Digitalisierung an Schulen? Nein, danke! Das funktioniert hinten und vorne nicht.

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Von Johanna Beckmann | Grüne Kreidetafeln werden Whiteboards und Hefter werden Tablets. Meine Schule soll nun digitalisiert werden. Kann das funktionieren?

Die neu gebildete Ampelkoalition forderte im Koalitionsvertrag, dass die Bildung verbessert und digitalisiert wird, durch zum Beispiel bessere Lernplattformen. Vor allem während der Corona-Pandemie fiel auf, dass die Schulen nicht über  ausreichend digitale Infrastruktur verfügen. Das Einstellen von Unterrichtsinhalten fiel den Lehrern schwer, da die Plattform oft überlastet war und sowohl Lehrer als auch Schüler zu bestimmten Uhrzeiten nicht auf diese zugreifen konnten. Jedoch gibt es auch im Schulalltag in Präsenz genug Dinge, die nicht funktionieren. Ich habe das zur Genüge an meiner Schule erlebt. 

Ein bekanntes Beispiel wären die Overheadprojektoren, sie werden seit ungefähr 50 Jahren in Schulen genutzt, dennoch kann man sie oft nicht gebrauchen. Der Lehrer legt eine Folie auf, schnell bemerket er, dass die Lampe nicht funktioniert. Also müssen nun wir Schüler verschiedene Klassenräume abklappern um einen neuen Projektor zu finden. Nach einer 30 minütigen Wanderung durch unser Schulhaus kann unser Unterricht dann beginnen. So fällt ein Drittel unserer Unterrichtsstunde weg. Den Nachteil haben dann wir Schüler, da wir durch diesen Verlust von Unterrichtszeit nicht den gesamten Lernstoff schaffen.

Ähnlich sieht die Misere in unseren Computerräumen aus. Wenn eine Unterrichtsstunde in diesen Räumen angekündigt wird, kann man bei der gesamtem Klasse die genervten Gesichter sehnen, denn jeder von uns weiß, dass wir zu dritt an einem Computer arbeiten werden, da bei Einzelarbeit das Internet zusammenbricht. Oft macht sich der Computer selbständig und schaltet sich ab, die Dateien sind dann gelöscht und wir können von Neuem beginnen.

Auch bei dem Unterricht in Klassenräumen mit Whiteboards merken wir, dass die Digitalisierung noch nicht sehr weit fortgeschritten ist. Bei der Arbeit mit den Geräten gibt es eigentlich immer Internet-, Ton- oder Bildprobleme. Noch schlimmer wird es im Sommer, denn da macht uns der Lichteinfall einen Strich durch die Rechnung. Das Bild fängt an sich zu bewegen -o ft verfärbt es sich und wird lila, der Unterricht startet dann gezwungener Maßen auf einer grünen Kreidetafel. Manchmal hat man das Gefühl, dass die Whiteboards öfter kaputt als funktionstüchtig sind. Wenn die Technik funktioniert, sind oft die Lehrer überfordert, diese zu benutzen. Der Unterricht beginnt häufig mit Fragen wie: „Wo muss ich den Stick nochmal reinstecken?“ Dann erscheinen auf dem Whitboard immer die gleichen fünf Fehlermeldungen, bei denen täglich auf „später“ gedrückt wird. Beim Öffnen der Powerpoint geht es weiter: „Wie spiele ich die Präsentation ab? Es wirkt, als wäre das Whiteboard für die Lehrer keine Unterstützung, sondern der Feind.

Ein weiterer Teil der geplanten Digitalisierung an meiner Schule, ist der Einsatz von Tablets im Unterricht. Hefteinträge sollen auf Tablets geschrieben und Aufsätze über das Gerät abgegeben werden. Einige Schüler meiner Klasse haben ihre Hefter schon gegen Tablets ausgetauscht. Die Folge: Sie chatten miteinander und teilen sich Hefteinträge über AirDrop. Ihre Einzelarbeiten werden zum weniger erwünschten Gruppenprojekt. Außerdem gucken die Schüler mit ihren Tablets im Unterricht Filme. Während die anderen ein Gedicht analysieren, beschäftigen sie sich mit ihrer Netflix-Serie – ist schließlich spannender. Manche Schüler suchen auch auf ihren Tablets nach Lösungen für unsere Arbeitsaufträge im Internet – da wird gern mal ein Wikipediaeintrag abgeschrieben. Diese Dinge sind von den Lehrern natürlich nicht gewünscht. Jedoch können sie es nur bedingt kontrollieren. Wenn diese Kontrolle bei wenigen Schülern nicht funktioniert, wie soll es dann bei einer gesamten Klasse gemacht werden?

