„Ehrenpflegas“: Die lustige Anleitung zum Staatsknete-Abzocken

Von Elisa David | Guten Tag und herzlich Willkommen, liebe Leser, bei einer neuen Folge von „Für welchen Quatsch wird mein Steuergeld heute aus dem Fenster geworfen?“, dieses Mal mit einer Mini-Serie. Das Bundesfamilienministerium präsentiert das neuste Prachtstück: „Ehrenpflegas“ – von den Machern von „Fack Ju Göthe“ (kein Scherz). Als ein Teil der Kampagne „Ausbildungsoffensive Pflege“ unter dem Motto „Mach Karriere als Mensch“ soll die Serie jungen Menschen den Beruf des Pflegers nahebringen. Und da die Regisseure von „Fack Ju Göthe“ ja dafür bekannt sind, Schüler zum Lernen zu motivieren, wer wäre da besser geeignet? Und dann noch zu einem Spottpreis von 700.000 €?

Ach ja, „Fuck Ju Göthe“, da werden bei mir Kindheitserinnerungen wach. Ich habe mich wirklich jahrelang strikt geweigert, diesen Film zu sehen. Eines Tages gab es kein Entkommen mehr – als nämlich meine Physiklehrerin uns den Film in der letzten Stunde vor den Ferien ansehen ließ. Die Szene, als Elyas M’Barek „Chantal, heul leise“ ruft, war die einzige, bei der ich mal schmunzeln musste, und dafür schäme ich mich bis heute. Den Rest der Zeit hab ich mir nur ausgerechnet, wie viele Doppelstunden über Quantenphysik ich gegen diese Folter eintauschen würde.

Als ich also erfuhr, dass „Ehrenpflegas“ von den Leuten erschaffen wurde, die mir diese Physikstunde angetan haben, habe ich mich selbstlos bereit erklärt, mir die Serie anzuschauen, damit Sie, liebe Leser, es nicht tun müssen. Also zu den Hintergründen: Die Serie spielt in der ersten Klasse der Pflegeschule, aber das kann der Hauptcharakter Boris viel besser erklären als ich, also lasse ich ihn sich mal mit seinen eigenen Worten vorstellen: „Mein Name ist Boris. Ich bin 25 Jahre alt und gehe 1. Klasse – 1. Klasse Pflegeschule. Pflegeschule nicht wie Förderschule. Ich brauche nicht Hilfe beim Essen, sondern ich lerne, wie man hilft, dass andere essen und so. Ich chill dann mit Alten und Kranken und so. Denk ich mal. Ist mein erster Schultag erst und so.“ 

Während Boris dem Erlernen der deutschen Grammatik noch freudig entgegenblickt, habe ich nach nicht mal einer Minute vermutlich schon fünf Gehirnzellen eingebüßt. Aber man muss nachsichtig mit Boris sein, offenbar hat er einen Migrationshintergrund. So wie seine neue Lehrerin (PoC), die mit ihrer Regenbogentasse alle Quoten sprengt. Da konnten es sich die Produzenten auch leisten, die anderen beiden Hauptfiguren weiß zu besetzen. Miray ist eine davon. Sie ist zwei Jahre jünger als Boris, und wie wir schnell herausfinden werden, ist Boris schon seit Ewigkeiten in sie verliebt – behalten Sie das im Kopf, das wird noch wichtig. 

Probezeit, Vertrag und dann sch*** drauf

Die dritte Hauptfigur ist ein Mädchen, das eher weniger liebevoll Harry Potter genannt wird, weil sie immer liest und lernt. Klingt bisher am sympathischsten? Keine Sorge, das ändert sich auch noch. Boris und Miray freuen sich jedenfalls, Harry Potter zu sehen, weil man bei ihr immer Hausaufgaben abschreiben darf. Sie weisen also eine genauso krasse Motivation auf, wie ihre Lehrerin, die ihr Handy mit in den Unterricht nimmt, um sich zwischendurch Pandababys auf Instagram anzuschauen. Obwohl das eigentlich unfair der Lehrerin Jana gegenüber ist. Denn wer sich auch wundert, warum Boris mit 25 erst im ersten Jahr seiner Ausbildung ist, der hat gut mitgedacht.

