Die Verwüstung ist geblieben. Eliots „The Waste Land“ wird 100 Jahre alt

Von Jonas Kürsch | In diesem Jahr feiert „Das wüste Land“ seinen einhundertsten Geburtstag. Das vom US-amerikanischen Dichter T. S. Eliot verfasste Langgedicht wird wegen seines kryptischen Inhalts, seiner bis heute unnachahmlichen Wortgewalt und seiner revolutionär anmutenden Struktur von vielen Literaten als einer der größten Beiträge zur westlichen Unterhaltungsliteratur seit William Shakespeare’s Sonetten eingeschätzt. „Das wüste Land“ beschreibt die tragische, teilweise auch komisch anmutende Vereinsamung des modernen Menschen nach der Jahrhundertwende, während der die Menschlichkeit im Angesicht einer anonymisierten und mechanisierten Kriegsgesellschaft scheinbar vollkommen abhanden gekommen zu sein scheint. Gerade im Hinblick auf die Zerstörungswut des Ersten Weltkrieges, die Eliot in seiner Lyrik zu einem der Hauptmotive macht, hat das Gedicht gerade auch in der turbulenten Gegenwartszeit nichts von seiner Relevanz verloren.

Vom Bankier zum Literaturnobelpreisträger

Thomas Stearns Eliot wird 1888 in eine angesehene Bostoner Familie geboren. Als Sohn erfolgreicher Industrieller konnte Eliot erst an der Harvard University, später an der Pariser Sorbonne studieren. Von der europäischen Kultur begeistert, siedelte Eliot 1914 endgültig nach Europa über, wo er sich nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges in England niederließ. Mit seiner Stelle als Bankier konnte er sich zwar ein sicheres Einkommen sichern, doch Eliot wusste, dass das lyrische Schreiben seine wahre Passion war und er nichts anderes beruflich machen wollte. Seinen ersten größeren Erfolg hatte er mit dem Gedicht „The Love Song of J. Alfred Prufrock“ erzielt, welches durch den Publizisten, Lyriker und späteren Freund Ezra Pound erstmals veröffentlicht wurde.

1915 heiratetet Eliot dann seine kränkliche und geistig labile Ehefrau Vivienne Haigh Wood, die ihr gesamtes Leben lang an diversen Krankheiten litt. Die Heirat stürzte ihn in eine tiefe Depression und führte zu einem schweren Nervenzusammenbruch im Jahr 1921. Im Zusammenspiel mit seinem ersten Aufeinandertreffen mit Ulysses-Autor James Joyce begann er im Folgejahr dann mit der Arbeit an seinem Hauptwerk. Im Rahmen einer „ästhetischen Entpersonalisierung“, wie Eliot seinen lyrischen Schreibstil in einem Essayband einst bezeichnete, gelang ihm die Entfernung jedweden emotionalen Ausdrucks aus dem fertigen Endprodukt. Mithilfe der auf den Leser häufig chaotisch erscheinenden Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms versuchte er die emotional gestörte und vom Krieg zerrüttete Gesellschaft der 1920er Jahre darzustellen, die ihm zufolge ihren Lebenssinn vollständig aus den Augen verloren hatte. „Das wüste Land“ traf den Zahn der Zeit wie kaum ein anderes Literaturwerk und wurde noch im selben Jahr zu einem internationalen Erfolg für Eliot. 1948 würde man ihn für sein Monumentalwerk mit dem Literaturnobelpreis auszeichnen.

„jug jug to dirty ears“

Besonders der einzigartige Ausdruck verhalf dem Gedicht zu seiner auch heute noch stetig wachsenden Leserschaft. Ein immer wiederkehrendes Sprachmittel ist dabei die Lautmalerei, mit der Eliot die unmenschliche, fast schon maschinengleiche Nachkriegsgesellschaft zu beschreiben versucht. Eines der bedeutsamstem Zitate aus seinem Gedicht ist die mehrfach auftretende Lautaneinanderreihung „jug jug“ (V. 204), gefolgt von den Worten „So rudely forc’d“ (V. 205), mit der er in Anlehnung an den Gesang einer Nachtigall das schmerzhafte Stöhnen einer vergewaltigten Frau darstellt. 

Faszinierend ist die Verwendung etlicher Referenzen auf vergangene historische Ereignisse oder andere bedeutsame Literaturwerke der Menschheitsgeschichte am Ende seines Gedichts. So enthält „Das wüste Land“ von Anspielungen auf antike Autoren wie Homer und Sophokles bis hin zu zeitgenössischen Schriftstellern wie Hermann Hesse und Aldous Huxley nahezu alles, was sich vorstellen lässt. Und trotz einer ganzen Reihe von Fußnoten des Autors sind sich Literaturforscher bis heute uneins darüber, wie sich „Das wüste Land“ vollständig interpretieren lässt. Mittlerweile wird es weitestgehend als unmöglich betrachtet, die komplexe Symbolik des Gedichtes endgültig aufzuschlüsseln. 

Die Verwüstung ist geblieben

Es ist erschreckend, dass „Das wüste Land“ selbst einhundert Jahre nach seiner Erstveröffentlichung kaum eine akkuratere Zustandsbeschreibung der Gegenwart darstellen könnte als dies für unsere Zeit der Fall ist. Nach einer inzwischen mehr als zwei Jahre andauernden Politik der totalen Selbstaufopferung liegt Europa ideologisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich in Trümmern. Die Wehmut aus Eliot’s Worten wird in den kommenden Jahren lauter nachklingen, als es vielen jetzt schon bewusst sein mag. 

Nur wenige Schriftsteller würden sich heute trauen, derartig unverblümt über den Verfallszustand des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu schreiben. T. S. Eliot’s Werk sollte daher nicht nur für seine historische Bedeutsamkeit in Erinnerung behalten, sondern vor allem auch von heutigen Autoren als Beispiel genommen werden, wie man mit Mut, Verstand und Seele die tiefliegenden Probleme unserer Zeit in der Gegenwartsliteratur verarbeiten kann.

„April is the cruelest month, breeding
Lilacs out of the dead land, mixing
Memory and desire, stirring
Dull roots with spring rain.“ 

– die ersten vier Verse aus T. S. Eliot’s ‚The Waste Land

 

Zum Gedicht: The Waste Land by T. S. Eliot; www.poetryfoundation.org 

Bildquelle: The waste land, public domain, Collage von LF

1 Antwort

  1. Lisa S. sagt:

    “ Nach einer inzwischen mehr als zwei Jahre andauernden Politik der totalen Selbstaufopferung liegt Europa ideologisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich in Trümmern“ – Sie sagen es. Hoffentlich kommen wir aus unserem persönlichen Waste Land irgendwann auch wieder raus..