoch nur so schnell, wie das Auto es zulässt. Von den 57,3 Millionen zugelassenen Fahrzeugen (Stand 2019) schaffen lediglich 30% der Autos die 200 km/h Marke. Die Fahrer, die von dem Tempolimit  betroffen sind, können sich zu Recht darüber ärgern, bei klarer Sicht und einer freien Autobahn nur maximal 130 km/h zu fahren zu dürfen.

Wie man sehen kann, kann man allgemeinen Lebensrisiken nicht mit Gesetzen oder Grenzwerten begegnen. Gegen tödliche Unfälle auf der Autobahn helfen bessere Fahrzeuge und eine bessere Infrastruktur – bei jeder Geschwindigkeit. 

Fakt ist, wir müssen unsere Verkehrssicherheit überarbeiten. Die eigentliche Schwachstelle auf den deutschen Straßen sind die Landstraßen, dort werden 60% der Verkehrstote registriert. Hierbei helfen aber ebenfalls keine Tempolimits, denn am gefährlichsten sind diejenigen, die immer eine konstante Geschwindigkeit haben, egal wie die Verkehrslage ist. 

Die ehemalige SPD-Vorsitzende wurde in einem FAZ-Interview 2013 Folgendes gefragt: “Woher kommt Ihre Freude am schnellen Autofahren?” Ihre Antwort: “Ich wohne zehn Kilometer entfernt vom Nürburgring. In der ganzen Region gibt es viel Begeisterung für den Motorsport. Es macht halt unheimlich Spaß, durch die Eifel zu fahren. Weil es so kurvige Strecken sind, weil die Landschaft so toll ist.“

Dies ist ein perfektes Beispiel, woher die Unfalltoten kommen. Dagegen hilft auch kein Tempolimit, sondern Mechanismen wie der ESP. Das elektronische Stabilitäts-Programm hilft in Kurven Schleuder-Unfälle zu verhindert oder aber deren Folgen zu mindern.

Was wir brauchen, sind moderne Systeme, die anzeigen, wie die Verkehrslage ist. Wir müssen nicht ein generelles Tempoverbot von 130 auf der Autobahn einführen. Der Fahrer wird automatisch vom Gas runter gehen, wenn in Kürze ein Stau ist oder die Sicht so unklar ist, dass es in den nächsten Metern zum Aufprall kommen könnte.

Wir haben erkannt, dass erstens keine Korrelation zwischen Tempolimit und Unfalltoten existiert und zweitens die Autobahnen um weiten sicherer sind als die Landstraßen oder der Stadtverkehr. Insofern kann ich nur abschließend sagen, dass ein generelles Tempolimit nicht mehr Sicherheit auf der Autobahn bringen würde. Es wäre ein reiner Symbolakt. Wem wirklich die Sicherheit auf der Autobahn wichtig ist, der investiert zum einen in Fahrzeugtechnik und zum anderen in anpassbare Geschwindigkeitstafeln auf der Autobahn – das sollte Gegenstand der Debatte sein, kein generelles Tempolimit. 

8 Antworten

  1. Valentin V. sagt:

    Dieses Argument Verkehrstote ist reichlich problematisch. Zum einen ist da die Datenbasis. Überhöhte Geschwindigkeit trägt die Polizei immer ein, wenn nichts anderes passiert ist. Aber ob es daran lag, dass die Fahrerrin den Lippenstift rausgekramt hat, der Fahrer am Navi rumgetippt hat, weiss keiner. Manch Fahrer ist einfach zu doof, wenn ders nicht peilt , na dann eben Darwin. Kein Grund alle zu schikanieren. Und dann mal die Frage, wieviel bringt es denn konkret? Und dann wird klar, es gibt massenweise andere Möglichkeiten, eher um Leben zu kommen. Bekannterweise den Haushalt. Es geht gar nicht um den Zusammenhang Geschwindigkeit – Gefahr, es geht um Schikane.

    • A. Schmidt sagt:

      “Und dann mal die Frage, wieviel bringt es denn konkret?”
      Auch dazu empfehle ich einfach mal die Erhebung des europäischen Verkehrssicherheitsrates zu lesen (https://www.vdtuev.de/dok_view?oid=515581). Dort heißt es auf Seite 10: “The German Road Safety Council (DVR) says that in 2013 the number of deaths per kilometre of motorway was 30% lower on stretches of German motorways that have speed limit compared to those without limits.”
      Es bringt also 30% weniger Tote. Natürlich hat das ganze eine gewisse statistische Unsicherheit, aber 30% sind viel. Und bei so einer Differenz zu behaupten es läge an der Datenbasis, weil die Polizei immer überhöhte Geschwindigkeit einträgt und es eigentlich daran lag, dass der Fahrer auf dem Navi getippt hat oder nach irgendetwas gekramt hat, ist völliger Unsinn. Bei so einer klaren Differenz zeigt sich, dass dort ein klarer Zusammenhang mit der Geschwindigkeit besteht. Es ist nicht auszuschließen, dass die Polizei vielleicht einige Unfallursachen falsch bewertet, aber das wird im statistischen Grundrauschen untergehen. Es geht also wohl um den Zusammenhang Geschwindigkeit – Gefahr.
      Und das Argument, dass es massenhaft andere Möglichkeiten gibt, ums Leben zu kommen ist nicht zielführend. Nur weil es auch andere potentielle Gefahrenquellen in unserem Leben gibt, heißt das nicht, dass deshalb ein Tempolimit Unsinn ist und man darüber nicht diskutieren muss.
      Und ich empfehle auch einfach mal den gesunden Menschenverstand zu benutzen. Ein Tempolimit vermeidet hohe Differenzgeschwindigkeiten, wodurch sich der Anhalteweg als auch der Weg, der während der Reaktionszeit zurückgelegt wird, verkürzt . Das entschärft Gefahrensituationen und verbessert auch den Verkehrsfluss. Da sie mir das wahrscheinlich nicht glauben wollen, verweise ich hierzu auf den deutschen Verkehrssicherheitsrat https://www.dvr.de/dvr/beschluesse/2020-generelle-tempolimits-auf-bundesautobahnen.html

      Es gibt klare Belege, dass ein Tempolimit hilft. Das ist keine Schikane.

      Im Übrigen hat der Autor immer noch nicht klargestellt, warum er die Daten des europäischen Verkehrssicherheitsrates benutzt, um gegen ein Tempolimit zu argumentieren, obwohl die gleiche Studie eigentlich ganz klar ein Tempolimit empfiehlt. Hier werden die Ergebnisse der Studie verdreht und somit falsch dargestellt. Es sei denn, es handelt sich um eine andere Studie. Aber das könnte der Autor ja klarstellen.

      Mit freundlichen Grüßen
      A. Schmidt

  2. A. Schmidt sagt:

    Lieber Autor,
    Mich würde mal interessieren, welche Erhebung des europäischen Verkehrssicherheitsrates sie eigentlich meinen. Ich habe diese hier gefunden: https://www.vdtuev.de/dok_view?oid=515581.
    Dort heißt es wörtlich: “Germany: deaths higher on motorways sections without speed limits.”
    Das ist die Überschrift eines Absatzes zur Situation in Deutschland. Diese scheinen sie wohl überlesen zu haben. Am Ende dieses Absatzes schreibt der ETSC, dass dieser ein generelles Tempolimit empfiehlt. Zu diesem Ergebnis gelangt der ETSC anhand von Daten die Autobahnstrecken in Deutschland mit und ohne Tempolimit vergleichen. Und das ist auch der richtige Weg. Der Vergleich zwischen den Staaten hinkt. Denn wie sie schon richtig anmerken, ist natürlich ein Tempolimit allein nicht der einzige Sicherheitsfaktor. Ich wüsste auch nicht, wer das behauptet hat. Natürlich sind auch Zustand der Autobahnen, das Verkehrsaufkommen und die Fahrzeugsicherheit wichtige Einflussgrößen. Das macht es auch schwer die Länder miteinander zu vergleichen. Und das macht es auch schwer in den Daten eine entsprechende Korrelation für das Tempolimit zu sehen. Korrelation funktionieren dann besonders gut wenn es nur eine oder wenige Einflussgrößen gibt. Das ist hier aber nicht der Fall. Vielleicht ist der Autobahnzustand auch viel entscheidender für die Sicherheit. Deshalb sieht man die Korrelation nicht. Das heißt aber nicht, dass es deshalb auch keine Korrelation gibt. Da interpretieren sie die Statistik falsch. Natürlich beweisen die Daten so nicht, dass ein Tempolimit mehr Sicherheit bringt. Sie beweisen aber auch nicht das Gegenteil. Deshalb verweist die Studie auf den Vergleich innerhalb Deutschlands zwischen Strecken mit und ohne Tempolimit. Und dort gibt es eben die Korrelation.
    Diese Studie verwendet übrigens die gleiche Methode und kommt zum selben Ergebnis: https://mil.brandenburg.de/sixcms/media.php/4055/studie_tempolimit.pdf

    Also falls sie da noch eine andere Studie haben, würde mich diese mal interessieren. Ansonsten verdrehen sie hier die Ergebnisse der Studie.

    Beste Grüße
    A. Schmidt

  3. Coven Berlin sagt:

    Das Autolimit ist ein Hebel der Linksgrünen, um die Autofahrer – also das arbeitende Volk – weiter weiter einzuschränken und letzten Endes abzuschaffen.