Bei einer Umsetzung der vollständigen Digitalisierung müssten Schulen Whiteboards, Lichtschutze und WLAN-Router für schnelleres Internet anschaffen. Außerdem sollten Schulungen für Lehrer stattfinden und die Geräte müssten nach ein paar Jahren erneuert werden, da mit veralteter Technik nicht gearbeitet werden kann. Diese Dinge müssten von Steuergeldern bezahlt werden. Ich habe mal die Kosten am Beispiel meiner Schule berechnet: Ein Whiteboard inklusive Beamer von der Marke „Optoma“ kostet ungefähr 1800 Euro. Meine Schule hat ungefähr 50 Klassenräume – für diese müsste der Steuerzahler entsprechend 90.000 Euro blechen. Bei einem Preis in dieser Höhe müsste doch eigentlich erst einmal sichergestellt werden, dass es einen Mehrwert für Schüler und Lehrer hat, Whiteboards und iPads zu benutzen. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass sich die Noten der Personen, die iPads benutzen, nicht verbessert haben. Auch der Unterricht in Fächern, in denen wir Whiteboards verwenden, ist kein Gewinn zu vorher. 

Eigentlich sind ja wir, die jüngere Generation, die Menschen, die sich über die Digitalisierung freuen sollten. Die Realität ist aber: So wie die Digitalisierung an meiner Schule umgesetzt wird, sehe ich keinen Mehrwert darin. Den verantwortlichen Politikern kann ich nur sagen: Wollen Sie Ihre Pläne nicht vielleicht noch mal überdenken?

5 Antworten

  1. Holger sagt:

    Die Digitalisierung der Schulen scheitert, nicht zuletzt aber zuvorderst, schon daran, dass hierfür keine „human resources“ niemals nie nicht vorgesehen waren und sind. Es ist ja nicht damit getan, ein paar Tablets über der Schule auszuschütten. Da sind Aufgaben zu erledigen und zwar nicht im Nebenjob als affiner Lehrer. Nutzerverwaltung, Netzwerkadministration, Rollen und Berechtigungen, Fileserver, Druckermanagement, Regenerationsplanung, Contentmanagement, IT-Sicherheit, DSGVO, etc., etc. Allein jedes Jahr eine Abgangs- und eine neue Zugangsklasse erfordert in der Nutzerverwaltung ne Menge Manpower. So eine Schule mit ein paar hundert Schülern, ein paar Dutzend Lehrkräften, Verwaltung, Facility, usw. ist wie ein Betrieb. Die leisten sich eine eigene IT-Abteilung oder einen (teuren) externen Dienstleister. Solange bei der Digitalisierung der Schulen dies überhaupt keine Betrachtung findet, ist das System nach spätestens einem Jahr reif für ein „Re-Engineering“! Schönen Gruß aus der IT.

  2. Helmut sagt:

    Argh… die Autorin schreibt völlig am Thema vorbei. Ein Beispiel: Bei der Einführung digitaler Geräte in Schulen geht es weniger darum, dass nun alle bessere Noten bekommen. Neben der Anschaffung neuer Geräte muss natürlich auch die Belegschaft geschult werden. Hier kann ich aus dem Lehreralltag leider nur berichten: Junge Menschen sind willens, (fast) alle Lehrer über 45 Jahren sind nicht gewillt sich auf neue Unterrichtsmethoden einzulassen. Das ist aber weniger ein Problem der Politik, als eine Einstellungssache unserer Lieblingsgeneration, den Boomern.

    Die Leute, die vor 10 Jahren gesagt haben „Das Internet setzt sich nicht durch“ sollen nun die Digitalisierung in Schulen vorantreiben. Lächerlich. Das ist das Problem, nicht die Sache mit der Digitalisierung an sich.

    • Martin Hahn sagt:

      Der Einwand, die Autorin schreibe am Thema vorbei, ist unfair und geht selber an der Sache vorbei. Weder behauptet sie, es ginge um besser Noten noch dass Digitalisierung an sich schlecht sei. Sie beschreibt die Probleme, die an ihrer Schule bei der praktischen Umsetzung auftreten. Diese wiederum können verschiedene Ursachen haben, die mangelnde Bereitschaft (älterer) Lehrpersonen, sich darauf einzulassen, ist sicher eines davon. Solche Projekte müssen kompetent geplant werden, leider fehlen den Zuständigen da oftmals elementare Kenntnisse.

  3. Malik sagt:

    Sehr lebensnah!

    • Sebastian sagt:

      Was ist denn das Ziel der Digitalisierung, wenn nicht die Bildung zu verbessern. Digitalisierung kann doch nicht Selbstzweck sein. Hier werden Milliarden verpulvert, Lehrer sind überfordert und Schüler werden nicht besser. Es ist immer das Gleiche der Staat tut Dinge ohne die Konsequenz, den Nutzen und die Kosten zu bedenken. Erfahrungsberichte von Betroffenen sind wichtig, um die Richtigkeit staatlicher Erfolgsmeldungen einschätzen zu können. Man muss sich und wird sich an den Wandel anpassen müssen, Digitalisierung passiert. Der Staat ist mit Sicherheit nicht in der Lage sie zu gestalten, seine Aufgabe ist Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sich die beste Lösung durchsetzten kann. Mit der staatlichen Brechstange funktioniert das nicht!