Die Unveranstaltung des Jahres

Von MAX ROLAND | Das „Unwort des Jahres“ 2018 ist „Anti-Abschiebe-Industrie“. Wenn eine politisch klar gefärbte Jury Sprachpolizei spielt, haben wir eindeutig eine Unveranstaltung gefunden, die es leider jedes Jahr gibt.

Brauchen wir ein „Unwort des Jahres“ überhaupt? Ich finde diese Veranstaltung grundsätzlich problematisch. „Die Jury besteht aus vier SprachwissenschaftlerInnen und einem Journalisten, die Sprachkritik auch außerhalb der Universität für relevant halten“: So steht es auf der Website. Und diese Mitglieder erzählen  uns alle Jahre wieder, welches Wort im vergangenen Jahr ganz ganz doll bäh war. „Sprachkritik“ heißt das dann. „Die Aktion „Unwort des Jahres“ versteht sich als eine sprachkritische Initiative, die in einer Zeit, in der der gesellschaftliche Konsens über die Grundprinzipien der Demokratie in Gefahr zu sein scheint, die Grenzen des öffentlich Sagbaren in unserer Gesellschaft anmahnen sollte“, heißt es ebenfalls auf der Website. Doch wer sich die „Unwörter“ der letzten Jahre anguckt, wird etwas feststellen: Diese „Grenzen des öffentlich Sagbaren“ scheinen doch eher Links zu liegen. Beispiel: 2015 war das Unwort des Jahres „Gutmensch“, 2017  war unter anderem „Gender-Wahn“ unter den Top-Kandidaten. Immer war es ein Ausdruck, der vom (vermeintlich) rechten Spektrum verwendet wurde. Für die Jury alles Wörter, die die “Menschenwürde” verletzen. “Menschenwürde”. Das war mal die kluge Konsequenz, die das Grundgesetz aus dem Nazi-Terror zog, als in Artikel 1 eben jene als unantastbar definiert wurde. Doch für die politische Linke ist “Menschenwürde” zur politischen Piñata geworden: Es wird politisch derart totgeprügelt, indem jede noch so verquere Maßnahme, jeder noch so verquere Vorschlag mit “Menschenwürde” gerechtfertigt wird. Im Sinne des Grundgesetzes ist das sicher nicht – aber weiter im Text.

Das Unwort 2018 ist jetzt „Anti-Abschiebe-Industrie“. Die Begründung: „Der Ausdruck Anti-Abschiebe-Industrie wurde im Mai 2018 durch Alexander Dobrindt, den Vorsitzenden der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag, als offensichtlicher Kampfbegriff in die politische Diskussion eingeführt (…). Der Ausdruck unterstellt denjenigen, die abgelehnte Asylbewerber rechtlich unterstützen und Abschiebungen auf dem Rechtsweg prüfen, die Absicht, auch kriminell gewordene Flüchtlinge schützen und damit in großem Maßstab Geld verdienen zu wollen.“  Dass ein Politiker der Regierungsparteien das sagt, würde zeigen, „wie sich der politische Diskurs sprachlich und in der Sache nach rechts verschoben hat und sich damit auch die Sagbarkeitsregeln in unserer Demokratie in bedenklicher Weise verändern.“

Die Sagbarkeitsregeln. Vielleicht ist das das Unwort des Jahres: Sagbarkeitsregeln und eine demokratische, liberale Gesellschaft passen für mich nicht zusammen. Wer Sagbarkeitsregeln will, der will festlegen, was nicht gesagt werden kann. Und diese Anmaßung steht keinem gut zu Gesicht, egal, wie viele Germanistik-Lehrstühle man hat. Eine kritische Auseinandersetzung mit Sprache gleitet leider allzu oft in hypermoralisierende PC-Hexenjagden ab. Und die Inquisitoren scheinen politisch klar voreingenommen zu sein.

Ich sage „Anti-Abschiebe-Industrie“ übrigens nicht: Ich sage Asyllobby. Geht das, liebe Jury? Bevor Sie jetzt wieder eine lange Erklärung formulieren, warum auch das die “Sagbarkeitsregeln” nach Rechts verschiebt und die Menschenwürde angreift und generell ganz ganz doll böse ist: Lassen Sie doch lieber unsere gemeinsame Sprache in Ruhe. Das würde dem Gesellschaftlichen Diskurs allgemein guttun.

4 Antworten

  1. Monty Allerdings sagt:

    Dient nur der unnötigen Einschränkung des Diskurses wie in der DDR.

  2. moneypenny sagt:

    Ich schlage vor als Unwort des Jahres (und der kommenden) : „Unwort“.