  4. Ron sagt:

    Ich bin jetzt über 50,auch ich war früher gerne “Raser”.Auch ich halte mich nicht an unnötige 80er Beschränkungen,insbesondere nicht nachts.Aber: Ich habe inzwischen Familie,und gurke dann gerne mit 120-140km durch die Gegend,da ab ca 140 die Fahrerei in Stress ausartet.Nun blinkt mich auf der Überholspur ein 220km AMG aus dem Weg .Dasselbe mit röhrenden Motorrädern auf der Landstasse,die erschrecken mich jedes Mal zu Tode wenn sie mit 180 an mir vorbeischießen.Ich bin mal in den USA autogefahren, und als ich zurückkam,fühlte ich mich wie im Krieg.Deswegen ,trotz aller Freiheitsliebe: Her mit dem Tempolimit,meinetwegen auch 150.In den Städten da ein Tempolimit von 40 wo es Sinn macht .Was das Wochenendfahrverbot für Motorröder betrifft: Her damit,wer so geistesgestört durch die Gegend brettert,hat es nicht anders verdient

  5. Fred G. Eger sagt:

    Zitat: Laut der Bundesanstalt für Straßenwesen sind aktuell 2/3 ohne Tempolimit befahrbar.

    Ich möchte hier aber anmerken, dass in diese 2/3 auch Strecken eingerechnet werden, an denen diese steuerbaren Anlagen über der Fahrbahn installiert sind. Theoretisch wäre da unlimitiert machbar, de faco steht da aber im normalen Betrieb meist 120 oder weniger.

    Um es “gefühlt” zu erzählen: Als ich anfang der 80er nach München zog und am Wochenende zu meinen Eltern in der Gegend hinter Stuttgart fuhr, war mein Rekord 2 Stunden 5 Minuten – mit einem Fiat Panda. Diesen Rekord habe ich nie unterboten, auch wenn ich später mit Fahrzeugen unterweg war die weitaus schnellere Geschwindigkeiten erlaubt hätten (Porsche 911 beispielsweise). Einfach weil die eingeführten Geschwindigkeitsbegrenzungen, zum Teil durch diese steuerbaren Anlagen, keinen niedrigen Durchschnitt erlaubt/ermöglicht haben.
    Aus meiner Münchner Zeit ist mit keine BAB weg von München in Erinnerung die höhere Geschwindigkeiten als 120 erlaubt hätte.
    Als wir vor ca. 10 Jahren in die Heide-Gegend südlich von Hamburg gezogen sind, gab es einige kurze Abschnitte auf den BAB die unlimitiert waren. Im Laufe der Jahre wurden diverse Strassenoberflächenverbesserungsmassnahmen durchgefüht. Allen Massnahmen einher gingen Limitierungen auf max. 120.
    Wie gesagt, das ist eine mehr oder weniger “gefühlte” Beschreibung/Wahrnehmung,

    Es kann ja sein sein, dass wir eine “Raser-Nation” sind, aber es sollte jeder erfahren/erkennen ob wir eine “rasen-können-Nation” sind. Letzeres hätte nichts mit ersterem zu tun und sollte nicht vermischt werden.

  6. Peisistratos sagt:

    Das Argument vom Grenzwertfall ist sicherlich eine Erwägung wert, ebenso wie die Tatsache, dass die Unfallgefahr auf Landstraßen weit höher ist als auf den Autobahnen.

    Es gibt aber eine ganze Menge Trottel, die auf der Autobahn meinen, mit ihrem tollen SUV mir auf der Rückhaube sitzen und aufblenden zu müssen, weil ich ihnen anscheinend im Weg bin. Dazu kann ich nur sagen, dass diese Leute ein fehlgeleitetes Verständnis von Freiheit haben. Ich rede nämlich nicht davon, dass ich selbst mit 80 km/h gerade den Verkehr auf der Autobahn aufhalten würde.

    Mich kotzen solche Leute richtig an; ich halte sie für eine Gefahr für meine Freiheit, meine Gesundheit und mein Leben. Dafür muss man kein Neomarxist sein.

    Daher Tempolimit 130 auf den Autobahnen.

  7. Marc Greiner sagt:

    Jedes Nachgeben provoziert noch mehr Forderungen. Frage: Geht es um Sicherheit? Nein. Es geht darum, gegen das Auto zu sein. Da nützt kein Diskutieren sondern man sollte von vornherein entgegnen: Kommt nicht in Frage! Warum nicht? Weil ich es nicht will. Punkt. Die Linken und Grünen sagen es ja auch so, auch wenn sie irgendwelche Alibi-Gründe vorschieben, die je nach Jahreszeit wechseln (Waldsterben, Sicherheit, Klimaschutz usw.). Ich wiederhole mich aber im Kommunismus ist jeglicher Transport vom Staat zu organisieren. Steht so geschrieben, wurde so angewandt, weitestgehend. Die Neo-Marxisten wollen keine Freiheit. Jede Freiheit ist denen ein Dorn im Auge. Wenn ich es mir recht überlege, könnte man doch auch sagen, Schnell-Fahren ist rassistisch. Keine Ahnung wieso, aber warten wir mal ab. Kommt sicher noch.