Ein Gespräch: Was Putins Krieg für in Deutschland lebende Russen bedeutet

Von Johanna Beckmann | In Deutschland leben nach dem Stand 2020 ungefähr 234.000 Menschen mit einer russischen Staatsbürgerschaft. Diese Menschen werden seit dem Kriegsbeginn oft mit Fragen gelöchert und angefeindet. Viele von ihnen sind in Russland die Deutschen und in Deutschland die Russen. Auch in meine Klasse geht ein Mädchen mit einer russischer Staatsbürgerschaft. Sie ist 17 Jahre alt und wohnt ungefähr 1900 Kilometer von ihrer Geburtsstadt Moskau weg. Sie hat mit der russischen Politik so viel zu tun, wie ich – trotzdem muss sie mit Konsequenzen durch den Russland-Ukraine Konflikt rechnen.

Meine Klassenkameradin erzählte mir, dass sie 2015 im Alter von 10 Jahren nach Deutschland kam. Ihr größtes Problem war zu Beginn, die deutsche Sprache zu lernen, um sich gut zu integrieren zu können. In diesen polarisierten Zeiten einen russischen Akzent zu haben, reicht jetzt schon aus, um in ungefragte Diskussionen verstrickt zu werden. „Seitdem der Konflikt eine große Aufmerksamkeit in Deutschland erlangt hat, werde ich oft über meine Meinung gefragt, oft auf eine unhöfliche Art.“, erzählte sie mir. Sie teilte mir mit, dass viele Freunde und Bekannte ihre Meinung teilen und  sie unterstützen, jedoch habe sie das Gefühl, von der Mehrheit verurteilt zu werden –  für Geschehnisse, auf die sie keinen Einfluss hat. 

Ich frage sie, ob sie Angst hat, sie antwortet: „Es gibt zahlreiche Sachen, vor denen ich Angst habe, aber auch die mich wütend machen. Ich glaube, ich muss mich nicht zur Situation in der Ukraine äußern, denn jedem vernünftigen Menschen ist klar, dass das was passiert eine große Schande ist.“ Außerdem sagte sie, dass sie Angst um ihre Verwandtschaft, um sich selber und die Menschen, die ihr wichtig sind hat. Mir weil sie Russen sind, werden aufgrund ihrer Herkunft für den Krieg verantwortlich gemacht. Sie bekommen Probleme, auch wenn sie sich gegen den Krieg äußern. Auch in Russland herrscht bei vielen Menschen Antikriegs- Stimmung.

Jedoch hat sie das Gefühl, von der Mehrheit verurteilt zu werden –  für Geschehnisse, auf die sie keinen Einfluss hat. 

Neben den drohenden Folgen die von Mitmenschen ausgehen, machen ihr aber vor allem die staatlichen Maßnahmen zu schaffen. Von den Sanktionen, die Putin bekämpfen sollen, bekommt sie stattdessen die Folgen zu spüren. Sie hat einen russischen Pass – daher treffen sie die Beschränkung der Reisefreiheit besonders hart. Sie darf nicht ins Ausland reisen, dementsprechend kann sie nicht in den Urlaub fahren und auch bei der nächsten Klassenfahrt muss sie zu Hause bleiben. „Es werden Sanktionen gegen die russische Bevölkerung ausgesprochen, die ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Kreditkarten werden gesperrt, es gibt Visumsbeschränkungen und Meta plant ebenfalls ihren Rückzug aus Russland und viele andere Firmen schließen sich an. Dabei interessiert sie die Situation in der Ukraine überhaupt nicht, sie hoffen, mit solchen Aktionen der “Solidarität”, Sympathie bei Kunden zu gewinnen. Dadurch, dass es Einreisebeschränkungen gibt, können Bürger mit einer russischen Staatsangehörigkeit nicht ausreisen, denn kein Land würde sie reinlassen. Den Menschen wird die Möglichkeit genommen, aus einer Diktatur zu fliehen. Und durch das Sperren sozialer Netzwerke, die von Meta verwaltet werden, sind Russen in ihrem eigenen Land eingesperrt ohne Kontakt zur Außenwelt. Ich finde es unmoralisch doch muss mir trotzdem anhören, dass es Maßnahmen geben muss, um Putin abzuhalten. Ich frage mich, womit die russische Bevölkerung es verdient hat, so von der Welt ausgeschlossen zu sein und wieso sie kein Recht dazu haben, das Regime, das ihnen offenbar schadet, zu verlassen und in einem anderen Land Unterkunft zu suchen.”

Auch wenn es in Deutschland Russen gibt die mit Putin sympathisieren, kann es für Personen wie meine Klassenkameradin schwer sein, behandelt zu werden, als wäre sie eine KGB-Agentin. Sie gehört plötzlich nicht mehr dazu. Denn bei Sanktionen in diesem Ausmaß könnten wir voller Vorfreude unsere Auslandsreise planen: „Welche Sehenswürdigkeiten werden wir besuchen? Wo werden wir shoppen gehen?“ Sie könnte nur daneben sitzen und auf eine Woche Unterricht in einer der unteren Klassen warten. Sie würde für eine Sache bestraft werden, auf die sie keinen Einfluss hat. Ihr Pass wird zum politischen Statement.

1 Antwort

  1. Nordlicht sagt:

    Hm. Warum leben in Deutschland so viele Russen mit russischer Staatsbürgerschaft? Wenn sie hier bleiben wollen, sollen sie sich integrieren und deutsche Staatsbürger werden. (Das ist meine Meinung zu alle Zuwanderer.)