Nun, dafür gibt es eine einfache Erklärung: „Ausbildung heißt bei mir, ich mach die Probezeit, hab dann ´nen Vertrag und scheiß dann drauf. Kassier mein Cash und chill wie ein Maulwurf. Man kann mich ja nicht mehr so leicht rausschmeißen und so. Ist so mein Trick. Auf die Art war ich schon TischlerIn, FriseurIn und KraftfahrzeugmechatronikerIn.“ 

Also Boris, unsere vierfach qualifizierte Fachkraft, hat null Bock und null Ahnung – soviel zur ersten Folge. In der zweiten übernimmt Harry das Erzählen – „damit es nicht so bildungsfern wird“. Harry Potter heißt eigentlich Katrin Fuchner-Karelyoun. Sie ist total genervt von Boris. Er labere ihrer Meinung nach zu viel über Unwichtiges. An dieser Stelle würde man vielleicht noch mitgehen – bis sie offenbart, was sie als wichtiges Themen erachtet: Warum schafft der Mensch es nicht, den Klimawandel aufzuhalten? „Ich meine: Warum erzählt Boris zum Beispiel, dass er auf YouTube einem Typen folgt, der in Einmachgläser furzt und sie aufbewahrt? Warum reden wir nicht darüber, dass es bald keine Primaten mehr auf der Erde gibt? Und keine Schuppentiere?“ Neue Abgründe tun sich auf. Aber ja, Katrin, ich bin voll bei dir: Ich kann mich auch vor lauter Anleitungen, wie man Furze fachgemäß konserviert, kaum noch retten. Ich wünschte, die Medien würden ENDLICH mal mehr über Klimawandel schreiben.

Als Krankenpfleger richtig Kohle kassieren 

Während Katrin vor sich hin philosophiert, fällt Boris auf, dass er sein Handy vergessen hat. Zu dritt fahren sie also zurück zum Altenheim – in Katrins nagelneuem Cabrio, das sie sich von ihrer Ausbildungsvergütung gekauft hat. Also Kinder aufgepasst: Wenn ihr schnell an viel Geld kommen wollt, werdet Kinderkrankenpflegerin im ersten Ausbildungsjahr, da hagelt es richtig Kohle. Deshalb muss das Bundesfamilienministerium ja auch ganz verzweifelt 700.000 € für eine schlecht produzierte Werbeserie für den Pflegeberuf ausgeben. Allerdings ist es schon fast lustig, dass die Umweltschützerin ausgerechnet diejenige von den dreien ist, die sich von ihrem ersten Geld gleich ne fette Karre kauft. Am Altenheim angekommen, ist Boris plötzlich wie ausgewechselt. Es ist zum dahinschmelzen – der von außen so harte Draufgänger hat tatsächlich einen weichen Kern – wie unerwartet und originell. 

In der dritten Folge übernimmt Miray das Erzählen. Sie weiß offenbar, dass Boris in sie verliebt ist, aber sie steht so gar nicht auf ihn. Allerdings soll Miray ihre Meinung zu dem übergewichtigen Profischmarotzer mit Herz für Alte noch ändern – denn ein Referat steht an. Dazu muss man wissen, dass Boris ein Trauma von Referaten hat. In der Schule hat er mal ein Referat über den Otto-Motor halten sollen, hat aber stattdessen über den Otto-Katalog referiert – wer kennt‘s nicht. Nach viel Training schafft er es doch. Er erzählt über seinen Patienten, den 97jährigen Herrn Bergmann, der in Frau Bierling verliebt ist, die er im Seniorenheim kennengelernt hat. Er erklärt, dass er für die beiden Herrschaften jeweils iPhones besorgt und darauf WhatsApp runtergeladen hat, damit sie sich anschreiben können, obwohl Frau Bierling im Krankenhaus liegt. Aaaaaaw, ist das nicht süß? Ein weiteres Mal beweist Boris, wie lieb und süß und mitfühlend er ist. Nachdem er seine zehn Sätze runter hat, ist das Publikum begeistert und bekommt sich vor Jubeln und Klatschen gar nicht mehr ein. Und Miray gibt im Off zu, dass das der Moment war, indem sie sich dann doch ein bisschen in Boris verliebt hat. Währenddessen sind sechs Gehirnzellen von mir zu Boden gegangen.

Die Einzelheiten der letzten zwei Episoden erspare ich uns. Im Grunde überredet Miray Boris dazu, weiterhin als Pfleger zu arbeiten, indem sie ihm schreibt, dass er ja so toll mit Menschen umgehehen kann, und Boris wird festgenommen, weil er einen Kumpel verprügelt hat, der die Senioren als Gammelfleich bezeichnet hat. Boris gesteht Miray seine Liebe zwar immer noch nicht, aber ein Happy End gibt es trotzdem, denn alle haben ihre Probephase erfolgreich abgeschlossen. Na dann.

Also Kinder was ist die Lektion der Geschichte? Werdet Pfleger, denn da gibt es richtig Kohle, und das Mädchen eurer Träume wird sich in euch verlieben, weil sie euer warmes Herz entdeckt. Mein Tipp als junge Frau: Wenn es nur darum geht, Mädchen rumzukriegen, spart euch die Ausbildung – kauft euch nen süßen kleinen Hund, das hat den gleichen Effekt.

Wenn Relotius und Fack Ju Göthe ein Kind hätten

Im Fazit ist Ehrenpflegas so, als hätten Fack Ju Göthe und Relotius ein Kind bekommen. Auf der einen Seite der peinliche Versuch, Jugendslang nachzumachen, auf der anderen Seite Geschichten, die das Herz erwärmen. Das Märchen von Boris, der zwei Senioren Handys besorgt, ist genauso glaubwürdig wie die Geschichte vom Migranten, der 1.000 Euro auf der Straße findet und zur Polizei bringt. Die Realität sieht etwa so aus, dass die Pfleger Nachmittags um drei anfangen, die ersten wieder bettfertig zu machen, damit die letzten um 6 Uhr im Bett liegen.

Aber Boris eigentlicher Plan, Geld zu kassieren und nicht zur Arbeit zu kommen – das ist dagegen sehr realistisch. Mir ist der Fall eines Pflegers bekannt, der seit mehr als einem Jahr „krank geschrieben“ ist. Alle paar Monate lässt er sich in den Dienstplan eintragen, um guten Willen zu zeigen, kommt dann aber nicht. Trotzdem muss das Krankenhaus ihm den vollen Lohn zahlen und kann ihn nicht kündigen – was das eigentliche Problem ist. Denn solange er nicht gekündigt wird, besetzt er die Stelle, und man kann keinen Ersatz für ihn einstellen. Das hat zur Folge, dass alle anderen für ihn mitarbeiten müssen. Statt der vorgesehenen vier Rufdienste im Monat, müssen dann mal eben vier in der Woche gemacht werden. Was in dieser Sendung als Scherz dargestellt wird, ist im echten Leben bittere Realität, die von der Politik aber ignoriert wird.

Vor kurzem war das systemrelevante Medizinpersonal noch absolut heldenhaft. Was ist davon jetzt noch übrig? Ein schrecklich peinlicher Spitzname, den sich irgendwelche Regisseure in ihrem Elfenbeintürmchen ausgedacht haben. 

Seit dem 12. Oktober ist die Serie auf YouTube online – und schon jetzt ist die die Kommentarfunktion deaktiviert. Statt sich die Kritik zu Herzen zu nehmen, lädt das Bundesfamilienministerium aber lieber Videos mit eigenem Feedback von echten Pflegepersonal hoch – die das Projekt natürlich in den Himmel loben. 

Eine Parodie gibt es auch schon, die YouTube und Menschen in Pflegeberufen begeistert:

Dieser Artikel von Elisa David erschien zuerst auf TichysEinblick.